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Gerard im Interview: “In 5 Jahren wird nur mehr gestreamt”

Über die Anfänge seiner Karriere, die Zukunft der Musikindustrie und was auf der Bucket List des in Wien lebenden Rappers noch ganz oben steht

Gerard im Interview: “In 5 Jahren wird nur mehr gestreamt” 19. Juni 20173 Comments

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Während sich die österreichische Musikszene derzeit in einer spannenden Entwicklungsphase befindet, gilt Gerard nun schon seit mehreren Jahren als einer der kreativsten und populärsten Musiker des Landes.

Mit seinem neuen Album namens AAA setzt der in Wien lebende Rapper seinen Erfolgslauf fort und imponiert mit einer Kombination aus gewagten, aber gleichzeitig ins Ohr springenden Soundkonstruktionen, gepaart mit persönlichen, auf den Punkt bringenden Texten, welche im deutschsprachigen Raum seinesgleichen suchen.

Anlässlich des Release seiner neuen LP, die am 23. Juni erscheint, hat sich kultort.at mit Gerard getroffen, um über die Anfänge seiner Rap-Karriere zu sprechen, wie die Zukunft der Musikindustrie aussehen wird und was auf der Bucket List des gebürtigen Oberösterreichers noch ganz oben steht.

kultort.at: Manchen wird gar nicht bewusst sein, wie lange du eigentlich schon Musik machst. Dein erstes Album Blur kam bereits 2009 heraus, vier Jahre später hast du dich mit deinem Durchbruchsalbum Blausicht allerdings für eine etwas andere Richtung entschieden. Wie schwierig war es für dich, diesen zu dir wirklich perfekt passenden Stil zu finden?

Gerard: Ich glaube, es war für mich eine eher logische Weiterentwicklung, denn wie Miles Davis [US-amerikanischer Jazz-Trompeter] schon sagte: “Sometimes you have to play a long time to be able to play like yourself.” Blausicht entstand zu einer Zeit, wo ich mit meinem Studium [Rechtswissenschaften] fertig wurde und mir dachte, dass nun wirklich alles rundherum passen muss — also nicht nur die Musik, sondern auch Fotos, Videos und so weiter. Bei meinen ersten Projekten war das alles nicht so bedacht.

Früher habe ich es mehr als Hobby angesehen und hätte mir nie gedacht, dass ich das einmal professionell machen werde. Von unserer Generation — wenn man das so sagen kann — hat es zu dieser Zeit ja keine österreichischen Acts gegeben, die von der Musik leben haben können. Jetzt gibt es Bilderbuch, Wanda, mich und noch so viele mehr, aber wo ich mit 16 Jahren angefangen habe — da hat es ja außer den Schlagerstars kaum jemanden gegeben, an dem wir uns orientieren hätten können.

Bei Blausicht habe ich mir dann schon gedacht: “OK, ich setze jetzt alles auf eine Karte.” Dabei habe ich viel Geld investiert. Das war schon wirklich ein riskanter Schritt — bin sogar ins Minus gegangen.

© Lisa Lugerbauer
© Lisa Lugerbauer

Was bei deinen Texten immer wieder beeindruckt — du schreckst wirklich nicht davor zurück, sehr persönliche Themen anzusprechen. Tust du dir beim Schreiben dieser Songs besonders schwer? Und gibt es für dich auch eine bestimmte Grenze?

Eigentlich nicht. Wenn ich Musik mache, denke ich über so etwas gar nicht nach, weil wenn du dabei zum Überlegen anfängst, dann beginnst du allgemein zu verkrampfen. Also ich schreibe total aus dem Bauch heraus und es gibt auch keine Grenzen — solange es mich betrifft, habe ich keine Scham, weil ich nichts Peinliches erlebt habe, was irgendwer anderes nicht auch schon erlebt hat.

Und welchen Text würdest du als deinen bisher persönlichsten bezeichnen?

“Was bleibt” — die letzte Nummer auf Blur. Das ist ein Song, der auch heute noch selbst neueren Fans sehr gefällt. Darin geht es um eine Freundin von mir, die sich damals umgebracht hat.

Um sie geht es auch in “Nichts” auf Blausicht.

Eigentlich sind alle meine Texte sehr persönlich, aber diese beiden sind definitiv die für mich emotionalsten.

Wann genau hattest du dann eigentlich dieses sogenannte Aha-Erlebnis, dass Musik machen wirklich dein Beruf werden kann?

Wie mich Prinz Pi auf seine Tour mitgenommen hat — das war 2010 oder 2011. Zuvor dachte ich eher so: “Ok, auf dieser Seite sind wir, die so dreimal im Jahr auftreten — und hier sind all diese Top-Ten-Acts, die ständig auf Tour gehen.” Da erkannte ich, dass Prinz Pi eigentlich gar nicht so viel anders macht als wir, nur einfach viel mehr Arbeit hineinsteckt. Kochen tut er aber auch nur mit Wasser — so wie jeder.

Wärst du mit Prinz Porno auch auf Tour gegangen?

[lacht] Damals wäre ich mit jedem auf Tour gegangen, der mich gefragt hätte.

Dann lass uns über dein neues Album AAA sprechen. Die erste, offensichtliche Frage lautet natürlich: Wofür stehen die drei A?

Jeder kann das wirklich für sich interpretieren. Angefangen hat es mit Alles auf Anfang, weil es darum geht, dass wir in einer sehr schnelllebigen Welt leben, jede Sekunde wieder alles bei null beginnt und dass man deswegen ab und zu auch was riskieren sollte, weil es sowieso keine Sicherheit mehr gibt im herkömmlichen Sinn.

Meine zweite Interpretation lautet Anders als alles, weil ich mein eigenes Genre etablieren möchte und ich mir wünsche, dass man irgendwann nicht mehr darüber diskutiert, ob das Hip-Hop oder Pop sei, sondern es sozusagen als “Gerard-Musik” bezeichnet.

Drittens ist Access All Areas, weil es ein sehr persönliches Album ist — und in der limitierten Fan-Box befindet sich meine Zweithandynummer und ein Backstage-Pass, wo ich dann mit den Fans auf WhatsApp schreiben und sie auf Tour treffen werde.

Nachdem alle drei Titel gepasst haben, beließ ich es einfach bei AAA. Aber wie gesagt, ich bin da auch gerne für andere Interpretationen offen.

“Konichiwa”, nach “Luftlöcher” die zweite Singleauskopplung deines neuen Albums. Auf den ersten Blick — auch das Video — einer deiner Hip-Hop-lastigsten Tracks seit Langem. Kann man diesen Song als ein Statement verstehen, dass du auch das reine Rappen immer noch draufhast?

Genau, so war es gemeint. Also ich rappe jetzt ja schon seit Ewigkeiten, mich fordert es aber eher heraus, neue Dinge auszuprobieren. “Konichiwa” war als Single gar nicht gedacht, aber weil er allen so gut gefallen hat, dachte ich mir, wir bringen ihn einfach heraus.

Würdest du dich eigentlich trauen, ohne intensive Promophase ein Album á la Beyoncé einfach so zu droppen?

Würde ich schon, ja. Es macht mir aber einfach Spaß, den Leuten mit Instagram-Storys und Co. diesen ganzen Prozess zu zeigen. Mit Social Media kannst du auch im Alltag sehr kreativ sein, was mir richtig Freude bereitet. Das würde ich bei solch einem Album-Release aus dem Nichts vermissen.

Ich weiß auch nicht, wie viele richtige Alben ich noch machen werde. Vor ein paar Tagen habe ich mein neues Album bekommen und konnte es mir gar nicht anhören, weil ich keinen CD-Player zuhause habe. [lacht] So geht es vielen, würde ich sagen. Und ich glaube, dass das Format Album in spätestens fünf Jahren nicht mehr aktuell sein wird. Sieh dir Drake an mit seinen Online-Playlists. Also denke ich, dass in fünf Jahren nur mehr gestreamt wird. Ich habe mir vorgenommen, ich mache noch rund drei Alben, aber dann nur mehr Songs.

Was auch auffällt, ist die schon seit Jahren sehr enge Beziehung zu deinen Fans. Wie viel “Arbeit” steckt hinter dem Aufrechterhalten dieser Verbindung?

Als Arbeit empfinde ich es wirklich nicht. Auf Tour habe ich gemerkt, dass ich durch die Bank wirklich nette Fans habe, mit denen ich mich gerne unterhalte. Zum Beispiel bei den Amadeus [Austrian Music] Awards war ich mit +3 auf der Gästeliste — und bevor ich irgendwelche Freunde mitnehme [lacht], lade ich lieber drei Fans ein und mach was daraus. Der Amadeus ist ja auch nicht wirklich das Spannendste, deswegen dachte ich mir, wenn ich damit etwas verbinden kann, dann macht es mir umso mehr Spaß.

© Lisa Lugerbauer
© Lisa Lugerbauer

Anfang des Jahres, als langsam die Promophase für AAA eingeleitet wurde, hast du auch begonnen, die sozialen Netzwerke wieder intensiver zu nutzen? Wie wichtig ist Social Media heutzutage für einen Künstler? Geht es eigentlich noch ohne?

Nein, ich glaube, nichts mehr geht ohne Social Media — das betrifft auch Marken oder Unternehmen. Ich habe gerade erst eine Statistik gelesen, dass die Bevölkerung heutzutage eine absurd hohe Anzahl an Stunden auf Social Media verbringt.

In Österreich hinken Marken noch sehr hinterher und checken nicht, dass Plakatwerbung oder ein Banner einfach nichts mehr bringt. Es ist Fakt, dass unsere Generation im Gehirn einen Banner-Filter entwickelt hat — also wir nehmen sie gar nicht mehr wahr. Und Straßenplakate auf der Straße interessieren ja keinen mehr, da schaut man eher auf sein Handy.

Speziell in den USA investieren Marken schon seit Jahren extrem viel Geld in Social Media — in Österreich, so wie immer, wird das etwas länger dauern. Und wenn man in diesem Bereich etwas macht, ist es sehr wichtig, dass man immer am Laufenden bleibt. Deswegen darf man da auch nicht so sentimental sein. Wenn CDs nicht mehr gefragt sind, dann mach ich einfach keine CDs mehr.

Im Dezember des vergangenen Jahres hast du zudem dein eigenes Label namens Futuresfuture gegründet. Wie ist es dazu gekommen? Und was möchtest du mit diesem Label erreichen?

Großteils habe ich eh schon alles selbst gemacht, deswegen war Futuresfuture zu diesem Zeitpunkt meiner Karriere der nächste logische Schritt. Und diese bereits erwähnte Schnelllebigkeit führt gerade dazu, dass die herkömmlichen Infrastrukturen der Musikindustrie überhaupt nicht mehr auf die aktuelle Situation zutreffen. Die Künstler sind schon so selbstständig, brauchen nicht mehr viel Budget und wollen schnell arbeiten. Dazu sind die aktuellen Konditionen unfair.

Die Arbeit von einem Label wird eine ganz andere. Es geht nicht mehr ums CD-Pressen oder so, sondern wichtig ist ein bestimmtes Netzwerk und ein Know-How.

Du bist dann sozusagen nicht mehr nur Spieler, sondern auch Spielercoach?

Genau, das ist der Gedanke dahinter. Und speziell diese erste Entwicklungsphase der noch jungen Acts, wie Jugo Ürdens oder die Schönbrunner Gloriettenstürmer, finde ich unglaublich spannend.

Gibt es auf deiner Bucket List sonst bestimmte Dinge, die du in deiner Karriere unbedingt noch erreicht haben möchtest?

Tausende, neben meiner Musik und Futuresfuture auch in anderen Bereichen. Ein Buch und einen Film möchte ich schreiben — und schauspielern würde ich auch gerne mal.

Anmerkung des Autors: Aus Gründen der angenehmeren Lesbarkeit wurde in diesem Beitrag bzw. Interview auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten in diesem Kontext gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Ein besonderes Dankeschön geht an Lisa Lugerbauer für die Bilder des Interviews.

Johannes auf Twitter: @Joe_Pressler

[Foto: © Christoph Hofbauer/Futuresfuture/Illustration von Simon Eder]

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