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Das “Alles oder nichts”-Prinzip der neuen Cleveland Cavaliers

Nach der Finalniederlage aus letzter Saison haben sich die Cleveland Cavaliers um LeBron James ein neues Team zusammengetradet — doch wie erfolgversprechend ist dieses Konzept?

Das “Alles oder nichts”-Prinzip der neuen Cleveland Cavaliers 4. Oktober 20171 Comment

stv. Ressortleiter Sport

Es war der Überraschungs-Trade der Off-Season. Die Boston Celtics schicken ihren Superstar Isaiah Thomas gemeinsam mit Jae Crowder, Ante Žižić und zwei Draft-Picks in Richtung ihres letztjährigen Playoff-Bezwingers nach Cleveland — und erhalten dafür Kyrie Irving. Zwar zählt Irving ohne Zweifel zu den besten Spielern der Liga, doch der Preis, den Boston dafür zahlte, erschien im ersten Moment etwas hoch. Also ein gutes Geschäft für die Cleveland Cavaliers?


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Nachdem Irving seinen Wechselwunsch laut geäußert hatte und seine Leistung in der Finalserie gegen die Golden State Warriors eher durchwachsen war, wurde sein Abgang in Cleveland überraschend schmerzlos hingenommen. Die Verpflichtung von Isaiah Thomas, der aufgrund einer Hüftverletzung noch bis Februar 2018 ausfallen könnte, wurde in Ohio hingegen gefeiert. Ein aufstrebender Star, der sich mit spektakulären Aktionen schnell in die Herzen der NBA-Fans gespielt hatte, aber immerhin vier Jahre älter als Irving ist.

Was bedeutet dieser Strukturwechsel?

Die Teamchemie, die Dynamik und letztlich auch das Konzept der Mannschaften könnte sich grundlegend ändern. Denn auch außerhalb des Irving-Trades haben die Cavs fleißig an der Teamplanung gearbeitet. Neben dem verletzungsgeplagten Ex-MVP Derrick Rose, der zuletzt für die New York Knicks aufgelaufen ist, unterschrieb LeBrons alter Weggefährte Dwyane Wade bei dem Team aus Ohio. Nun befinden sich also alle MVPs der Jahre 2009 bis 2016 in den Reihen der Cavs und Warriors.

Nüchtern betrachtet also eher eine Stärkung für LeBron James. Dennoch werfen die Neuverpflichtungen einige Fragen zur allgemeinen Wechselpolitik der Liga auf. Dass ein Spieler das Team wechselt, um in neuer Formation eine Meisterschaft feiern zu können, ist spätestens seit dem letztjährigen Wechsel von Kevin Durant zu den Warriors nichts Neues. Doch die Art und Weise, wie Spieler nach dem größten Erfolg ihrer Karriere streben, hat sich geändert.


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Das “Aussterben” der Franchise-Spieler

Dass ein Spieler seine gesamte NBA-Laufbahn bei einem Team verbringt, ist so selten geworden, wie zwei hintereinander verwandelte Freiwürfe von Dwight Howard. Größen wie Kobe Bryant, Tim Duncan oder Dirk Nowitzki sind nach dem heutigen Verständnis einer erfolgreichen Karriere akut vom “Aussterben” bedroht.

Die Philosophie der Spieler, Trainer und Teaminhaber hat sich geändert. Sie ist sprunghafter, ungeduldiger, erfolgssüchtiger und vor allem kommerzieller geworden. Mannschaften formieren sich in kürzester Zeit um. Selbst durchschnittliche Teams sind manchmal nur zwei Transfers davon entfernt, ein Titelaspirant zu sein.


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Im Westen basteln sich die Oklahoma City Thunder um Russell Westbrook eine neue Erfolgsmannschaft zusammen. Auch wenn mit Carmelo Anthony und Paul George zwei Persönlichkeiten kommen, die eher für ihr Ego als für teamorientierten Basketball bekannt sind, geben sich die Thunder in ihrer unverhofften Erstarkung als optimistische Kämpfer. Die Konkurrenz ist im Westen mit Golden State unermesslich — und bis jetzt deutet alles auf eine Wiederholung der Finals von den letzten drei Jahren hin. Doch die Gier nach Superstars zieht sich durch die gesamte Liga.

Das “Alles oder nichts”-Prinzip

Feststeht: Die Planung der Teams ist wesentlich kurzfristiger geworden. Die Verlockung, sich in naher Zukunft einen Championship-Ring aufstecken zu können, überwiegt gegenüber dem veralteten Ideal einer langfristig stabilen Franchise. Im Fall der Cleveland Cavaliers ist diese überhastete Reaktion noch am ehesten nachvollziehbar. Die Uhr von LeBron James, dem besten Spieler der Welt, läuft in absehbarer Zeit ab.

Kein Zweifel, der 32-Jährige wird die Liga noch einige Jahre von seinen Fähigkeiten überzeugen, doch die Nervosität, die Blütezeit des Ausnahmespielers schon bald nicht mehr in Effizienz umwandeln zu können, ist in Cleveland spürbar. Weshalb es nicht verwunderlich ist, dass die Verantwortlichen alles dafür tun, ihren wertvollsten Spieler so ausgiebig zu schröpfen, wie nur möglich. Zumal James im letzten Jahr bereits während der Playoffs die mangelnde Unterstützung seiner Mitspieler bemängelt hatte. Nun ist die Unterstützung scheinbar da — zumindest für den Moment. Denn die Anzeichen, dass LeBron die nächste Saison nicht in Cleveland absolvieren wird, verdichten sich.

Dieses “Alles oder nichts”-Prinzip bringt neue Brisanz in das Rennen um die Meisterschaft, macht die Liga aber auch kurzlebiger und unvorhersehbarer.

Schwachstelle Big Men?

Im Endeffekt wird alles auf die Frage hinauslaufen: Waren es die richtigen Transfers oder hätte man sich für Irving ein anderes Spielerpaket besorgen sollen? Forward Kevin Love wurde in diesem Sommer als sicherer Abgang gehandelt, bleibt nun aber doch. Ebenso Center Tristan Thompson nach einer enttäuschenden Leistung in den Playoffs. Ihr altbekanntes Problem unter den Körben werden die Cavs dadurch nicht lösen. Im Gegenteil: Die Schwachstellen werden auch dieses Jahr auf den großen Positionen liegen.

Erst kürzlich äußerte sich Coach Tyronn Lue zu der Problematik, als er sagt, er sei gewillt, Kevin Love auf der Center-Position starten zu lassen. Es bleibt abzuwarten, ob dies Teil des Konzeptes oder bereits jetzt eine eingeplante Notlösung ist, könnte aber die Meisterschaft und so die Zukunft der Cleveland Cavaliers entscheiden.

Leonard auf Twitter: @leo_laurig

[Foto: Keith Allison/Flickr (Thomas)/CC BY-SA 2.0/Erik Drost/Flickr (James)/CC BY 2.0/Keith Allison/Flickr (Wade)/CC BY-SA 2.0/Illustration von James P. Platzer]

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