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At Pavillon im Interview: “Das Wichtigste ist, authentisch zu bleiben”

Woher sie ihre Inspiration nehmen, wieso wir alle mehr Funk brauchen und warum ein Wein-Bootcamp ihrem kreativen Schreibprozess auf die Sprünge geholfen hat

At Pavillon im Interview: “Das Wichtigste ist, authentisch zu bleiben” 25. September 20171 Comment

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Funk, Disco und 70er-Jahre-Stimmung in Kombination mit einer gesellschaftskritischen Message an die heutige Zeit. All das packt die vierköpfige Wiener Band At Pavillon in ihrem letzten Musikvideo und der gleichnamigen EP Disco Demolition Night zusammen.

Bassist Tobias Kobl befindet sich gerade im Studio, um ein paar Aufnahmen für die Band nachzubearbeiten, denn er ist — neben dem Bass spielen — vor allem für die Musikproduktion der Band verantwortlich. Die anderen drei Bandmitglieder Mwita Mataro (Gesang, Gitarre), Bernhard Melchart (Gitarre) und Paul Ameli (Schlagzeug) haben uns im Interview erzählt, woher sie ihre Inspiration nehmen, wieso die Gesellschaft mehr Funk braucht und warum ein Bootcamp mit Wein ihrem kreativen Schreibprozess auf die Sprünge half.

kultort.at: At Pavillon gibt es in dieser Konstellation bereits seit 2014. Wie seid ihr zur Musik gekommen?

Paul Ameli: Meine Eltern haben mich in die Musikschule gesteckt. Ich habe Flöte gelernt, was mir nicht wirklich gefallen hat. Dann habe ich mich für Schlagzeug entschieden, weil ich damals auf einem Christina-Stürmer-Konzert war und den Schlagzeuger so cool fand. [lacht] So kam ich zur Musik.

Mwita Mataro: Durch das Jammen mit Freunden. Wir haben begonnen, bei Cover-Nummern andere Texte drüber zu singen. Und dann hat sich das Ganze so entwickelt.

Bernhard Melchart: Ich habe in der Schule Gitarre gelernt, weil es ein Pflichtgegenstand war. 2010 haben dann Mwita und ich begonnen Musik zu machen, doch da stand das Ganze noch in den Kinderschuhen. Irgendwann ist unser Bassist und Schlagzeuger weggefallen. Wir beide wollten aber unbedingt weitermachen. Als wir dann Pauli und unseren jetzigen Bassisten Tobias gefunden haben, ging es mit At Pavillon als Band so richtig los.

© Denise Hirtenfelder

Der Name At Pavillon, der kommt ja vom Pavillon im Türkenschanzpark, wo ihr euch zum Proben getroffen habt. Trefft ihr euch immer noch in einem Proberaum und schreibt dort gemeinsam an Texten oder hat sich euer Arbeitsprozess geändert?

Mwita: Es hat sich eigentlich stark geändert. Früher war es eher hierarchisch, jetzt ist alles sehr auf das Kollektiv basierend. Also es ist nicht so, dass von einem ein fertiger Song kommt. Oft hat jemand eine Idee, einen Schlagzeug-Beat im Kopf oder ist durch einen anderen Song inspiriert worden. Dann entsteht aus allen Ideen zusammen das Endergebnis.


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Zum Thema Inspirationen und Ideenfindung: Woher kommen diese? Aus aktuellen Ereignissen oder von persönlichen Erfahrungen?

Mwita Mataro (© Denise Hirtenfelder)

Mwita: Sowohl als auch. Die Mischung aus gesellschaftlichen aber auch persönlichen Themen. Ich lese jetzt nicht die Zeitung und denke mir: “Hm, G8-Gipfel — das Thema ist gut! Leute, schreiben wir einen Song drüber?” [lacht] Nein ernsthaft jetzt, ich komme ja ursprünglich aus Tansania und Paulis Vater aus dem Iran. Da wir in einem Umfeld aufgewachsen sind, wo wir nicht immer der Norm entsprochen haben, wollten wir das auch verarbeiten — auf eine positive Weise. In Form von Musik. Damit meine ich, dass Musik und Komposition eine Art Therapie für mich sind, um mit meinem Alltag, Ängsten und inneren Konflikten umzugehen. So wollen wir anderen, welchen es ähnlich geht, Mut schenken.

Berni: Zur Ideenfindung: Wir haben uns zum Beispiel Anfang letzten Jahres irgendwo in der Steiermark eine Art Bootcamp gegönnt. Am Tag wurde Musik gemacht und am Abend in einer Hütte bei Wein über die Themen diskutiert, die uns gerade beschäftigt haben. Wir haben unsere Meinungen darüber ausgetauscht, und so haben sich die Textideen noch weiterentwickelt.

Also ist es euer Wunsch, Texte mit einer Message zu vermitteln? Mit Inhalt und nicht nur zum Unterhaltungszweck?

Paul: Die Mischung ist relevant. Einerseits wollen wir mit unserer Musik schon eine Art Bewegung auslösen, also nicht unbedingt einen Protestmarsch oder so, sondern eher, dass sich die Leute in sich bewegt fühlen — dass sie zum Nachdenken beginnen. Gleichzeitig soll das Ganze aber auch dancy sein. Eine Kombination aus Tanz und Bewegung im Sinne vom Reflektieren bestimmter Themen.

Berni: Ich finde, auch wenn ernstere Themen behandelt werden, darf man nicht vergessen, auch mal zu lachen und Freude zu haben. Diese Ausgewogenheit macht den Charakter von At Pavillon aus.

Mwita: Udo Lindenberg hat es ja mal so schön gesagt: “Unterhaltung mit Haltung!”

Würdet ihr sagen, dass es in der heutigen Zeit möglich ist, als MusikerIn in der Gesellschaft etwas zu bewegen und auszulösen?

Paul: Ich glaube schon. Musik hat in der Geschichte immer viel bewegt, wenn man zurückdenkt. Bands und KünstlerInnen, die politisch extrem viel ausgelöst haben. Ein gutes Beispiel ist Woodstock. Einerseits wird gefeiert und jeder ist ausgelassen, aber andererseits wird auch heftig über wichtige Themen diskutiert.


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Mwita: Ich war vor Kurzem auf einem Konzert von The 1975. Sie haben eine kurze Rede gehalten, in der betont wurde, dass es um die Musik und das Gemeinsame geht. Nicht um das Gegeneinander. Und diese Aussage trifft ziemlich gut auch auf das Leitbild von At Pavillon zu. Wir wollen möglichst alle erreichen. Die unterschiedlichsten Leute. Von überall — eben alle zusammen.

Und gibt es auf Disco Demolition Night auch eine besondere Botschaft?

Mwita: Der Titelsong “Disco Demolition Night” thematisiert eigentlich genau, was gerade ständig in unserer Zeit passiert. Alle stressen sich gegenseitig. Der ganze Druck, dass man irgendwelchen Normen gerecht werden soll. Der Song soll vermitteln, dass eigentlich alles kein Problem ist, dass es keine Gefahr gibt, nur weil jemand anders ist als man selbst.

Paul Ameli (© Denise Hirtenfelder)

Paul: Zum Beispiel eh immer wieder die Diskussionen zur Homo-Ehe.

Berni: Das werde ich nie verstehen können, warum man darüber diskutieren muss. Wem tut es bitte weh, wenn sich zwei Menschen lieben? Mir tut es weh, dass sich Menschen deshalb aufregen. Einfach die Leute leben lassen — das Motiv beschreibt Disco Demolition Night gut und zieht sich bei uns auch durch, das ist ja eigentlich unser Band-Bild. Vielleicht nicht immer so funky und mit so viel Disco, aber das Motiv dahinter bleibt gleich.

Apropos das Motiv weiterführen: Was sagt ihr generell zu Bands oder MusikerInnen, die ihren Stil mit einem neuen Album völlig ändern, was ja oft kritisiert wird?

Berni: Das ist ein schwieriges Thema. Bei manchen hat man das Gefühl, dass sie sich mit der Zeit verändern, weil sie gefallen wollen, um kommerziell erfolgreicher zu sein. Und das stört mich dann total. Bei anderen wiederum ist das nicht so. Da hat man das Gefühl, die Veränderung greift Hand in Hand und wirkt authentisch und ehrlich.

Mwita: Veränderungen können auch gut sein, weil es eine Entwicklung zeigt und ein dauerhafter Stillstand verhindert wird. Bei manchen Musikern passt eine dauerhaft gleiche Linie. Andere würden aber ohne Veränderungen eher langweilig und uninteressant werden.

Paul: Das Allerwichtigste an Veränderungen ist, dass sie authentisch sind.

Mwita: Ja authentisch, einfach nicht zu kalkuliert wirken. Was wahrscheinlich oft leichter gesagt als getan ist.

Wie geht es bei euch weiter? Habt ihr konkrete Pläne? Für eine neue EP oder ein Album?

Paul: Ja also, es gibt Pläne, aber die sind noch geheim. [Alle lachen]

Berni: Da wir noch nicht mit Labels oder Booking-Agenturen kooperieren, haben wir den Luxus, ohne Druck von außen zu arbeiten. Wir geben uns den Druck nur selber und sind unsere eigenen Chefs. Alles, was man von uns hört und sieht, ist zu hundert Prozent selfmade, DIY, Indie, you name it.

Wir dürfen also gespannt sein. Abschließend, welches Highlight aus den vergangenen Jahren fällt euch ganz spontan ein?

Mwita: Ein Secret-Highlight war für uns, dass wir in den Sommern 2016 und 2017 auf Hochzeiten gespielt haben. Das war für uns alle ein sehr großes persönliches Highlight. Üblicherweise werden ja zu Hochzeiten Cover-Bands gebucht, aber die Brautpaare wollten At Pavillon. Das motiviert als Band sehr und gibt uns das Zeichen, dass wir mit unserer Musik am richtigen Weg sind, wenn Menschen uns bei einem ihrer wichtigsten Lebensereignisse live teilhaben lassen wollen.

Am 30. September gibt es die Chance, die sympathischen Jungs von At Pavillon bei freiem Eintritt im Zuge des Waves Vienna 2017 live zu sehen.

Ein besonderes Dankeschön geht an Denise Hirtenfelder für die Bilder des Interviews.

Johanna auf Twitter: @johannaecker_

[Foto: © Sara Meister/Illustration von James P. Platzer]

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