Jay-Z ist auf seinem neuen Album ‘4:44’ persönlicher als je zuvor

Jay-Z Bild

Wer glaubte, 2017 kann musikalisch gar nicht mehr besser werden, hat sich geschnitten. Sean Carter, besser bekannt als Jay-Z — oder auch als “Hova”, “Young Hov” (für einen mittlerweile 47-Jährigen wohl nicht mehr ganz zutreffend) oder auch “Jigga”, um nur einige Alias zu nennen, brachte am 30. Juni 2017 mit 4:44 sein dreizehntes Soloalbum auf den Markt. Ohne monatelanges fiebern, ohne Singleauskopplung und ohne große Marketing-Spielereien.

Die von No I.D. produzierte LP wurde zunächst exklusiv auf Sprint und Tidal (Jay-Zs eigenem Streamingservice) angeboten. Auf anderen Streaming-Plattformen und als CD war sie erst eine Woche später verfügbar.

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Zunächst muss man festhalten, dass sich Jay-Z schon immer als Verwandlungskünstler ausgezeichnet hat. Aus seinem frühen rohen Boom-Bap-Sound entwickelte er zuvor nie dagewesene Stilrichtungen des Hip-Hop, präsentierte sich mit Rihanna, Alicia Keys, seiner Frau Beyoncé und anderen Größen der Populärmusik als radiotauglicher R&B-Artist und hatte mit Roc-a-Fella Records und Roc Nation stets seine Finger im Musikbusiness. Doch in seiner über 20 Jahre andauernden Karriere als Musiker hat Sean Carter noch nie so viel zu seiner Person preisgegeben wie auf 4:44.

4:44 ist ein Album voller Emotionen, aufgearbeiteter Vergangenheit und apologetischer Geständnisse. Jay bringt in seiner tabulosen Ausdrucksweise auf den Punkt, was ihn beschäftigt und räumt mit Gerüchten zu seiner Ehe und seiner Familie auf. Er spricht Tacheles über das Streben nach Glück und Reichtum, den Wandel des Hip-Hop-Genres und das Leben als schwarzer Mann in Amerika. In nur zehn Songs (dreizehn auf der CD-Pressung) legt er die Karten auf den Tisch und schüttet den Zuhörern sein Herz aus, natürlich nicht ohne eine gehörige Portion Dreistigkeit und einen erhobenen Mittelfinger an die Welt.

Im Intro-Song “Kill Jay Z” streift er den Mantel seines Egos ab, thematisiert die Handgreiflichkeit zwischen ihm und Beyoncés Schwester Solange, die 2014 medial breitgetreten wurde und verteilt Seitenhiebe auf seinen in Ungnade gefallenen ehemaligen Kollaborationspartner Kanye West.

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Weiter geht’s auf der Platte mit “The Story of O.J.”, dem ersten Song auf dem Album, für den ein Video erschienen ist. Neben der Kernaussage, dass man als schwarzer Mann nur als solcher angesehen wird, egal wie weit man es im Leben bringt, rappt Jay-Z über ein gelooptes Nina-Simone-Sample von seinen Fehlern als Entrepreneur.

Er spielt ohne Scheu mit Klischees — nicht nur mit schwarzen, sondern auch mit jüdischen, was einige kontroverse Diskussionen losgetreten hat. So äußerte beispielsweise die Anti-Defamation League (ADL), eine jüdische NGO, Bedenken zu folgender Textzeile:

“You wanna know what’s more important than throwin‘ away money at a strip club? Credit. You ever wonder why Jewish people own all the property in America? That’s how they did it.”

Diese Lyrics könnten bestehende Vorurteile gegenüber der jüdischen Community bestärken, ohne dass die ADL den Rapper des Antisemitismus im Kontext des Songtextes bezichtigen würde.

Abgesehen von der herausragenden musikalischen Produktion ist auch das schwarz-weiße Animationsvideo gespickt mit Feinheiten und Anspielungen auf Black History und kritisiert die Darstellung Schwarzer in Medien, insbesondere in alten Cartoons.

Nummer drei auf 4:44 ist “Smile”, ein wunderschönes, bewegendes Stück für und mit seine Mutter Gloria, die am Ende des Songs ein Gedicht vorträgt. Jay besingt die Opfer, die seine Mutter für ihre Kinder gebracht hat, und lobt ihren Mut, sich im hohen Alter noch als lesbisch zu outen.

Treffenderweise ist der nächste Song ein Frank-Ocean-Feature: Mit “Caught Their Eyes” widmet “Hov” dem 2016 verstorbenen Prince (über einem weiteren Nina-Simone-Sample) einen Nachruf und geht mit den Verwaltern seiner Hinterlassenschaft hart ins Gericht.

Der Titeltrack “4:44” ist ganz Beyoncé gewidmet. Jay gesteht, Beyoncé betrogen zu haben und bittet auf Knien um Vergebung. Damit zeigt er eine völlig neue Seite seiner Persönlichkeit, Einsicht und Reue sind sonst nicht Inhalt seiner Texte.

Zu “The Story of O.J.” und dem Titeltrack gibt es außerdem auf Tidal eine Serie an Mini-Dokumentationen mit Interviews von prominenten Afroamerikanern. Teil davon sind unter anderem Chris Rock, Trevor Noah und Kendrick Lamar.

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Über einem Gospel-Loop philosophiert Jay-Z auf “Family Feud” über den Generationenwechsel im Rap-Genre und die unterschiedlichen Lebensverhältnisse, die in der Black Community vorherrschen. Auch hier erwähnt er nochmals seinen Fehltritt gegenüber seiner Frau.

Für die nächste Nummer, “Bam”, singt Damian Marley die Hook, während der “Jiggaman” sich auf seinen Stil aus The Blueprint und dem Black Album zurückbesinnt. Unterlegt mit einem Reggae-inspirierten Beat zählt “Bam” mit Sicherheit zu den 4:44-Nummern mit dem größten Potential für Live-Auftritte.

Mit dieser Oldschool-Jay-Z-Attitüde geht es weiter zu “Moonlight”, einem klassischen Battle-Rap-Track über einem Sample von “Fu-Gee-La” von den Fugees. Jay lässt seinem Frust freien Lauf und kritisiert die Verfangenheit unserer Popkultur im La La Land.

In “Marcy Me” rollt er dann seine Origin-Story auf, erzählt von seiner Jugend in Brooklyn, seiner Ambition, es als Musiker und Unternehmer zu etwas zu bringen und rezitiert Hamlet. Er trauert alten Zeiten nach und zollt seinen Helden Notorious B.I.G. und Big Daddy Kane seinen Respekt, natürlich nicht ohne ein beiläufiges “Fuck the Federal Bureau”.

Zum Abschluss gibt Jay sich in “Legacy” der Kontemplation über seinen Nachlass hin. Auf die Frage seiner Tochter Blue “Daddy, what’s a will?” verteilt er in Gedanken seinen Reichtum über seine Familie. Er blickt zurück auf den langen Weg, den er bis zu seinem heutigen Status zu beschreiten hatte, und packt über seine Probleme mit Religion aus.

4:44 ist ein kurzes, aber inhaltsbeladenes, fantastisch produziertes und abgerundetes Kapitel in Jay-Zs Diskographie, das in keiner Hip-Hop-Sammlung fehlen sollte. Auch die drei CD-Bonustracks sind äußerst empfehlenswert, sollen aber nicht Teil dieser Review sein. Wer die hören will, kaufe sich das Album!

Philipp Grammel studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien.

Kultort auf Twitter: @kultort

[Foto: Penn State/Flickr/CC BY-NC 2.0/Illustration von kultort.at]

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