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Warum der Fußball noch immer ein Sexismusproblem hat

In Sachen Geschlechtergleichstellung hinkt der Fußball dem Geist der Zeit gewaltig hinterher, doch warum ist das so?

Warum der Fußball noch immer ein Sexismusproblem hat 27. September 20174 Comments

Als vor zwei Wochen Bibiana Steinhaus als erste Frau in der Geschichte des Deutschen Fußballs ein Bundesligaspiel leitete, war die Resonanz groß. Die erste Schiedsrichterin in einer höchsten Liga der Volkssportart Fußball schien eine derartige Außergewöhnlichkeit darzustellen, dass die überwältigende Mehrheit der Medienhäuser — selbst im nicht deutschsprachigen Ausland — sich dazu hinreißen ließen, ausgiebig darüber zu berichten. ZDF-Moderator Rudi Cerne erachtete es als notwendig, im ersten Satz zu erwähnen, dass ihre Leistung “ohne Fehl und Tadel” gewesen sei.


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Der aufmerksame Zwischen-den-Zeilen-Leser mag darin unterschwelligen Sexismus entdeckt haben. Denn warum sollte es notwendig sein, eine Person — vor dem Hintergrund ihres Geschlechts wohlgemerkt — zu loben, wenn davon ausgegangen werden soll, dass die Fähigkeit, ein Fußballspiel zu leiten, nicht vom Geschlecht abhängig gemacht werden kann? Und warum sollte diese Tatsache überhaupt erwähnenswert sein, wenn die überwiegende Allgemeinheit die Existenz von Frauen in einer männerdominierten Sportart für selbstverständlich hält? Die Antwort ist gleichermaßen simple wie problematisch: Es ist eben nicht selbstverständlich! Der Fußball hat auch im Jahr 2017 ein Sexismusproblem.

Sexismusproblem — Frauen unerwünscht!

Nicht nur Bibiana Steinhaus ist als Frau im mannhaften Fußballgeschäft allein auf weiter Flur. Unter den Aufsichtsratmitgliedern der 36 deutschen Erst- und Zweitligaklubs gibt es zwei (!) Frauen. Im europäischen Profifußball werden laut einer Studie von Football Against Racism in Europe (FARE) nur 3,7 % der Führungspositionen von Frauen besetzt.

In Österreich zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Von 51 Positionen in den Gremien der österreichischen Bundesliga (bestehend aus Aufsichtsrat, Senaten und Komitees) wird eine einzige Stelle von einer Frau besetzt. Ihr Name: Katja Putzenlechner, Aufsichtsrätin der Bundesliga und selbstständige Unternehmensberaterin. Eine Schiedsrichterin in Österreichs höchster Männer-Spielklasse gibt es nach wie vor nicht.

Ein Umdenken in den tiefen Gräben der machohaften Fußballwelt wird es so nicht geben. Im Fernsehen und auf Werbetafeln werden Frauen in Verbindung mit Fußball weiterhin als Anziehungsmagnet für heterosexuelle Männer vermarktet und in den Stadionkurven haben weibliche Fans kaum eine Chance, in die Szene integriert und als vollwertiges Mitglied der Fangemeinde wahrgenommen zu werden. Dabei steigt gerade bei Frauen das Interesse am Fußball.

Das Ereignis Fußball besteht schon lange nicht mehr aus dem Sport alleine. Vielmehr bietet die fortschreitende Kommerzialisierung ein umfangreiches Gesamtprogramm mit allgemeinem Unterhaltungswert. Das Sporterlebnis wird als gemeinschaftliches Großereignis wahrgenommen, das Menschen auf und neben dem Platz verbindet. Also warum schafft es ausgerechnet die Volkssportart Fußball nicht, für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis einzutreten?

“Wir müssen lernen das Problem anzuprangern”

Nicole Selmer, Autorin des Buches Watching The Boys Play, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Sexismus und Fußball. Für sie liegt das Problem auch darin, dass die Auseinandersetzung mit Sexismus noch nicht im gleichen Maße stattfindet, wie beispielsweise der Kampf gegen Rassismus und Homophobie. Um auch den Sexismus zum tragenden Thema im Sport machen zu können, genüge es nicht, wenn Frauen und direkte Betroffene darüber reden. “Wir müssen lernen das Problem anzuprangern […] Auch Männer müssen sich dem Thema annehmen und sich mit den Leidtragenden solidarisieren”, so Selmer in einem Interview mit dem Magazin 11Freunde.


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Dass dieses Umdenken bereits an einigen Enden stattgefunden hat, beweist die Union of European Football Associations (UEFA), die in junger Vergangenheit bereits mit lautstarken Kampagnen gegen Rassismus und Hass auffiel. Nun nehmen sie das Thema Frauen im Fußball mit in ihre Botschaft auf. Unter #EqualGame haben sie ein Video veröffentlicht, das unter anderem die Rolle der Frau stärken soll — allerdings nur am Platz.

Die Stellung der Frau in Führungspositionen wird nicht thematisiert. Warum auch? Schließlich geht es der UEFA um den sportlichen Aspekt und die romantische Vorstellung, jeden Menschen mittels Fußball — unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Glaube oder Geschlecht — miteinander zu verbinden. Das ist ja auch schön und gut. Aber wie soll die sportliche Gleichstellung der Frau im Profisport funktionieren, wenn die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ein eklatantes Ungleichgewicht aufweisen?

Die Frauenquote ist im Männerfußball unverzichtbar

Möchte man eine tiefwirkende Veränderung der stigmatisierten Geschlechterrollen im Fußball auf ideologische Weise erreichen, ist eine Frauenquote im Männerfußball unverzichtbar. Die Einstellung zum Sport und zu dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen wird sich in der Männerdomäne Fußball ansonsten nicht verändern. Auf politischer Ebene wurde in Deutschland die Frauenquote in Aufsichtsräten bereits eingeführt. In Österreich kommt sie ab dem 1. Jänner 2018. Doch aufgrund der laxen Bestimmungen wird diese nur für börsennotierte Unternehmen und Firmen mit mindestens 1.000 Angestellten gelten. Ein Fußballklub ist somit weder in Österreich noch in Deutschland von der Vorgabe betroffen.

Eine endgültige Gleichstellung der Geschlechter im Fußball wird es vermutlich nie geben, dafür ist die Tradition der Sportart schlichtweg zu präsent in den Köpfen der Menschen. Doch es sind manchmal die kleinen Entscheidungen und Veränderungen, die die Sicht auf Dinge beeinflussen können. Das ist nicht nur im Fußball so, trifft hier aber aufgrund der langjährigen Verfestigung einseitigen Geschlechterdenkens besonders zu. Nun liegt es nicht nur an den Spielerinnen, sondern vielmehr auch an Spielern, Trainern, Funktionären und Präsidenten, dies zu ändern.

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[Foto: Stephan Röhl/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von James P. Platzer]

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