Was macht China eigentlich in Nicaragua?

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Bereits 1901, als der US-Kongress darüber beriet, wo eine mögliche Verbindung zwischen dem Atlantik und dem Pazifik entstehen könnte, war Nicaragua im Gespräch. Damals fiel die Entscheidung auf Panama und der 1914 eröffnete Kanal ersparte den Seefahrern den beschwerlichen Weg um das Kap Hoorn.

Nachdem der Gedanke, einen Kanal durch Nicaragua zu bauen, im letzten Jahrhundert immer wieder aktuell war, scheint er nun in den nächsten Jahren tatsächlich realisiert zu werden.

Das Mega-Projekt

Im Juni 2013 verabschiedete die nicaraguanische Nationalversammlung ein Gesetz, das dem chinesischen Unternehmer Wang Jing und der Hongkong Nicaragua Development-Group (HKND-Group) die Rechte für den Bau und die Nutzung des Kanals zusicherte. Und das für die nächsten 100 Jahre.

Der Nicaraguakanal wäre dreimal so lang und fast doppelt so tief wie der Panamakanal, er soll insgesamt 278 Kilometer lang und 30 Meter tief werden. Schiffe, die einen Kanal dieses Ausmaßes benötigen, wurden noch nicht gebaut und auch Häfen für Schiffsfrachtverkehr dieser Größenordnung gibt es bis heute nicht.

Ob der Kanal durch Nicaragua am Ende ausgelastet wäre, steht also in den Sternen, auch weil die im Juni 2016 abgeschlossene Erweiterung des Panamakanals das Passieren von Schiffen mit 14.000 TEU (Standardcontainer) garantiert. Der Nicaragua-Kanal würde Schiffe mit 23.000 TEU fassen können, im Moment plant jedoch niemand den Bau solcher Maschinen.

Wer steckt eigentlich dahinter?

Vorgesehen ist, den Kanal in den nächsten fünf Jahren fertig zu bauen. Jedoch ist dies aufgrund mangelnder Finanzierungspläne und Machbarkeitsstudien kaum realistisch umsetzbar. Über die aus Hongkong stammende HKND-Group und Wang Jing ist nicht viel bekannt, was es wiederum schwierig macht, die Pläne einzuschätzen.

Der chinesische Präsident äußerte sich gegenüber Nicaragua, dass er keinen Kanal in Nicaragua bauen wolle. Dennoch wird spekuliert, dass der Privatier Wang Jing Kontakte zur chinesischen Regierung pflegt. Der Kanal wäre für China auch von geostrategischem Interesse gegen die USA. Denn historisch wird Lateinamerika als “Hinterhof” der USA angesehen. Demnach ist zu bezweifeln, ob die USA erhöhten chinesischen Einfluss in ihrem Hinterhof haben wollen.

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Die große Hoffnung der Regierung und der Befürworter des Projekts ist, dass der Kanal für mehrere Billionen US-Dollar an Investitionen für zehntausende Arbeitsplätze sorgen würde. Unterstützung der Bevölkerung kommt dabei aber hauptsächlich aus dem urbanen Raum, wo das Leben der Menschen nicht direkt vom Kanal betroffen wäre.

Eine Bedrohung für den Mensch und die Natur?

Die Gegner des Kanals sehen vor allem zwei Gefahren bei der Realisierung des Megaprojekts. Zum einen hat Wang Jing die Verfügungsgewalt über das Land, durch den der Kanal gehen soll und damit das Recht, die dort lebenden Menschen zu vertreiben. Sie müssen das Land verlassen, auf dem sie oft schon seit Generationen leben, ohne dafür eine vernünftige Entschädigung zu erhalten. Die Bewegung der Campesinos (Bauern) “Consejo Nacional para la Defensa de la Tierra, Lago y Soberanía” ist eine der lautesten Stimmen gegen das Projekt und fordert die Regierung auf, ihr Land zu schützen.

Zum anderen hätte der Bau fatale Folgen für die höchst sensible und einzigartige Natur des Landes. Der Kanal soll durch den Nicaraguasee gehen, der ein weltweit unvergleichliches Biotop darstellt. Der größte Binnensee Mittelamerikas ist die Heimat zahlreicher bedrohter Tierarten, wie zum Beispiel dem Süßwasserhai.

Darüber hinaus stellt der See eine wichtige Wasserquelle für die regionalen Bevölkerungsgruppen dar. Da aber der See nicht tief genug ist, würden rund 700m³ der Seesohle abgetragen werden und könnten so die Wasserquelle gefährden.

Die exakten Konsequenzen für die Umwelt sind aufgrund mangelnder Forschung nicht ganz klar. Sicher ist jedoch, dass der See in seiner heutigen Form nicht mehr existieren würde. Bedroht wäre zudem die in dem See liegende Insel namens Ometepe, die weltweit größte vulkanische Süßwasserseeinsel, sowie die Flora und Fauna der pazifischen und karibischen Küstenregionen. Das Humboldt-Zentrum in Nicaragua geht von mindestens zwölf bedrohten Tierarten aus.

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Zwischen Ängsten und Hoffnung

Durch den Bau des Nicaragua-Kanals wird also zunächst ein großer Teil der ohnehin schon zerstörten Wälder, Gewässer und Naturschutzgebiete angegriffen. Doch auch nach dem Abschluss der Bauarbeiten würde die Umwelt durch erhöhte Verschmutzung und Verkehr weiter belastet werden. Trotzdem sind einige Bewohner der Region für den Kanal, da sie darin die einzige Chance sehen, die stagnierende Wirtschaft anzukurbeln und der Jugend eine Perspektive zu bieten.

Die wundervolle Natur auf Ometepe und des Nicaraguasees locken jedes Jahr zahlreiche Touristen an und bilden somit auch eine wichtige Einnahmequelle. Viele Menschen fürchten, dass im Zuge des Kanalbaus weniger Besucher kommen würden.

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Die Ometepe-Insel in Nicaragua

Obwohl der indigenen Bevölkerung an der karibischen Küstenregion 2003 per Gesetz ein Recht auf das Land zugesichert wurde, ist dieses durch den Deal mit der HKND-Group praktisch ausgehebelt — beziehungsweise nach wie vor nicht richtig geklärt. Aber auch innerhalb der indigenen Gemeinschaften sind die Menschen geteilter Meinung. Einige sehen eine Chance des Aufschwungs und die anderen einen Übergriff des globalisierten Kapitalismus.

Was hat China mit Nicaragua zu tun? Und vor allem: Welche Interessen stehen wirklich hinter diesem Projekt? Diese Frage muss auf jeden Fall gestellt werden — gerade weil Nicaragua nicht die besten Erfahrungen mit ausländischen Eingriffen in das Geschehen des Landes gemacht hat. Ob das Projekt in den nächsten fünf Jahren oder überhaupt fertiggestellt wird, bleibt offen, die Bauarbeiten haben auf jeden Fall schon begonnen.

Anmerkung der Autorin: Aus Gründen der angenehmeren Lesbarkeit wurde auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten in diesem Kontext gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Laura May hat einen Bachelor-Abschluss in Theater-, Film- und Medienwissenschaft und hat Politikwissenschaft an der Universität Wien absolviert.

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