NFL Sport

Mitchell Trubisky & Co: Die Mär vom auf der Bank ausgebildeten Quarterback

Die Chicago Bears wechseln nach vier Wochen der neuen NFL-Saison den Quarterback aus: Rookie Mitchell Trubisky übernimmt vom glanzlosen Mike Glennon

Mitchell Trubisky & Co: Die Mär vom auf der Bank ausgebildeten Quarterback 5. Oktober 2017Leave a comment

Redakteur

Es war der einer größten Schocker des vergangenen NFL-Drafts: Die Chicago Bears tauschten sich extra noch einen Platz nach oben (von Position drei auf zwei), um sich die Dienste von Mitchell Trubisky sichern zu können. Man gab einige Picks ab — auch für den kommenden Draft 2018 — und ist sich sicher, mit dem jungen Quarterback den Spielmacher der Zukunft gefunden zu haben. Aber, so der Tenor, man wolle es ruhig angehen lassen und vorerst nicht auf Trubisky setzen — er soll sich hinter Mike Glennon an das NFL-Niveau gewöhnen. Gesagt, getan: Nach guten Auftritten in der Preseason, fand sich Trubisky an zweiter oder gar dritter Stelle der Depth Chart (noch hinter Mark Sanchez) wieder, ehe man sich nun zum Schluss wagte, einen Quarterback-Tausch vorzunehmen. Es geht also doch alles schneller als angenommen.

Stellt sich natürlich die Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um auf einen Rookie zu bauen? Zum Überblick: Im abgelaufenen NFL-Draft wurden drei Quarterbacks in der ersten Runde ausgewählt. Trubisky an zweiter Stelle von den Chicago Bears, Patrick Mahomes an zehnter Stelle von den Kansas City Chiefs und Deshaun Watson an zwölfter Position von den Houston Texans. Alle drei Franchises gingen extra nach oben, wollten den jeweiligen Spieler unbedingt haben. Alle drei Mannschaften sagten, dass man die jungen Spielermacher noch nicht einsetzen wolle. So startete mit DeShone Kizer (#Pick 52) nur ein Rookie-Quarterback in die neue NFL-Saison. So weit, so gut?

Der Fall Rodgers

Wann immer ein General Manager oder NFL-Cheftrainer über einen Rookie-Quarterback spricht, hört man viel von “Zeit” und “Niveau” oder “Level”. Die Spieler müssen die Umstellung auf die NFL noch meistern, sich an die neuen Spielzüge, Formationen und Aufstellungen gewöhnen, die Defensiven lesen lernen und die richtigen Entscheidungen schneller fällen können. Deshalb lässt man sie zunächst erst sitzen und die Basics aufnehmen. Im besten Fall können sie sich vom Starting-QB etwas abschauen. Wie auch Aaron Rodgers von Brett Favre, zumindest wenn man den vielen Legenden Glauben schenkt.

Rodgers wurde entgegen der Erwartungen 2005 erst an 24. Stelle der ersten Draft-Runde ausgewählt und fand sich plötzlich bei den Green Bay Packers wieder. Einem Team, das vom damals 35-jährigen Brett Favre geführt wurde und von dem man wusste, dass man noch einige Zeit auf den ehemaligen MVP bauen würde. Rodgers blieb nichts Anderes übrig als sich hintenanzustellen und zu warten. Die beiden Spielmacher verstanden sich außerordentlich schlecht, wirklich viele Tipps hat Rodgers von Favre nicht bekommen. Aber er hat sich die Trainingseinstellungen abgesehen, bekam ein Gefühl für das Tempo in der NFL. Erst nach drei Jahren wurde Rodgers zum Starter befördert — der Rest ist Geschichte. Aufgrund dieses Beispiels versuchen viele Franchises, mit ihren Jungspielern eine ähnliche Story zu schreiben — nur leider ohne Erfolg.


MEHR: Hymnen-Boykott in der NFL: Alles nur Heuchelei?


Die Unterschiede

Es war nicht unüblich, dass die Spieler zunächst sitzen und lernen sollten. Tony Romo, Philipp Rivers, Drew Brees oder sogar Carson Palmer (immerhin #1-Pick im Draft 2003) starteten in ihrer ersten NFL-Saison nicht. Alle wurden später zu langjährigen und verlässlichen Quarterbacks.

Seit dem Aaron-Rodgers-Draft in 2005 wurden 49 Quarterbacks in den ersten beiden NFL-Draft-Runden von den verschiedenen Teams ausgewählt. Ein zweiter Rodgers war nicht dabei, was in diesem Fall so viel bedeutet wie: Es gab keinen Quarterback, der mindestens ein Jahr lang kein Spiel startete und später dennoch zum Franchise-Quarterback wurde. Entweder die jungen QBs starteten von Beginn ihrer Karriere an oder sie kamen nie über den Status eines Backups hinaus bzw. sind jetzt noch bei einem der 32 Teams als Starting-QB beschäftigt. Tatsächlich haben nur Colin Kaepernick und Chad Henne den Sprung vom nicht startenden Spielmacher zum zwischenzeitlichen Franichse-QB geschafft — alle anderen sind durchgefallen. Allein das sollte den Verfechtern der “Sit and Learn”-Theorie zu denken geben. Warum funktionierte die Herangehensweise aber vor Rodgers und danach nicht mehr?

Es geht vor allem um Zeit. Erstens wollen die Teams immer schnell und sofort erfolgreich sein und nicht ein Durchschnittsjahr einfahren, zweitens geht es im wahrsten Sinne des Wortes um Trainingseinheiten. Seit 2011 wurde die Trainingszeit drastisch gekürzt, sowohl in der Regular- als auch in der Offseason. Damit bleiben den Backups im Gegensatz zur Zeit vor 2011 sehr wenige Möglichkeiten, sich mit dem ersten Team einzuspielen. Natürlich ein großes Problem, da man so den Druck eines NFL-Rhythmus nur noch in den Live-Spielen bekommen kann.

Was soll man mit Trubisky und Co. also tun?

Die Bears setzen nach einem Saisonviertel auf Trubisky und geben ihm damit wertvolle Spielpraxis. Houston hat schon nach einem Spiel bzw. einer Halbzeit auf Watson umgestellt — mit Erfolg. Es hat auch wenig Sinn, einen jungen Spieler auf der Bank versauern zu lassen, wenn man der Überzeugung ist, dass er erfolgreicher spielen kann als der eigentliche Starter.


MEHR: NFL, Woche 4: Rookie-Quarterback Deshaun Watson mit Rekord-Performance


Im Gegensatz zu Green Bay 2005 ist nahezu keine Mannschaft in der vorteilhaften Situation gewesen, einen jungen Spieler wirklich hinter einem arrivierten Franchise-QB aufbauen zu können. Mike Glennon, Matt Flynn und Co. sind Backup-QBs, Zwischenlösungen für ein, zwei Jahre — mehr aber nicht. Trubisky, Kizer und Watson können nur überraschen, abgesehen von Houston haben Cleveland und Chicago nur wenig Chancen auf schnellen (Playoff-)Erfolg.

Blickt man in die vergangenen Jahre, sieht man, was es bringen kann, einen Quarterback schon früh spielen zu lassen: Jameis Winston, Marcus Mariota, Derek Carr, Carson Wentz, Dak Prescott und der verschmähte Jared Goff dürften allesamt ihre jeweilige Franchise führen. Alle spielten im ersten Jahr ihrer Profikarriere zumindest sieben Spiele von Beginn an. Die New York Jets etwa setzen nicht auf den vermeintlichen Franchise-QB Christian Hackenberg, sondern warten wohl auf den nächsten Draft. Sie haben den Sprung mit Hackenberg als Franchise-QB schlichtweg verpasst. Dabei hätte man nichts zu verlieren. Diesen Weg gehen die Bears ab Montagnacht. Man schmeißt den Neuling ins kalte Wasser. Und tut ihm damit einen großen Gefallen. Denn nur auf der großen Bühne können sich Quarterbacks auch richtig entwickeln.

Martin auf Twitter: @msenfter

[Foto: chedder/Flickr/CC BY-SA 2.0]

Redakteur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*