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Hymnen-Boykott in der NFL: Alles nur Heuchelei?

Nach dem Hymnen-Boykott vergangenes Wochenende — was sollte die NFL als nächstes tun?

Hymnen-Boykott in der NFL: Alles nur Heuchelei? 28. September 20172 Comments

Redakteur

Die Teams der NFL haben am vergangenen Sonntag einen Schritt gemacht: Spieler und Owner der Franchises stellten sich öffentlich gegen die Aussagen von Präsident Trump und setzten mit dem Hymnen-Boykott ein deutliches Zeichen. Für Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit. Tatsächlich hätte ich meine erste Kolumne auf kultort.at gerne einem anderen, sportlicheren Thema gewidmet, aber man kommt um die Frage nicht herum: alles richtig oder doch nur Heuchelei?

Der, der den Stein ins Rollen brachte

Als Colin Kaepernick vor circa einem Jahr im Vorfeld des letzten Pre-Season-Spiels seiner San Francisco 49ers während der Hymne auf der Bank sitzen blieb, konnte er das Ausmaß seiner Tat wohl noch nicht abschätzen. Er wollte ein Zeichen gegen die Gewalt an der afroamerikanischen Bevölkerung setzen, eine kleine gewaltlose Geste. Allein auf weiter Flur zog er den Groll vieler Fans und Patrioten auf sich, die amerikanische Flagge will im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht besudelt werden. Dass er damit ein gesellschaftlich hochrelevantes Thema in den Fokus rücken wollte, stoß bei einem Großteil der AmerikanerInnen auf keinerlei Gegenliebe.

Ein Jahr später fehlen ganze Teams während der Hymne vor dem Spiel. Andere Mannschaften knien gemeinschaftlich oder stehen in Menschenketten zusammen an der Seitenlinie. Man will eine Einheit präsentieren. Nicht nur Spieler stehen Schulter an Schulter nebeneinander, auch Owner mischen sich in das Getümmel und werden nicht müde, ihre zuvor noch für die Medien verfasste Stellungnahme zu den wüsten Aussagen Donald Trumps zu wiederholen. Der US-Präsident meinte vergangenen Freitag, die Besitzer der NFL-Teams sollten diese “Dreckskerle, die während der amerikanischen Hymne am Feldrand knien” feuern. Das kam nicht gut an. Die Einigkeit über den unglaublichen Fehltritt macht sich über die ganze Liga breit. Man ist sich einig: Trump ist zu weit gegangen.


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Und damit haben sie auch recht, Trumps jüngste Eskapade dürfte dem ohnehin schon unbeliebten Präsidenten deutlich mehr schaden, als er das zuvor angenommen haben dürfte. Dennoch steht man vor einem kleinen Dilemma, den plötzlichen Sinneswandel der Team-Besitzer kauft man ihnen nur bedingt ab — vor allem dann, wenn man die Personalie Kaepernick im Hinterkopf behält. Der Quarterback hat sich mit seiner Aktion ins Aus manövriert, galt und gilt als zu heiße Kartoffel, um ihn sich in die Mannschaft zu lotsen. Man will die Fans ja nicht vergraulen und am Ende gar vor leeren Rängen spielen.

Geld regiert die Football-Welt

Die NFL ist am Ende immer noch eine große Geldmaschine. Man entscheidet manchmal über dem Gesetz hinweg (Stichwort: Ezekiel Elliott), hat sich einem eigenen Regelkatalog verschrieben und lebt quasi in einer Parallelgesellschaft am eisernen Thron des kapitalistischen Systems. Die Themen von der “normalen” Welt kommen in der NFL nur an, wenn sie mit Geld verbunden sind.

Und hier kommen wir an den entscheidenden Punkt: Wie soll man Männer ernst nehmen, die bis vor kurzem einen gestandenen Superbowl-Quarterback wegen seines friedlichen Protests boykottierten, wenn sie jetzt plötzlich für dieselben Dinge wie der geschmähte Kaepernick einstehen? Glaubt wirklich wer an den Sinneswandel und kauft John Mara, Jerry Jones und Co. ab, dass sie sich jetzt plötzlich für Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und eine bessere Gesellschaft einsetzen?

Es ist die Heuchelei die hier wieder zum Tragen kommt. Wenn das Geld in Gefahr ist, macht man alles, um es zu retten. Weiteres schlechtes Image verträgt die NFL nicht. Schon gar nicht in Zeiten von CTE und den ständigen Prügel- oder Mordschlagzeilen. Ein regelrechter Boykott des Produktes von Seiten des Konsumenten würde einen enormen Schaden zufügen. Deshalb lenkt man lieber ein, stellt sich mit den Spielern auf das Feld und zeigt Einigkeit.

Das (persönliche) Dilemma

Ich liebe Football und sehne jeden Sonntag herbei, aber mit der NFL kann man seine Probleme haben. Die Causa Kapernick beschäftigt mich quasi seit den Anfängen. In hunderten Gesprächen auf verschiedenen Plattformen wurde schon hitzig diskutiert. Ich finde es immer noch skandalös, dass er keinen Platz in einem Team gefunden hat — nicht als Starter, aber zumindest als Backup. Denn Scott Tolzien und Ryan Fitzpatrick dürfen ja auch mittrainieren. Aber das ist das Schicksal von einem einzelnen Spieler. Und der kann bei seiner von ihm gestarteten Aktion nicht einmal mehr auf dem Feld stehen und mitprotestieren.

Vor wenigen Tagen war es noch unpopulär, am Spielfeld für einen gesellschaftlichen Wandel einzustehen. Sport und Politik gehören nicht zusammen, so der amerikanische Tenor. Doch man weiß auch: Wer jetzt nicht mitzieht und sich öffentlich gegen Trump stellt, hat mit echtem Image-Verlust zu rechnen.

Es täte der NFL einmal gut, wenn sie boykottiert werden würde. Nicht nur wegen der Aktion mit Kaepernick und Trump, nicht nur wegen der Doppelmoral in den prominenten und unprominenten Prügelfällen, nicht nur wegen der Willkür von Commissioner Roger Goodell. Wenn die ZuschauerInnen nicht ins Stadion gingen und die Menschen den Fernseher nicht aufdrehen würden. Wenn dann die Werbungen ausbleiben, wird sich wirklich etwas verändern. Wenn Geld wegfällt, kommen plötzlich Änderungen zustande. In der NFL, in der Gesellschaft.

Hymnen-Boykott der Beginn einer Revolution?

Ob die breite Masse tatsächlich dem Produkt den Rücken zeigt und etwa nur noch samstags in Richtung College schielt, darf bezweifelt werden. Aber man sollte den Besitzern zumindest das Gefühl geben, dass es jederzeit soweit sein könnte. Dass sie und das derzeitige NFL-System angezählt sind. Jede Revolution hat unweigerlich ihre Opfer.

Als Colin Kaepernick vor circa einem Jahr im Vorfeld des letzten Pre-Season-Spiels seiner San Francisco 49ers während der Hymne auf der Bank sitzen blieb, konnte er das Ausmaß seiner Tat wohl noch nicht abschätzen. Jetzt knien alle gegen den Präsidenten. Kaepernick hat wohl mehr erreicht, als er sich jemals vorstellen hat können. Dass er nicht mehr spielt, ist ein Opfer, das er vermutlich gerne in Kauf nimmt. Denn in zwanzig, dreißig Jahren dürfte er als großer Bürgerrechtler in der amerikanischen Geschichte verankert sein.

Martin auf Twitter: @msenfter

[Foto: Mike Morbeck/Flickr (Kaepernick)/CC BY-SA 2.0/Gage Skidmore/Flickr (Trump)/CC BY-SA 2.0/Illustration von James P. Platzer]

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