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Das Erzähltempo in ‘Game of Thrones’ mindert die Qualität der Serie

Obwohl 'Thrones' in der siebten Staffel in beinahe allen Belangen vollends punkten kann, wird das erhöhte Tempo des Öfteren kritisiert

Das Erzähltempo in ‘Game of Thrones’ mindert die Qualität der Serie 19. August 20174 Comments

stv. Ressortleiter Popkultur

Achtung! Im folgenden Artikel befinden sich Spoiler zu der Serie Game of Thrones, die bis zu Staffel 7, Episode 5 reichen. 

Der Hype der neuesten Staffel von Game of Thrones scheint uns zu überschwemmen, wie ein Tsunami die Landmasse ergreift und alles in sich verschlingt, was nicht niet- und nagelfest ist. Wer jetzt noch nicht Thrones-Fan ist, wird wohl schwer noch einer werden und soll in der Hölle schmoren. Für die, die Teil des fiktiven Universums sind, bereits einige Wortschnipsel Valyrisch verstehen und Hochzeitseinladungen eiligst im Kaminfeuer verbrennen, scheint mit dem Anbruch von Staffel 7 und dem rasanten Voranschreiten der Erzählung endlich all das zu passieren, auf das man seit Jahren gewartet hat: Den Einzug in das sagenumwobene Finale der populärsten Fernsehserie des jetzigen Zeitalters.

Keine Zeit fürs Ausschweifen

Dieser Einzug versteht sich relativ schnell vonstatten zu gehen. Die Showrunner David Benioff und D.B. Weiss scheuen nicht davor zurück, Geschichte in Geschichte zu verschachteln und einen Handlungsstrang mit dem anderen zu verschmelzen. Dies führt zwar auf der einen Seite zu einer finalisierenden Verengung des gesamten Narrativs, auf der anderen Seite verliert Game of Thrones aber damit ein wesentliches Charakteristikum, das das Universum ebenso facettenreich gemacht hat: Die vielen verschiedenen Charaktere und ihre eigenen Handlungsstränge.

Gerade für die haben wir die Serie doch so geliebt. Gut, aber dieser Schritt musste kommen. Das muss als solches auch akzeptiert werden. Sonst wäre wohl nie ein Ende in Sicht. Das sollte nun auch nicht der Kritikpunkt sein, der uns so stutzig machte und uns nach der fünften Episode “Eastwatch” dazu animierte, nicht nur das Allzeit-Positive zu betonen — sondern auch die Schwächen der Serie aufzuzeigen, die sich erstmals in dieser Staffel herauskristallisierten. Denn ja, es war bisher alles so perfekt, dass man bei Bewertungen auf Online-Foren immer automatisch auf die 10/10 geklickt hat. Mit Staffel 7 scheint sich diese 10 aber erstmals langsam zu einer 9 zu verkrümmen.


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Game of Thrones verliert die Liebe zum Detail

Ein derartiger Abfall, der für viele andere Serienmacher nur ein feuchter Wunschtraum sein würde, muss gut und verständlich erklärt werden. Denn was ist es denn wirklich, das Thrones sträflich vernachlässigt?

Der erste Kritikpunkt ist wohl mit fehlenden Details zu erklären. Während die visuelle Umsetzung (man denke nur an “The Spoils of War” zurück) an genialer Epik wohl nicht überboten werden kann, verliert sich die Verliebtheit ins Detail.

Mit dem Aufeinanderklatschen von Handlungen, dem sukzessiven Ausradieren von ganzen Häusern und dem Reinquetschen aller vermeintlich verschollenen Figuren wirkt es, als würden die Showrunner nach einer vorgefertigten To-do-Liste Punkt für Punkt abhaken, um so am Ende keine Fragezeichen bei den tausenden Fans zu hinterlassen. Das wirkt zu gezwungen. Die Authentizität, die Game of Thrones zu einer der, wenn nicht sogar der besten Serie aller Zeiten gemacht hat, verschwimmt in einer Farce aus schnellen, kurzen Auftritten.

Man denke dabei nur an Gendry Baratheon, der zwar humorvoll, aber viel zu schnell aufgetaucht ist. Nicht nur, dass es absolut vorhersehbar war — seine Figur wurde auch schlichtweg zu schnell über die Landkarte Westeros’ verschoben. Von King’s Landing nach Dragonstone und schließlich zur WallIn wenigen Minuten und mit einem Tempo, dass Usain Bolt sich nach dem Hobbyruderer noch einmal hätte umdrehen müssen.

Ebenso enttäuschend war das Wiedersehen mit Aryas Schattenwolf Nymeria. Zu hastig, zu vorhersehbar, ohne jegliche Wirkung. Es wäre beinahe romantischer, den Wolf gar aus der Erzählung auszuklammern, denn nicht jedes Fragezeichen muss beantwortet werden. Man denke nur an das geniale Ende der Erfolgsserie The Sopranos, bei der man bis heute darüber grübelt, wie das Ende der Serie zu deuten ist.

Können wir noch überrascht werden?

Mit der Vorhersehbarkeit wird bereits fließend der nächste Negativpunkt eingeleitet. Es ist ein absolutes Novum, dass eine Serie von Fan-Theorien und Gerüchten so durchlöchert ist, dass man selbst nicht mehr weiß, was man glauben soll. Dies wirft allerdings einen Schatten auf die Erzählung, die sich damit besonders schwertut, noch zu überraschen. Was haben wir nicht alle die Hände vor die Augen geschlagen, als Ned Stark der Kopf abgeschlagen wurde, zwei Staffeln später Frau und Sohn (inklusive schwangerer Gemahlin) die Kehlen durchgeschnitten wurden, oder Oberyn Martells Kopf wie eine Wassermelone zerschmettert wurde.


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Angesichts dieser Überraschungen sind wir nun aber gewarnt. Überdies haben genannte Theorien einen Weg geebnet, der beinahe unumgänglich ist. Haben wir uns das Ende von Game of Thrones also selbst verraten? Staffel 7 scheint uns zu bestätigen, Überraschungen türmen sich nur noch durch taktische Armee-Verschiebungen, der Brutalität der Charaktertode und der Performance der Schlachten.

Eine Handlung im Zeitraffer

Es bleibt also eine vorhersehbare Handlung und atemberaubende Action. Die Erotik hat sich zudem wohl auch verloren — es wirkt zu gezwungen. Angesichts der verringerten Episodenanzahl hat sich das Erzähltempo verdoppelt. Es fühlt sich an, als würde man eine Highlight-Show der Ereignisse aus Westeros ansehen —und nicht eine ausgeformte Erzählung mit Höhen und Tiefen, die auch gebraucht werden.

Nichtsdestotrotz hat die Kultserie bereits gewonnen, wird sich wohl nie mehr den eisernen Thron unter den Langzeitserien nehmen lassen. Ja, es gibt diese Kritikpunkte sowie einige aus Solidarität ausgelassene Logikfehler. Aber im Gegensatz zu all den gelungenen Sequenzen, dem Gesamtpaket der kompletten Serie und der schauspielerischen sowie grafischen Umsetzung ist das natürlich Jammern auf allerhöchstem Niveau.

Senderhinweis: Die neuen Folgen von ‘Game of Thrones’ sind auf mobilen Diensten von Sky abrufbar. Montags läuft die jeweils aktuelle Folge um 20:15 Uhr auf Sky Atlantic HD.

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: © Sky/HBO/Illustration von Simon Eder]

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