Mehr Popkultur Musik Popkultur

Rock im Dorf & Co: Der große Charme der kleinen Festivals

Wie Margaret Fuller schon sagte: “Ohne Kleine gäbe es keine Großen”

Rock im Dorf & Co: Der große Charme der kleinen Festivals 14. Juni 20173 Comments

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Festival

Es gibt kaum etwas Schöneres, als mit Paletten voller Bier, Campingsesseln, spottbilligen Wurfzelten und Suppe aus der Dose an einen Ort zu pilgern und nicht zu wissen, was einen dort die nächsten Tage erwarten wird. Festivals sind großartig, sie vereinen die unterschiedlichsten Menschen zu einem großen Einen. Der Grund dafür ist die Liebe zur Musik oder auch zu anarchieähnlichen Zuständen.

Wer aber nach mindestens einem halben Jahrzehnt auf Festivals eine Aversion gegen Menschenmassen und lange Warteschlangen in der prallen Sonne entwickelt hat, wird auch in der Zukunft am Nova Rock, Frequency und Lake Festival keinen allzu großen Spaß haben. Es ist überall furchtbar dreckig, die Einlasskontrollen dauern ewig und der Gestank nach Urin ist allgegenwärtig. Das Level an Akzeptanz gegenüber schlechter Musik sinkt und sinkt und verwandelt sich schließlich in Aggression, wenn die 16-jährigen ZeltnachbarInnen beginnen, Avicii rauf und runter zu spielen. Viele von uns legen mit steigendem Alter mehr Wert auf Sauberkeit, körperliche Bewegungsfreiheit, gegenseitigen Respekt, Ruhe und Stille während des Schlafs, Umweltbewusstsein und Intimität.

Kleine Festivals — die oftmals gar nicht so klein sind — kommen diesen Vorstellungen öfter nach als große, da es ihre Kapazitäten leichter ermöglichen und MitarbeiterInnen oft selbst zu hundert Prozent mit dem Herzen dabei sind. Dementsprechend herausragend ist auch das jeweilige Line-up. Natürlich, Metallica oder Mumford and Sons werden nicht auf einem Festival spielen, dessen Kartenlimit bei 4.000 Stück liegt. Aber ehrlich, als treuer Fan hat man diese sowieso schon gesehen. Wie Margaret Fuller schon sagte: “Ohne Kleine gäbe es keine Großen.” Und oft vergessen wir, dass jede Band einmal klein angefangen hat.

Wo sich die Campingplätze nur einen Steinwurf von der Bühne entfernt befinden, der Kebab einem vegetarischen Wrap weicht und welche Acts sich heuer überhaupt auf kleineren Festivals blicken lassen, möchten wir euch hier zeigen.

Rock im Dorf

Früher war Schlierbach ausschließlich für das Stift und dessen Käserei bekannt. Heute hingegen dient der malerische Ort im oberösterreichischen Kremstal als Veranstaltungsort des Rock im Dorf Festivals, das heuer am 14. und 15. Juli stattfinden wird. Intimität, Regionalität und vor allem Qualität abseits des Mainstreams ist den jungen Veranstaltern seit jeher wichtig. FM4-lastige Bands wie Bilderbuch, Gerard, Krautschädl, Wanda, Steaming Satellites und OK Kid durften in den letzten Jahren für Stimmung sorgen. Um als treuer Fan in den ersten Reihen stehen zu können muss sich auch nicht zwei Stunden vor dem Auftritt in den Wave Breaker gezwängt werden — den gibt es nämlich gar nicht.

© Arne Mueseler/rockimdorf.at/Pressefoto

Für das diesjährige Event konnten 18 Acts organisiert werden, die an zwei Tagen verteilt auftreten. Unter anderem dabei: Crack Ignaz, der gemeinsam mit Wandl im letzten Jahr das Album Geld Leben aufgenommen hat. Granada, Texta und Der Nino aus Wien werden auch ihr musikalisches Talent unter Beweis stellen. Mit dabei auch einige talentierte Frauen wie etwa Leyya, die erst im März den FM4-Award einheimsen durfte. Wer bei Bilderbuchs Magic Life Tour dabei war, wird auch folgende Künstlerin kennen: Mavi Phoenix. Als Vorband von Bilderbuch hat die äußerst junge Künstlerin bereits einen sehr selbstsicheren und coolen Auftritt hingelegt.

Nachdem das oberösterreichische Kremstal schon einige bekannte Künstler hervorgebracht hat, ist es auch immer erfreulich, wenn es sie mit ihren BandkollegInnen wieder zurück ins Kremstal verschlägt. Die Rede ist von Farewell Dear Ghost, der Song “We Were Wild Once” geht uns einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Zusätzlich zu diesem hochkarätigen Line-up wird es am Donnerstag vor dem eigentlichen Festival einen Karbarettabend mit der Austrofred Academy geben. Jedes Jahr wird dieser auf einer der beiden Bühnen veranstaltet, letztes Jahr mit Maschek. Die vielen ehrenamtlichen MitgliederInnen leisten großartige Arbeit und kümmern sich auch intensiv um die umliegende Natur des Geländes, damit der angrenzende Bach und die Wiesen nach dem Festival nicht verschmutzt bleiben. Darum wurde das Rock im Dorf bereits mehrmals vom Österreichischen Umweltzeichen für Veranstaltungen und dem Klimabündnis Oberösterreich als Green Event ausgezeichnet. Auch die Tatsache, dass auf regionale Produkte und kurze Transportwege Wert gelegt wird, macht das Rock im Dorf als Gesamtkonzept wahnsinnig interessant.

Sonograph Festival 

Ein weiteres oberösterreichisches Festival findet in der ehemaligen Geburtenstation eines alten Krankenhauses in Vöcklabruck statt. Bereits zum vierten Mal werden hier keine Babys mehr geboren, sondern bereits “geborene Babys” — im übertragenen Sinne — gespielt. Zwischen dem 15. und 16. September werden elf Bands diese dann zum Besten geben. Heuer im Line-up vertreten: You Know, We Blame The Empire, Red Machete, Gospel Dating Service, Flut und einige mehr.


MEHR: Gospel Dating Service im Interview: “Auf Österreich liegt derzeit große Aufmerksamkeit”


Auch das Sonograph Festival setzt auf Regionalität. Die vier Jungs von We Blame The Empire sind aus Vöcklabruck und haben erst im vergangenen Jänner ihr Debütalbum Der Name ist Programm gedroppt. Viele Bands orientieren sich bei diesem Festival an den Hard-Rock-Bereich — wenig mit Indie, dafür einiges an Rock, Folk und Soul. Gefühlvolle Musik bleibt aber nicht aus, denn für diese sorgt Bernhard Eder. Für die Älteren etwas Bekanntes, für die Jüngeren etwas Neues ist die Musik von Flut. Diese junge oberösterreichische Band hat sich in der jetzigen Formation — lustigerweise — am Rock im Dorf 2013 kennengelernt, wohnt heute in Wien und veröffentlichte vor Kurzem ihre Debüt-EP Nachtschicht. Angelehnt ist ihre Musik eindeutig an die 1980er Jahre. “Linz bei Nacht” ist einigen FM4-HörerInnen vielleicht aus dem Radio bekannt.

Manuel Bader
© Manuel Bader

Der Charme des Sonograph Festivals liegt sicher bei der Location und den regionalen Bands, die sich teilweise noch einen Namen machen müssen. Wie das Rock im Dorf gibt auch das Sonograph Festival Acht auf Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, sogar für VeganerInnen wird es Gerichte aus regionalen Bio-Produkten geben. Ohne dem Kulturverein Young and Culture Vöcklabruck und den dahinter stehenden Personen würde das Festival nicht zustande kommen und BesucherInnen der verschiedensten Altersgruppen anlocken.

Acoustic Lakeside 

Jährlich strömen viele Festivalbegeisterte nach Kärnten zum Sonnegger See, wo das Acoustic Lakeside heuer zwischen 20. und 22. Juli veranstaltet wird. Wie uns das Urban Art Forms früher am Schwarzl See gezeigt hat, sorgt die Kombination aus einer Bademöglichkeit und guter Musik immer für eine gute Stimmung. Wie der Name des Festivals schon erahnen lässt, ist Akustik ein besonders großes Thema. Mit speziell angefertigten Acoustic-Sets sind die Lieblingsacts, die der Independent- und Sub-Pop-Szene angehören, von der Blumenwiese am Seeufer aus zu hören.

© Michael Hametner/Flickr

Neben Albert af Ekenstam, Ansa Sauermann, Jake Bugg, José González, Ben Gibbard, Dawa und Yalta Club sind viele hochrangige nationale und auch österreichische Künstler vertreten. Wer Leyya am Rock im Dorf verpasst, hat hier die Möglichkeit, sie live zu erleben.

Ein weiterer Punkt, der die Vorfreude auf das Acoustic Lakeside steigen lässt, sind die verschiedenen kulinarischen Angebote, die schon auf der Homepage des Festivals zu lesen sind. Somit kann schon vorher geplant werden, ob Tacos, Burger mit hausgemachten Pommes, vegane Klassiker oder typische Wirtshausspeisen — oder alles auf einmal — verspeist werden sollen. Kärntner Klassiker wie Kas- und Specknudeln inklusive.


MEHR: Was mir an Diskussionen über Nachhaltigkeit auf die Nerven geht


Das Acoustic Lakeside wird zudem cashless ablaufen. Für FestivalbesucherInnen ist das insofern praktisch, da kein Bargeld benötigt wird. Natürlich kann Geld von der Bankomat- oder Kreditkarte auf die Scheckkarte übertragen werden. Auch der Vogal-Shop sollte besucht werden, denn dort können T-Shirts, Pullover und Jutebeutel im grafischen Stil des Festivals erstanden werden. Eine durch und durch toll geplante Veranstaltung, die schon Größen wie die Crystal Fighters, Steaming Satellites und The Fratellis nach Kärnten zog.

An dieser Stelle wären noch viele weitere österreichische Festivals erwähnenswert, die ebenfalls eine Alternative zu Massenveranstaltungen bieten. Wir freuen uns einen eindeutigen Trend zu Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und Regionalität erkennen zu können. Die hier vorgestellten Festivals haben sich über mehr oder weniger Jahre hinweg etabliert. Vielleicht weil sie ihrem Publikum genau das liefern, was es will. Nämlich gute Musik in einem stressfreien, intimen und familiären Ambiente.

Lisa auf Twitter: @lugerblis 

[Foto: © Michael Hametner/Acoustic Lakeside/Flickr/Illustration von kultort.at]

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

3 comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*