‘Durchleuchtet’: Das Facebook-Profil der Grünen

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Wenn man sich bereits mit den Online-Auftritten des politischen Trio Infernal der österreichischen Parteienlandschaft auseinandergesetzt hat und vom glänzenden Auftritt eines Kurz und Kern bis hinunter in die populistische Schlangengrube von HC Strache geblickt hat, zögert man zu Beginn durchaus, sich mit den verbleibenden Oppositionsparteien zu beschäftigen. Einerseits befürchtet man, zu wenig Content geliefert zu bekommen — andererseits könnte man vermuten, dass der vorhandene Content vergleichsweise eher unspannend ausfällt. Glücklicherweise haben wir uns in dieser Annahme getäuscht.

Alleine das erste Posting der Grünen vom 11. August 2008 ist in seiner Vollkommenheit eine reiche Entlohnung für die Durchführung der gesamten Analyse. Es scheint sich um ein Video aus dem Nationalratswahlkampf 2008 zu handeln, eine weiterführende Erklärung der (objektiv gesehen unglaublich amüsanten) Ereignisse in diesem Video wird uns wohl allerdings verwehrt bleiben. Nachdem “gimme a ringtone” geistig wie in Worten nur schwer zu fassen ist, seht am besten selbst:

 

Aber im Ernst, prinzipiell versuchen die Grünen, über ihre Facebook-Seite eher Ideen und eine korrespondierende Ideologie dahinter zu verbreiten, als dem Personenkult zu frönen (an dieser Stelle ein Verweis zu den Analysen von Christian Kern und Sebastian Kurz). Durchaus gewollt schreiben wir hier “versuchen”, denn zwangsläufig ergibt sich aus einer Oppositionsarbeit, die bei den Grünen stark von EinzelakteurInnen getragen wird. Siehe beispielsweise die Rolle von Peter Pilz in der Causa Eurofighter oder die Wichtigkeit eines Werner Koglers (der übrigens auch den österreichischen Filibuster-Rekord hält!) im Hypo-U-Ausschuss — eine zwangsläufige Konzentration von Namen und Persönlichkeiten in ihren Postings.

Das führt zumindest im Ansatz zu ähnlichen Mustern wie auf anderen parteipolitischen Facebook-Seiten: Ideen werden von Personen getragen, nicht Personen von Ideen (wie man es sich von einer basisdemokratischen Partei mit Wurzeln in der Umweltbewegung wohl eher wünschen würde).

Ein weiterer Faktor, der einem gewissen Fokus auf Einzelpersonen in die Hände spielt, ist die durchschnittlich lange Verweildauer von grünen Vorsitzenden. Während die ÖVP als Partei mit recht hohem Verschleiß in den letzten 20 Jahren sechs Bundesparteivorsitzende hatte, wechselten sich an der SPÖ-Spitze immerhin vier Personen ab. Bei den Grünen gab es von 1997 bis zur kürzlichen Übernahme durch Ulrike Lunacek und Ingrid Felipe exakt zwei Parteivorsitzende. Nachdem einer davon auch nach seiner offiziellen Zeit als Grüner von der Partei als Bundespräsident unterstützt wurde, überrascht es nicht, dass sich auch die Top-Postings auf der grünen Facebook-Präsenz um den wohl wichtigsten österreichischen Grünen in den letzten Jahrzehnten drehen: Alexander van der Bellen.

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Anzahl der Likes von Beiträgen im Zeitablauf (Klick für größere Version)

Zwei der Top-3-Postings behandeln die Bundespräsidentschaftswahlen. Auf Platz 1 liegt ein Wahlaufruf für die zweite Runde besagter Wahlen, auf Platz 3 ein Posting, das direkt, nachdem es Alexander van der Bellen in die Stichwahl des ersten Wahlgangs geschafft hat, veröffentlicht worden ist. Auf Platz 2 wiederum ein recht sehenswertes Video: Der Abschluss der Abschiedsrede von Van der Bellen im Wiener Gemeinderat.

 

Hier macht Van der Bellen das, was er bereits in anderen politischen Gremien gerne und oft gemacht hat: Auf fundierte und bewusst zynische Art und Weise rechtspopulistische Positionen delegitimieren.

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Geteilte Links (Klick für größere Version)

Interessanterweise sind die Quellen der Grünen nicht unbedingt das, was man als seriösen, unabhängigen Journalismus bezeichnen würde. Nicht, dass die Grünen selbst schlecht recherchieren würden (an dieser Stelle ein weiterer Verweis auf Peter Pilz) — allerdings kann man es wohl zumindest als fragwürdigen Überhang zur Selbstreferenz bezeichnen, wenn knappe 40 % der geteilten Quellen entweder direkt von der eigenen Webseite entnommen sind oder es sich dabei um Facebook-Posts handelt, die von eigenen FunktionärInnen verfasst worden sind. Diese Tendenz zur Selbstbezüglichkeit findet sich auch bei Sebastian Kurz und der FPÖ wieder (wobei letztere allerdings mit Pseudo-Medien á la unzensuriert.at und weniger mit der eigenen Homepage arbeiten).

MEHR: ‘Durchleuchtet’: Das Facebook-Profil von HC Strache

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Häufigkeit der Wörter (Klick für größere Version)

Bei den Grünen sind zwar 62 % der geposteten Beiträge Fotos und Videos, allerdings zahlt es sich trotzdem aus, eine Wordcloud zu betrachten, denn hier wird vor allem eines klar: Die Rolle der Grünen als Oppositionspartei.

Mehr als bei den bisher analysierten Politikern fallen Begriffe ins Auge, die thematisch weit gestreut scheinen, allerdings allesamt als Kernthemen der Grünen aufgefasst werden können: “Energiewende”, “Atomausstieg”, “Transparenz”, “Flüchtlinge”, “Euro”. Nichtsdestotrotz wird auch hier der starke Eigenbezug der Partei augenscheinlich, liest sich die Wordcloud doch auch wie die Gästeliste zu einem Best-of-Parteitag der Grünen 1985-2017: “Bellen”, “Öllinger”, “Glawischnig”, “Lunacek”, “Pilz”, “Kogler”, “Vassilakou”, “Korun”, “Holub”, “Reimon”.

Ein wichtiger Begriff soll an dieser Stelle noch hervorgehoben werden. Der (Hypo- und/oder Eurofighter-) “U-Ausschuss”, bei der die Oppositionspartei in den letzten Jahren wichtige Arbeit geleistet hat. Die Assoziationen, die am öftesten mit “Hypo” verknüpft auftauchen, lassen das Ausmaß der Enthüllungen (Wikipedia für eine kurze Zusammenfassung, Die Presse für abendfüllendes Lesevergnügen) nur vermuten.

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Auch ansonsten deuten die Assoziationen auf grüne Themen hin: Klimawende, linke Asylpolitik, Antifaschismus, Transparenz — und ein bisschen Selbstbeweihräucherung.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Grünen ihren Facebook-Auftritt oberflächlich gesehen nicht als Stätte der Inszenierung von einzelnen PolitikerInnen oder für eine populistische Agenda nutzen. Nichtsdestotrotz blitzt die Geschichte als ein parteipolitischer Zusammenschluss mit starken EinzelakteurInnen durch und die Präsentation als Partei der sauberen Oppositionsarbeit vermischt sich dadurch überdurchschnittlich oft mit dem, was wir bereits in anderen Facebook-Profilen ausführlich beobachten durften und was wohl einen Kern von Parteienarbeit im Internet darstellen dürfte: Inszenierung von Einzelpersonen zur Mobilisierung der Massen.

Habt ihr Interesse an der Auswertung einer Fanpage von einer bestimmten Person oder Partei? Dann kontaktiert uns auf Facebook oder schreibt eine E-Mail an redaktion@kultort.at!

Stichtag der Auswertung: 10.06.2017

[Foto: Tsui/Wikimedia/CC BY-SA 3.0/Illustration von kultort.at]

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