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‘Die beste aller Welten’: Eine Kindheit zwischen Heroin und Opium

Adrian Goiginger schafft mit seinem autobiographischen Debütwerk, das einen erschütternd realistischen Blick auf die heimische Drogenszene wirft, ein Glanzstück österreichischer Filmkunst

‘Die beste aller Welten’: Eine Kindheit zwischen Heroin und Opium 28. September 20172 Comments

stv. Ressortleiter Popkultur

Achtung, im folgenden Beitrag befinden sich Spoiler zu dem Film Die beste aller Welten.

Heroin auf dem Esslöffel, eine alte Eisteeflasche gefüllt mit Opium, ein kleines Kind im Volksschulalter. Zwischen Drogenabhängigen, deren Realität verschwommen, deren Leben unerträglich geworden ist, wächst Adrian Goiginger auf. Jahre später verfilmt er seine Kindheit. Die beste aller Welten ist ein autobiographischer Film aus Österreich. Autobiographisch und österreichisch — was nach einer gefährlichen Mischung klingt, reißt Löcher in unseren Verstand und fesselt mit einer Geschichte, die unvergleichlich authentisch ist.

Die eigene Kindheit als einzigartiges Debüt

Der Regisseur Adrian Goiginger erzählt in seinem Langfilmdebüt seine eigene Geschichte. Eine wahre Begebenheit, wahre Jahre im Leben des 26-Jährigen. Ein Film, der eine seltene Authentizität schafft und einer der wenigen Streifen ist, dem es tatsächlich gelingt, ein Bewusstsein für Drogenabhängige zu schaffen und sie nicht als halbtote Überbleibsel einer verlorenen Existenz darzustellen.

© RitzlFilm – Film.TV.Video.NeueMedien

Der siebenjährige Adrian wohnt mit seiner Mutter in Salzburg. Sie ist schwer drogenabhängig, spritzt sich mit ihren Freunden Heroin und trinkt Opium, bis sie sich nicht mehr spürt. Ihr Sohn sitzt ihre Räusche aus, wird von den Junkies zwar geliebt, deren Exzesse bringen den Buben aber immer wieder in Gefahr.

Die Kindheit des jungen Adrian wird hierbei in einer unglaublichen Originalität erzählt. Aus der Sicht des Kindes ist diese Welt nicht abartig, es ist einfach seine Welt. Das Koks auf dem Tisch, die versifften Leute, die es nehmen, gehören einfach dazu. Der Salzburger Dialekt, der sonst — so wie jede sprachliche Variation des teilweise unverständlichen Österreichisch — oftmals eine lächerliche Amateurhaftigkeit impliziert, schafft hier genau das Gegenteil.

Die Geschichte wird so lebendig, so wahrhaftig, dass man meinen möchte, sie ist genauso passiert. Nicht dass wir an dieser Stelle dem Film jegliche autobiographische Wahrheit abschlagen wollen würden. Lediglich der ausgeschlachtete Slogan “Nach einer wahren Begebenheit” wurde durch das amerikanische Vorbild als Kassenschlager abgestempelt. Umso schöner, dass Goiginger mit seiner Verfilmung einen Kontrast dazu herstellt.

Die Sucht, der innere Dämon

Doch auch wenn für den kleinen Adrian diese Welt normal ist, ist sie es für den/die ZuseherIn nicht. Es ist die pure Verantwortungslosigkeit der Mutter, ebenso aller anderen Junkies, den Siebenjährigen so aufwachsen zu lassen. In der Wohnung wird geraucht, die Opiumflasche und den tatsächlichen Eistee trennt nur das verschiedene Etikett. Nach einem erneuten Rausch findet Helga ihren Sohn am Morgen nicht. Das Kind hat die ganze Nacht auf dem Balkon verbracht. Der Dealer, der so wie alle anderen über den Balkon einsteigt, wie es ihm passt, wird gegenüber dem Kind handgreiflich, will ihn im Rausch zwingen Vodka zu trinken.

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Auf dem Schulweg greift der Bub mit seinen Freunden zur Zigarette. In der Pause schießt er neben dem Sportplatz mit Schweizerkrachern. Lausbubenstreiche eben. Adrian ist dennoch ein liebevolles, braves Kerlchen mit dem großen Wunsch einmal Abenteurer zu werden. In Träumen und Versionen kämpft er gegen einen Dämon. Einen, der auch in Helga wohnt.


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Nichtsdestotrotz schafft es Goiginger, Friede in der Hölle zu stiften. Durch die vollkommene Liebe zwischen Kind und Mutter keimt nicht einfach nur oberflächliches Mitleid auf. Im Gegenteil, es entwickelt sich eine derartige Greifbarkeit, dass eine solche Verletzung der Erziehungspflicht nicht als pure egoistische Verantwortungslosigkeit, sondern als menschliches Versagen gewertet wird.

Der Dialog zwischen Kind und Mutter ist echt. Während einige Sprechszenen einem gebürtigen Salzburger wie aus dem eigenen Leben geschnitten vorkommen, sind andere Sätze so formuliert, dass sie an einer hollywoodartigen Phrasendrescherei nur knapp vorbeischrammen. Mit Hinzunahme der außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen in Wort und Mimik glücken aber auch die eher gestelzten Konversationen und es entsteht eine glaubhafte Dynamik.

Der ausweglose Kampf gegen das Gift

Mit Verlauf des Films steigert sich das Narrativ und die Ereignisse spitzen sich immer mehr zu. Das “seelenlose” Jugendamt steht vor der Tür, auf dem Kindergeburtstag sitzen Junkies neben kleinen Kindern und essen Kuchen. Ein kalter Entzug der Mutter als hilfloser Versuch zurück zur Normalität. All diese Dinge, so gravierend sie auch sein mögen, trennen aber nicht die symbolische Botschaft des Filmes: die innige unbändige Liebe zwischen Mutter und Kind.

Schließlich gewinnt die Sucht doch. Der Dämon, die metaphorische Vorstellung des Kindes Adrian, der die Mutter zerstört, behält die Oberhand. Es ist wieder die kindliche filmische Perspektive, die das Finale zeichnet und die Geschichte zu einer vermeintlichen Tragödie macht. Der Dealer verstirbt im Bett von Helga. Ihr Freund Günter verschwindet, um nicht von der Polizei hochgenommen zu werden. Sie verliert sich erneut und der siebenjährige Adrian greift schlussendlich selbst zur falschen Flasche und legt in seiner Halluzination einen Brand in der Wohnung.


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Das Gift scheint das Band zwischen Kind und Mutter zu zerreißen. Als Adrian in einem Jugendzentrum betreut wird, erscheint jedoch Helga erneut. Sie ist clean und hat die Sucht besiegt. Goiginger inszeniert den Schlusspunkt gefühlvoll, die Umarmung zwischen Kind und Mutter wird zum Happy End, das dennoch tiefe Spuren beim Publikum hinterlässt.

Eine Bereicherung für die österreichische Filmlandschaft

Die beste aller Welten schafft ein Bewusstsein. Die Sucht wird zwar als abstoßend empfunden, entfaltet all ihre Grausamkeit, zeigt sich jedoch als eine erbarmungslose menschliche Schwäche, die Körper und Geist gefangen nimmt, jedoch besiegt werden kann.

Die Mutter verstirbt 2012 an Krebs. Adrian Goiginger hat als Filmemacher seinen Traum erfüllt, wird in gewisser Weise zum Abenteurer. Sein Stiefvater, Günter Goiginger, selbst abhängig und Teil der Junkies, gründet eine Initiative für Süchtige. Der Film endet mit einem Zitat von ihm:

Es gibt keine hoffnungslosen Fälle, nur hoffnungslose Menschen.

Selten hinterlässt ein österreichischer Film einen solch tiefgründigen Eindruck und avanciert so zum Kassenliebling. Die beste aller Welten wird nicht nur zum Lehrfilm in Schulen werden, sondern auch einen besonderen Platz in der heimischen Mediathek einnehmen. Weil Drogen nicht nur Partyanheizer sind, nicht nur ein Mittel sind, um der Realität zu entschwinden. Sie sind ein innewohnender Dämon, der ganze Existenzen auslöschen kann.

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: © RitzlFilm – Film.TV.Video.NeueMedien]

stv. Ressortleiter Popkultur

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