Gesellschaft

Das Artensterben vor unserer Haustür

Befürchtungen, es habe sich bald ausgezwitschert, sind berechtigt

Das Artensterben vor unserer Haustür 27. September 20171 Comment

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Kiebitze sind die Leittragenden schlechter Agrarpolitik.

Auf der ganzen Welt sterben Jahr für Jahr unzählige Tier- und Pflanzenarten aus. Damit sind nicht nur Wale, Schildkröten, Tiger, Berggorillas und freilebende Elefanten gemeint. Nein, das Artensterben findet direkt vor unserer Haustüre statt und scheint so unaufhaltsam wie die Klimaerwärmung.

Wo früher Vogelarten ein regelrechtes “Battle” betrieben, wer lauter und kräftiger singt, sind heute nur noch die gängigsten Arten zu hören. Im Frühling hieß es: “Alle Vöglein sind schon da” — heute wohl eher: “Alle Vöglein sind schon nicht mehr da.” Die vielen Straßentauben und Sperlinge täuschen über diesen Fakt nicht weg. Laut BirdLife Österreich heißt es:

Einer Studie zufolge ist in Österreich alleine zwischen 1998 und 2011 ein Rückgang der Feldvögel von 31,7 % zu verzeichnen gewesen. Europaweit ist die Zahl der Vogelarten in der Kulturlandschaft seit 1980 um 52 % zurückgegangen, das sind um 300 Millionen Vögel weniger.

Würden vergleichsweise 300 Millionen in den USA sterben, wäre der Staat so gut wie ausgestorben. Just saying. Das Aussterben heimischer Vogelarten ist also nicht zu leugnen. “Jeder zweite Vogel und noch mehr Schmetterlinge und Bienen sind seit den 1980er Jahren verschwunden”, stellte Gerald Pfiffinger, ehemaliger Geschäftsführer der Vogelschutzorganisation BirdLife, bereits 2014 fest.

Warum uns das Artensterben kümmern sollte

Auch ohne im Biologieunterricht aufgepasst zu haben, ist es offensichtlich, dass es ohne Vögel weitaus mehr Insekten geben würde — Milliarden mehr an Insekten, die uns nachts das Blut aussaugen und den Tag zur Hölle machen. Zudem würde die Anzahl an Krankheiten steigen, da Insekten teils lebensgefährliche Infektionen übertragen. Sogar unsere Nutztiere und die daraus resultierenden Erträge würden sinken.

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Insekten machen Mensch und Tier das Leben zur Qual

Doch nicht nur das, auch unendlich viele Pflanzenarten könnten ohne Vögel nicht weiter existieren. Vögel sind weitaus enger in unser Ökosystem eingebunden, als im ersten Moment gedacht. Auf manchen Kontinenten sind sie für die Samenbestäubung zuständig — wo kein Vogel, da auch keine Frucht. Bei uns in Europa übernehmen Bienen und Hummeln den Job, aber auch um die steht es schlecht. Sie leiden teils aus denselben Ursachen wie Vögel.


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Weitere Konsequenzen dieser düsteren Vorstellung wären laut der Welt das Aussterben vieler Baum-Arten, wie etwa der Eiche, Eberesche, Wildkirsche und vieler mehr. Der Grund hierfür ist naheliegend: Vögel fressen die Früchte der Bäume und scheiden diese an einer anderen Stelle aus. Dies führt zu neuen Bäumen und Sträuchern — die gefiederten Freunde fungieren somit als Verbreiter von Samen. Und wie wir alle wissen, sind Bäume als CO2-Produzenten von unschätzbarem Wert für unseren Planeten. Vögel sind folglich direkt in unser Ökosystem eingebunden und übernehmen eine sehr wichtige Rolle, auf die wir nie vergessen dürfen.

Schuld ist die Land- und Forstwirtschaft, oder?

Weit und breit nur stark bewirtschaftete Felder. Keine Grünstreifen, Hecken und Büsche. Keine Bäume und Sträucher. Nur Weizen, Roggen, Soja und Mais. In jedem Bundesland sind solche Flächen zu finden. Wir können nicht leugnen, dass diese bis zu einem gewissen Teil Österreich repräsentieren, aber zugleich nicht an Artenreichtum strotzen.

Die Gier nach maximalem Profit hat die Felder und Wälder unseres Landes ruiniert. Kürzungen des Budgetmittels im Agrarumweltprogramm und im Naturschutz sind definitiv keine Lösung, sondern die Ursache allen Übels. Eine Bewirtschaftung, bei der sowohl der Mensch als auch der Vogel seinen Platz findet, muss möglich sein. Das Verständnis gegenüber den hilflosen Tieren seitens der Landwirte ist ebenso erforderlich, wie eine gute Agrarpolitik.

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Ein vom Aussterben bedrohtes Braunkehlchen

Viele Vögel der Kulturlandschaft sind Bodenbrüter, sie bauen ihre Nester dezidiert nicht in Sträuchern und Bäumen. Ein Bauer überrollt beim Düngen und Mähen das Gelege oder die Küken selbst. Achtet er hingegen auf die Bewohner seiner Ländereien, muss dies nicht passieren. Der Zeitpunkt der Mahd kann angepasst und die Bodenbrüter vertrieben und in Sicherheit gebracht werden. Ein weiterer Dorn im Auge der Ornithologen ist das Entfernen älterer und wenig ertragreicher Obstbäume. Das Fallobst im Spätsommer dient vielen Arten als Nahrungsquelle, auch Säugetiere und Insekten profitieren davon. In das alte Holz schlagen Spechte ihre Bruthöhlen, die im Laufe der Zeit auch von Eulen und Singvögeln weiterverwendet werden.

Aber auch die Forstwirtschaft muss ihren Teil zum Naturschutz beitragen. Denn in Fichten-Monokulturen findet kaum ein Tier ein geeignetes Zuhause. Ein naturbelassener Mischwald mit Totholz, wie es ihn vorwiegend in Nationalparks zu finden gibt, stellt einen idealen Lebensraum für einige Vögel, Insekten und Säugetiere dar.


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Zweifellos hat auch der Klimawandel seine Finger im Spiel. Focus Online zufolge werden in absehbarer Zeit 50 % aller Tier- und Pflanzenarten verschwinden, falls sich das Klima wie vorhergesagt erwärmt. Einzelheiten dazu würden den Umfang dieses Artikels sprengen und nicht einmal in einem Buch Platz finden.

Von Vogeltot zu Vogelmord

Naturschützer und Ornithologen bemühen sich seit Langem, seltene Greifvögel in Österreich wieder heimisch zu machen. Umso schmerzlicher ist es, wenn die zahlreichen Bemühungen aufgrund ignoranter Idioten zunichtegemacht werden — die Rede ist von mutwilliger Vergiftung von Tier-Ködern. In diesem Jahr kam es in Ober- und Niederösterreich zu einigen grausamen Funden. Rotmilane wurden mittels Hasen-Kadavern vergiftet.

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Ein oftmaliges Vergiftungsopfer — der Rotmilan

Aber auch der eben erst wieder heimisch gewordene Kaiseradler fiel den Kriminellen zum Opfer. Der Adler wird vielerorts als Jagdkonkurrent angesehen und ist wegen seiner eindrucksvollen Größe und des schönen Gefieders ständiger Gefahr von illegalen Abschüssen ausgesetzt. Laut dem Standard gibt es nur wenige Exemplare in Ostösterreich und das auch nur aufgrund von erfolgreichen Schutzprogrammen. Die Vögel werden — wenn möglich — mit Sendern versehen, um sie so besser lokalisieren und schützen zu können.

Seitens BirdLife Österreich heißt es dazu:

Von den 16 Exemplaren, die wir in den letzten Jahren besendert haben, sind nur noch fünf am Leben … und rund die Hälfte davon ist sicher oder mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Gift oder Abschuss gestorben.

Den Jägern können solchen Taten nur schwer nachgewiesen werden. Selbst wenn es zu einer Verurteilung kommt, ist die Strafe bei weitem zu gering. Denn wie wertvoll ist schon ein Vogel, wovon in Österreich keine zwanzig Brutpaare existieren?

Die Verantwortung liegt eindeutig bei uns

Nicht nur Jäger und Landwirte tragen die Verantwortung das Artensterben zu stoppen, auch wir “Normalos” müssen uns mit den Fakten befassen — nicht nur unseren Enkeln und Urenkeln zuliebe. Es liegt an uns, sich zu informieren, wenn die Bundesregierung neue Ziele und Pläne in der Agrarpolitik umsetzen will. Nicht weil ein paar Ornithologen Vögel als niedlich befinden, sondern weil sie für unser ganzes Ökosystem von immenser Bedeutung sind.

Wenn wir uns nicht mit solchen heiklen Themen befassen und handeln, sieht es in der nahen Zukunft sowohl für uns als auch für Kiebitz, Großer Brachvogel, Braunkehlchen und Co. düster aus.

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Lisa auf Twitter: @lugerblis

[Foto: © Lisa Lugerbauer]

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

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