Gesellschaft

Drei Menschen sprechen über ihre Erfahrungen mit Angst

Wir haben uns mit drei Personen unterhalten, die eine sehr ausgeprägte Angst haben und deren Alltag dadurch enorm eingeschränkt wird

Drei Menschen sprechen über ihre Erfahrungen mit Angst 25. September 20176 Comments

stv. Chefredakteurin, Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Sie lähmt uns, macht uns krank: die Angst. Angst ist ein normales menschliches Gefühl, das jede/r früher oder später hat. Bei manchen ist sie ausgeprägter, bei anderen nicht. Es gibt die verschiedensten Ängste, die teilweise sehr lustig klingen, wie beispielsweise Gymnogasterphobie (die Angst vor nackten Bäuchen) oder Oneirogmophobie (die Angst vor feuchten Träumen), jedoch für die betroffenen Personen im Alltag zur Qual werden.

Wir haben uns mit drei Menschen unterhalten, die mit Phobien zu kämpfen haben und sie gefragt, wie sie damit ihr Leben meistern. 


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Annika (34), Angst vor dem Altwerden

Ich leide seit meiner Jugend an Geraskophobie, der Angst alt zu werden. Angst vor dem Älterwerden haben viele, denn wer möchte nicht immer fit und gesund sein? Dass meine Angst krankhaft ist, haben damals meine Eltern bemerkt. Sobald mich jemand älter geschätzt hat, als ich tatsächlich war, verfiel ich in eine Art Depression, die teilweise wochenlang andauerte. Durch eine Therapie wurde klar, dass ich mich davor fürchte, nicht für mich selbst sorgen zu können.

Mit der Hilfe von Medikamenten habe ich meine Angst heute weitgehend unter Kontrolle, jedoch äußert sie sich im Alltag trotzdem. Wenn ich in den Spiegel blicke und meine Falten sehe oder auch nur ein graues Haar entdecke, bekomme ich extremes Herzrasen und Schweißausbrüche — das Einschlafen wird zum Unmöglichen. Auch an Tagen, an denen ich keinen Sport treibe, mache ich mir abends im Bett Gedanken. Ich habe Angst, dass sich der Tag ohne Sport morgens im Spiegelbild bemerkbar macht. Es gab auch schon Tage, an denen ich um drei Uhr morgens aufgestanden bin und mich auf den Heimtrainer gesetzt habe, nur damit ich danach endlich schlafen kann.

In meinem beruflichen Umfeld weiß jeder von meiner Phobie und es wird auch immer Rücksicht darauf genommen. In einer meiner schlimmen Phasen wurden an meinem Arbeitsplatz sogar extra die Spiegel in der Toilette abgehängt. Ich bin wirklich froh, solch einen verständnisvollen Chef und so tolle Kollegen zu haben, die mich nicht verurteilen.

Tobias (20), Angst vor dem Autofahren

Dass ich totale Panik vor dem Autofahren habe, habe ich erst gemerkt, als ich mit dem Führerschein begonnen habe. Das Mitfahren mit jemand anderem hat mir nie etwas ausgemacht, nur selbst zu fahren wurde für mich zum Problem. Solange der Fahrlehrer am Beifahrersitz saß, ging es auch, aber vor jeder Fahrstunde war ich trotz allem extrem aufgeregt. Ich bekam schwitzige Hände und Herzrasen — teilweise wurde mir auch schwindlig. Die Angst habe ich allerdings geheim gehalten und mich lange niemandem anvertraut, da es mir ziemlich peinlich war.

Als ich dann den Führerschein nach dem zweiten Versuch in der Tasche hatte, war ich nicht in der Lage alleine zu fahren. Wenn meine Freunde etwas unternehmen wollten, kam ich entweder mit dem Bus, oder erfand irgendwelche Ausreden, warum ich nicht kommen konnte.

Irgendwann habe ich dann meinen Eltern von meinem Problem erzählt — ich wusste, dass es so nicht weitergehen kann. Sie hatten mich davor auch schon angesprochen, warum ich nie mit dem Auto fahre. Meine Mutter war total verständnisvoll, aber mein Vater kam ständig mit Sprüchen daher wie: “Als Mann Angst vorm Autofahren? Das ist ja lächerlich.” Das war natürlich nicht gerade förderlich. Schließlich habe ich es auch meinen Freunden erzählt, die alle sofort bereit waren mir zu helfen. Mein bester Freund lies mich dann oft mit seinem Auto fahren und half mir sicherer zu werden.

Heute habe ich zwar noch immer Probleme damit alleine zu fahren, schaffe es aber meistens, die Angst einfach auszublenden. Ich kann nur jedem raten, über seine Ängste zu sprechen, auch wenn manche vielleicht nicht so reagieren, wie man es gerne hätte. Ängste sind nichts, wofür man sich schämen sollte und wenn man an ihnen arbeitet, können auch die größten Phobien überwunden werden.

Barbara (23), Verlustangst

Durch meine Verlustangst befinde ich mich in einer Art Teufelskreis. Sie äußert sich im Alltag meist dadurch, dass ich sehr klammere und viel zu viel über die Dinge nachdenke, wodurch ich mich dann selbst runterziehe. Dann geht es mir natürlich schlecht und ich denke wieder unnötig viel nach. Oft versuche ich diese Gedanken einfach zu verdrängen, meine Probleme runterzuschlucken. Ob das auf Dauer wirklich hilfreich ist, wage ich zu bezweifeln. Momentan komme ich aber damit ganz gut zurecht, wenn ich so tue, als würde meine Angst gar nicht existieren.

Ich glaube, dass meine Verlustangst ausgeprägter ist als bei den Leuten, die ich kenne. Wie es innerlich aussieht, kann ich natürlich nicht sagen, aber die meisten sind so optimistische Menschen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie sich über Verluste solche Gedanken machen. Viele schaffen es tatsächlich, sich an bestimmten Momenten zu erfreuen. Das finde ich total beneidenswert, weil ich tolle Momente überhaupt nicht wertschätzen kann. Ich habe immer im Hinterkopf, dass die schöne Zeit nicht ewig währt und dass man ja nie weiß, wie lange man die Anwesenheit einer Person oder eines Haustieres noch genießen kann.


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Manchmal kommen auch körperliche Beschwerden dazu. Ab und an habe ich solche Phasen, in denen ich besonders viel Angst verspüre — da kann es leicht passieren, dass ich Magenbeschwerden bekomme. Auch mit Gastritis hatte ich schon des Öfteren zu kämpfen. Mit dem Weinen kann ich mich zum Glück beherrschen, wenn ich gerade in der Arbeit oder unterwegs bin. Zuhause kann es aber schon mal vorkommen, dass es mich einfach so überkommt.

Aus meinem Umfeld wissen eigentlich die wenigsten davon, nur meine engeren Freunde. Meine Familie und auch mein Freund wissen nichts von meiner Verlustangst. Ich rede ungern darüber, denn leider spielen die Leute das oft herunter. So auf die Art: “Mach dir halt einfach nicht so viele Gedanken darüber.”

Antonia auf Twitter: @isleofbookx

stv. Chefredakteurin, Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

6 comments

  1. Verlustangst ist mein 2. Vorname. Solange ich zurück denken kann Kämpfe ich damit. Mal mehr, mal weniger. Aber ich habe es immer gut gebündelt. Vor 15 Jahren starb mein Vater. Für mich, als Papakind eine Katastrophe. Ich war gerade mit dem 1. Kind schwanger. Ca. 1 Jahr später kochten die Ängste so hoch, dass ich es nicht mehr in den Griff bekam. Ich hatte unermäßlliche Angst meinen Mann zu verlieren. Durch andere Frauen, Geldnot etc. Das waren alles Hirngespinste in meinem Kopf. Unerträgliches Gedankenkreisen, Zwangsgedanken vom 100sten ins 1000ste. Stoppen war nicht möglich. Ich ließ mich schließlich selbst in die Klinik einweisen, mit dem Gedanken, sollte man mir dort nicht helfen können, mit allem ein Ende zu machen. Trotz erneuter Schwangerschaft wurde ich dort auf Tabletten eingestellt. Heute, 10 Jahre später, geht es mir gut. Die Tabletten nehme ich noch. Sie helfen sehr gegen die ängstigenden Gedanken. Allerdings dosiert ich sie je nach Lebensphase. In guten Zeiten nehme ich alle 5 Tage eine, nur, damit etwas Substanz im Blut ist.
    Es gab Tage, da wollte ich nur noch sterben, obwohl ich eigentlich ein Lebensbejahender, fröhlicher Mensch bin. Ich bin der beste Beweis, dass Kämpfen sich lohnt.

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