Gesellschaft

Zwischen Heroismus und Illegalität: Hausbesetzungen in Dublin

Darragh und Milena sind Teil dieser Szene und rechtfertigen uns ihr Handeln, das eigentlich illegal ist

Zwischen Heroismus und Illegalität: Hausbesetzungen in Dublin 6. Juli 2017Leave a comment

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Gitarrenmusik und eine wehmütige Stimme schallen durch das etwas modrige Haus in der Connaught Street in Dublin. Zu hören ist ein Text des irischen Sängers Christy Moore: “The owner says he’s sad to see that things have got so bad, but the captains of industry won’t let him lose.”

Die Stimme, die das Lied durch ein besetztes irisches Haus trällert, gehört Darragh, einem hageren jungen Mann, der seit 2015 Teil der Hausbesetzerszene Dublins ist. Er selbst musste sich zwar noch nie mit einem schlechten Angestelltenverhältnis herumplagen, identifiziert sich aber trotzdem mit den Problemen der Unterschicht. Darragh ist Musiker, Politikwissenschaftler, Magier und Entertainer. Darüber hinaus mischt er diese Fähigkeiten mit einer guten Portion Überlebenskunst und opfert einen Großteil seiner Zeit für soziale Projekte, die vor allem der großen Zahl an Obdachlosen in Dublin zugutekommen sollen.

Die Kunst, mit wenig Geld zu leben

“Not this song again, Darragh”, tönt die Stimme von Milena aus einem anderen Zimmer. Seitdem die gebürtige Münchnerin in Dublin für ihr Anthropologie-Studium einen Erasmus-Aufenthalt absolvierte, sind die beiden ein gutes Team und schaffen es quasi ohne Geld zu überleben. Umsonst essen durch containertes Essen und umsonst wohnen durch die Hausbesetzung. Die beiden wohnen mit vier weiteren Personen seit ein paar Monaten in diesem besetzten Haus, das von außen eher wie das Haus einer Mittelklassen-Familie wirkt.


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Ursprünglich wohnten die beiden in der Grangegorman Squat City, einem besetzten Areal, das für kulturelle und soziale Projekte genutzt wurde. Nach der Zwangsräumung im Herbst 2016 teilte sich die Gemeinschaft in kleinere Gruppen auf und besetzte einzelne leerstehende Häuser in der Stadt. Davon gibt es seit der Finanzkrise 2007 und der darauffolgenden Eurokrise sehr viele.

Hausbesetzungen als politischer Protest

In manchen Gegenden Dublins kommt direkt das Gefühl auf, man befände sich in einer Geisterstadt. Die vielen leerstehenden Immobilien, die großteils von dubiosen Firmen aus dem Ausland und Geierfonds aufgekauft wurden, seien, laut Milena, einer der Hauptgründe dafür, dass die Hausbesetzer ihre Aktionen als legitime Form des politischen Protests ansähen.

Es ist paradox, durch eine Stadt zu laufen, in der an jeder Ecke ein Haus leer steht und gleichzeitig an jeder Ecke ein Obdachloser sitzt. “Man kann nicht erwarten, dass die Menschen verantwortungsvoll mit ihrem Eigentum umgehen, aber dann sollte es wenigstens Gesetze geben, die eine sinnvolle Nutzung regeln.”

Ihr Leben würden Darragh und Milena nicht als arm bezeichnen, sie fühlen sich eher als privilegierte Mitglieder der Gesellschaft, die freiwillig ohne Geld leben. Es gehe darum, auf gewisse Missstände aufmerksam zu machen und zudem Menschen zu helfen, die das selbst nicht können. Genannt wird dabei immer wieder Oscar Wildes Text über die Seele des Menschen im Sozialismus, in dem er die Akzeptanz der gesellschaftlichen Missstände von Seiten der Armen anprangert.

Die schlafen einfach auf der Straße neben leerstehenden Häusern und bemerken dabei nicht, dass irgendwas falsch läuft.

Insgesamt sei der Wohnungsmarkt in Irland extrem unfair und die Mieter hätten kaum Rechte, meint Darragh. Das Gelände von Grangegorman wurde beispielsweise von einer ausländischen Firma gekauft, die nun Studierendenwohnungen bauen will, in denen ein Bett in einem geteilten Zimmer über 600 € kosten wird.


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Die große Frage bleibt die Illegalität, die auch innerhalb der Gruppe diskutiert wird, da jeder aus verschiedenen Motiven dabei ist. Einer der größten Erfolge in letzter Zeit sei die Besetzung des Apollo-Hauses im Dezember gewesen. Dabei wurde ein besetztes Haus im Zentrum Dublins um die Weihnachtszeit für Obdachlose unter der Kampagne “Home Sweet Home“ geöffnet. Zum einen war die Kampagne sehr medienwirksam, zum anderen führte sie dazu, dass der irische Staat zusätzlich 4 Millionen Euro für den sozialen Wohnungsbau zusicherte.

Das Ziel: Irland ohne Obdachlosigkeit

All diese kleinen Aktionen sollen auf Dauer dazu führen, ein Bewusstsein über das Wohnungsproblem in der Bevölkerung zu erschaffen und Irland zum ersten Land ohne Obdachlosigkeit zu machen. Bis dahin bewegen sich die Hausbesetzer auf einem schmalen Grat zwischen dem Image als Helden und dem als Kriminelle.

“And as long as I live, I never will forgive. You’ve stripped me of my dignity and pride”, tönt Darraghs Stimme bis dahin auch weiter aus dem bürgerlich aussehenden Haus für die Gerechtigkeit der Arbeiterklasse. Und auch wenn weder Milena noch Darragh einer prekären Gesellschaftsschicht angehören, wollen sie genau diese Prekarität bekämpfen und sichtbar machen.

Laura May hat einen Bachelor-Abschluss in Theater-, Film- und Medienwissenschaft und hat Politikwissenschaft an der Universität Wien absolviert.

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[Foto: William Murphy/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von Simon Eder]

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