Gewaltdelikte in der NFL — ein unlösbares Problem?

Kultort_NFL-Gewalt

Die National Football League (NFL) pausiert noch bis Ende August, dennoch sorgen viele Spieler auch abseits des Platzes für Schlagzeilen — im negativen Sinn. Gewaltverbrechen und andere schwere Vorwürfe werden immer öfter gegen Spieler erhoben. Es bleiben einige Fragen zu klären: Hat die NFL wirklich ein Gewaltproblem? Spielen nur noch “Bad Boys” in der größten Football-Liga der Welt? Und wie gehen die Teams damit um?

In der Off-Season der NFL passieren viele Dinge: Mannschaften werden neu zusammengewürfelt, Spieler wechseln den Verein, Rekordverträge werden unterschrieben, ein erstes Kennenlernen mit den Rookies — den Neuzugängen aus den Colleges — findet statt. Training ist zunächst nur sekundär, man gönnt den Spielern noch einmal eine Ruhephase, ehe es Ende Juli mit den Trainingscamps richtig los geht und man sich intensiv auf die neue Spielzeit vorbereitet.

So weit, so bekannt und vorhersehbar. Leider erreichen uns aber immer wieder ganz andere Nachrichten: Schwere Vorwürfe gegen die Spieler — Gewaltdelikte, Drogenmissbrauch und in letzter Zeit leider noch häufiger, Missbrauchsvorwürfe.

Der Fall Ray Rice

Als Ray Rice im Februar 2014 in Atlantic City festgenommen wurde, hatte die NFL wieder einen Skandal mehr, wenn man sich auch schon leicht daran gewöhnt hatte. Rice, zum damaligen Zeitpunkt Runningback der Baltimore Ravens, wurde beschuldigt, seine Lebensgefährtin in einem Lift eines Casinos verprügelt zu haben. Ein weiterer bitterer Vorfall, den die Liga meist in Form von Spiel-Sperren bestraft. Rice wurde zunächst für zwei Spiele der Saison 2015 suspendiert, der Fall schien damit abgeschlossen zu sein.

Wäre da nicht ein Überwachungsvideo aufgetaucht, dass Rice und seine Freundin im Lift zeigt und die rohe Gewalt ablichtet. Auch wenn man erwähnen muss, dass beide Personen stark alkoholisiert waren — die Wucht, mit der Rice auf sein Gegenüber einschlägt, bedrückt. Und lässt die NFL in keinem guten Licht dastehen, denn erst mit dem Auftauchen bzw. Veröffentlichen des Videos wurde Rice für unbestimmte Zeit suspendiert. Die Ravens entließen den sportlich sehr starken Läufer umgehend. Rice diente als Exempel für die “neue” NFL — wer die Regeln verletzt, darf mit keiner Gnade rechnen.

NFL ist nicht gleich Justiz

Wenn Gewaltdelikte oder irgendeine andere Form von Gesetzesbrüchen stattfinden, muss man zunächst das “Regelwerk” klären. Die NFL hat ihren ganz eigenen Kodex, bestraft beispielsweise nachgewiesenen Marihuana-Konsum mitunter deutlich strenger, als physische Verbrechen. Wird ein Spieler wegen eines Deliktes festgenommen, die Anschuldigungen stellen sich später aber als falsch heraus, heißt das nicht automatisch, dass er von der Liga nicht doch noch zu einer Spielstrafe verurteilt wird.

Es sind ganz eigene Regeln, die NFL-Commissioner Roger Goodell aufstellt und man ist geneigt dazu, zu sagen: Sie sind willkürlich. Denn, wie der Fall Rice zeigte, gäbe es kein Video von der besagten Tat, hätte Rice zwei Spiele pausiert und wäre wohl immer noch Teil der NFL.

Chaos vor dem Draft

Der NFL-Draft ist das Highlight und Ziel eines jeden College-Spielers. Nie ist man der Erfüllung des Traums in die Profi-Liga zu kommen näher, als in diesen drei Tagen am Ende von jedem April. Teams prüfen die Kandidaten auf Haut und Knochen — sportlich auf dem Feld, charakterlich in Interviews und Tests. Es muss alles passen, um einen Platz in einem Team ergattern zu können. Eine Verletzung, eine falsche Bewegung kann den Traum ins Schwanken bringen bzw. den Spieler viel Geld kosten, denn je früher man im Draft gewählt wird, desto mehr Gehalt gibt es.

MEHR: Gewinner und Verlierer: NFL-Draft 2017

Vor dem abgelaufenen Draft wurden viele Namen heiß diskutiert: Joe Mixon, Dede Westbrook, Jourdan Lewis, Reuben Foster, Gareon Conley, Caleb Brantely. Alle genannten Personen waren rein sportlich sichere Picks für die ersten zwei Draft-Runden, in einigen Fällen sogar für die Top-15, fielen aber auf Grund von diversen Anklagen nach hinten. Auch hier muss man wieder unterscheiden, ob der Spieler in der Vergangenheit negativ aufgefallen war oder ob es es nur wenige Tage vor dem Draft zur Anklage gekommen ist.

Gewaltvergangenheit? Kein Problem!

Für einige Franchises spielt die Gewaltvergangenheit eines Spielers keine große Rolle. Die Cincinnati Bengals beispielsweise nehmen häufig “Bad Boys” in ihre Reihen auf, weshalb es auch nicht weiter verwunderte, dass Runningback Joe Mixon dort unterkam. Der 20-Jährige ist eines der größten Talente auf seiner Position, galt aber als “Red Flag”, schlug er doch eine Bekannte öffentlich zusammen und brach ihr dabei vier Gesichtsknochen. Das Verbrechen wurde von Videokameras aufgenommen, Mixon entging einer Gefängnisstrafe nur knapp. Dieser Vorfall ist schon drei Jahre her, er wird Mixon aber bis ans Ende seiner NFL-Karriere verfolgen und ließ ihn in die zweite Draft-Runde fallen.

Ähnlich erging es im vergangenen Jahr Tyreek Hill, jenem explosiven Wide Receiver der Kansas City Chiefs, der dank seines spektakulären Spielstils zu einem der beliebtesten Rookies der NFL wurde. Hill galt wie Mixon als großes Talent, fiel aber noch weiter nach hinten (Runde 5),da er während seiner College-Zeit seine schwangere Freundin verprügelt und gewürgt hatte. Hill ist derzeit auf Bewährung.

Schuldig oder nicht — das ist hier die Frage

Gareon Conley hatte sich den Draft ganz anders vorgestellt. Für viele Experten gilt Conley hinter Marshon Lattimore als bester Cornerback der heurigen Draftklasse — eine Auswahl in den Top-15 schien in Stein gemeißelt. Doch alles sollte  anders kommen und Conley sah seinen großen Traum dahingehen. Drei Tage vor dem Draft wurde er von einer unbekannten Frau der Vergewaltigung beschuldigt, eine Auswahl im Draft schien nur noch schwer vorstellbar. Die Oakland Raiders und General Manager Reggie McKenzie schlugen dennoch in Runde 1 zu — man verließ sich auf einen Lügendetektortest, den die Baltimore Ravens veranlassten.

Bis zum heutigen Tag ist noch kein Licht ins Dunkel gebracht worden. Eine Entscheidung, ob es tatsächlich zur Anklage kommen wird, dürfte aber in der kommenden Woche fallen. Für die NFL hätte eine weitere Untersuchung Conleys keine Auswirkungen. Ihm droht auch bei einer Verurteilung keine Strafe seitens der Liga, da er zum Zeitpunkt des möglichen Verbrechens noch bei keiner Franchise unter Vertrag stand.

Ähnlich erging es auch Caleb Brantley. Der Defensive Tackle fiel nach einer Anzeige wegen Körperverletzung bis in die sechste Runde, dürfte sich deshalb aber für die Cleveland Browns als echter Steal erweisen. Brantleys Vorfall soll sich zwei Wochen vor dem Draft abgespielt haben, er wurde von einer jungen Dame beschuldigt, sie bewusstlos geschlagen zu haben. Nach intensiver Untersuchung der Staatsanwaltschaft Floridas wurden alle Anklagepunkte gegen Brantley fallen gelassen. Es stellte sich als reines Lügengebilde heraus. Brantley verlor wegen einer falschen Anschuldigung nicht nur kurzfristig seinen Ruf, sondern auch langfristig enorm viel Geld.

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Die große Heuchelei

Man kann die einzelnen Fälle nur schwer miteinander vergleichen, keine Causa gleicht der anderen. Zwei Fragen gilt es dennoch zu klären: Sind die Strafen der NFL gerecht? Und wie geht man als Fan mit Spielern um, die in Gewaltverbrechen verwickelt waren?

Die NFL bestraft mit zweierlei Maß, das zeigte der Fall Rice in aller Deutlichkeit: Ohne Videobeweis würde er sein Geld noch in der NFL verdienen — Adrian Peterson hingegen wurde nach der ersten Woche der Saison 2014 sofort für alle weiteren Spiele gesperrt, nachdem er wegen häuslicher Gewalt angezeigt worden war. Auf Grund der zeitlichen Nähe zum Fall Rice wählte die NFL eine harte Strafe, Fans wurden daran erinnert, dass man immer öfter einen Trennstrich zwischen Spieler und Person ziehen muss (weshalb sich heuer die Begeisterung über Petersons Verpflichtung bei vielen Fans der New Orleans Saints in Grenzen hält). Die Prominenz der Person Peterson erforderte eine harte Strafe. Stände er weniger im Rampenlicht — die Bestrafung wäre wohl deutlich sanfter ausgefallen.

Es gibt keine rote Linie im Bestrafungskatalog: Josh Brown, ehemaliger Kicker der New York Giants, bekam sogar noch eine Vertragsverlängerung, nachdem er öffentlich zugab, seine Frau jahrelang geschlagen zu haben. Erst als der Druck auf Owner John Mara zu groß wurde, entließ man den Kicker. Und genau darin liegt der springende Punkt. Solange die Vereine erwiesene Gewalt-Delikte akzeptieren, wird sich nichts ändern. Es scheint leider absolut in Ordnung zu sein, eine andere Person zu schlagen, da die Sache nach ein paar Spielsperren ohnehin vom Tisch ist. Darüber wissen die Spieler Bescheid und das schadet dem Sport enorm.

Die eigentliche Frage, die sich mir am Schluss stellt, ist aber folgende: Wie kann man erfolgreich argumentieren, Schlägertypen einen Job zu geben, während friedlich protestierende Spieler, wie ein Colin Kaepernick, immer noch auf einen neuen Vertrag warten? Diese Frage muss ein anderes mal geklärt werden.

Martin Senfter ist freier Journalist, studiert Soziologie und Geschichte in Innsbruck und ist Gründer des NFL-Blogs seNFL.

[Foto: James DiBianco/Flickr/CC BY 2.0/Illustration von kultort.at]

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