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‘Niente’ von Wanda ist die Sehnsucht nach dem Tod

Mit ihrem dritten Studioalbum wollen Wanda ihren Erfolg noch weiter ausbauen

‘Niente’ von Wanda ist die Sehnsucht nach dem Tod 11. Oktober 20171 Comment

Am 6.10.2017 entschlüpfte ein neues Frischgeborenes dem mütterlichen Bandleib. Das neue Album von Wanda ist melancholischer, themenvielfältiger und vermeintlich heimatbezogener. Aber ist Niente tatsächlich ein Aufbruch in ein nihilistisches Sinnbild oder nur ein trivialer Versuch, dem bisherigen Image als versiffte Bandgenossen zu entkommen?

Amore, der Titel des Debütalbums, zieht sich noch immer wie ein roter Faden durch die Bandgeschichte Wandas. Liebe ist immer noch ein Leitmotiv. Bussi, der direkte Nachfolger, ist wenige Monate danach erschienen. Obwohl sich die zweite Platte wie eine Bonus-CD mit B-Songs für Amore anhört, bahnt sich ein noch steilerer Aufstieg für die Wiener Musikanten an. Bussi auf Platz eins der österreichischen Album-Charts, Amore dahinter auf der Zwei. Goldstatus in der Heimat, ausverkaufte Hallen in den Nachbarländern. Jeder liebt die verrauchten Falco-Nachfolger mit den Lederjacken.

Mit Niente kommt die verfluchte Drei. Die erste Single “0043” ist gewagt, ist nicht das alte Wanda. “Columbo”, der nächste veröffentlichte Song, schon. Auf welchen Pfaden folgen wir euch nun, Wanda?

Gleiche Zeilen, andere Tonalität

Während sich Amore und Bussi wie eine Doppel-CD anhören, die durch die Masse kontinuierlich an Qualität verliert, wirft Niente einen neuen Schatten. Musikalisch entwickelt sich Wanda wohl nicht wirklich weiter, es ist lediglich der Wunsch, anders zu klingen. Streichende Melodien, höhere Stimmlagen und ein deutlich vermindertes Tempo. Aber immer noch dasselbe Wanda. Für das Publikum wohl die perfekte Kombination. Alte Motive mit neuem Anstrich, einfühlsamer durch mehr Klavier und Akustik. Wanda scheint von Popknallern zu schnulzigen Balladen gewechselt zu haben.

Und doch klingt Wanda immer noch nach Wanda. Ja, wir haben Vergleiche mit Bilderbuch satt. Aber betrachtet man deren musikalisches Schaffen, erkennt man klare qualitative Unterschiede. Dort findet Veränderung statt. Wanda ist hier nur ein weißer Lattenzaun, den Oma und Opa nach Jahren versuchen rot anzustreichen.


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Es ist lyrische Monotonie. Wir kennen die Texte, die sich mehr wie wahlloses Gebrabbel eines beschwipsten Hobby-Philosophen im Weinheurigen anhören, als tiefgründige Phrasen, die Interpretation zulassen. Ein beschränktes Vokabular. Seit Jahren sudern sie über dieselben Probleme. Aber ja, das ist Wanda. Es wäre auch ein Stück Selbstverrat, das aufzugeben. Manchmal muss man sich selbst ein Messer in den Rücken rammen, um zu sterben — und dann neu aufzuerstehen. Hatte Falco recht?

Muss ich denn sterben, um zu leben?

Wanda schafft also einen kleinen Bruch mit sich selbst. Sie hören sich mehr nach traurigem Heurigen-Gesäusel anstatt kräftigem Beisl-Gebrüll an. Aber ihre Texte klingen immer noch besoffen. Sind es dann vielleicht gerade diese besoffenen Texte, die wir in den letzten Stunden unseres Lebens grölen würden?

Kometenhafter Aufstieg und bahnbrechender Erfolg

Aber kann man Wanda das vorher Erwähnte wirklich vorwerfen? Wanda ist der österreichische Exportschlager. Ohne sie wäre in der heimischen Musik eine große musikalische Lücke. Die neue Welle, die vor ein paar Jahren eingeläutet wurde, als auch Bilderbuch Schick Schock in die Welt schickte, haben Marco Michael Wanda — so sein Künstlername — und Band maßgeblich bestimmt. Als Falco-Nachfolger, als neuer Austropop-Anwärter mit Indie- und Rock’n’Roll-Elementen. Da war etwas Neues, das trotzdem altbekannte Gefühle weckte. Gefühle, die scheinbar verloren waren.

Der Erfolg spricht für sich. Es sind keine iTunes-Chartplatzierungen, mit denen sich Amateur-Bands und -MusikerInnen rühmen, wenn sie einen Tag auf Platz 17 sind. Wanda war und wird wohl wieder die Nummer eins in den österreichischen Charts sein. Wanda füllt deutsche Konzerthallen. Wanda ist der Act auf heimischen Festivals. Wanda hat 2016 den Amadeus Austrian Music Award in drei Kategorien gewonnen: Beste Band, Bester Live-Act, Beste Pop/Rock-Band. Sagt mir Wanda, warum finden wir euch trotzdem langweilig?

Ein neues Lebensbild: Wandas besungener Tod

“Schottenring”, “Cafe Kreisky” — nein, Bologna ist nicht eure Stadt. Es ist definitiv Wien. Keine Band der letzten Jahre hat die österreichische Hauptstadt so besungen wie ihr. Wanda bringt dieses kontroverse Heimatgefühl wieder auf. In “0043 singt Marco Wanda von der traurig schönen Kindheit. In “Ein letztes Wienerlied” und “Ich sterbe” nimmt er Abschied.

Wanda wird mit Wien sterben, ein kleines Stück Wien wohl auch mit Wanda. Damit vermittelt die Band unmittelbar eine Identität, mit der sich viele Hörerinnen und Hörer identifizieren können. Das nicht nur in Wien per se, auch am Land begeistern Wandas Liebesallüren. Es ist beinahe ein musikalischer Populismus. Deswegen funktioniert auch das dritte Album — wegen seiner noch intensiveren Auseinandersetzung mit der einsamen Heimat, der schwierigen Liebe und dem leidvollen Tod.

Ich sterbe. Ja, ich sterbe.

Aber haben wir euch durchschaut, Wanda? Sind diese einfachen Auseinandersetzungen mit Liebe und Tod seit Amore nur noch Nachahmungseffekte des früheren Erfolgs? Die Lyrics klingen mehr nach Pseudopoetik als nach interpretationswürdiger Romantik und innerer Zerrissenheit. Der Einsatz von italienischen Titeln und Texten wirkt fast polemisch, nicht glaubhaft. Es ist höchstens eine simple Tiefe in einem nichtssagenden Tümpel aus Wortfetzen. “Lieb sein”, ja das wollt ihr jetzt, aber es gelingt euch nicht. Wanda wird immer den Thron des wiederaufkommenden Austropops für sich beanspruchen, aber nur deswegen, weil sich die Band kein Blatt vor den Mund nimmt und schlichtweg einfach grausig ist.

Wanda: Ein paradoxes Phänomen

Verliert Wanda nun an Authentizität? Denn gerade das ist der große Clue hinter dem Phänomen Austropop. Man betrachte dabei nur die musikalischen Werke von Voodoo Jürgens oder von Der Nino aus Wien. Allerdings ist Wanda nun mal erfolgreicher. Wird deshalb das poppige Wanda mittendrin sein, wenn die Austropop-Blase platzt? (Um noch einmal Bilderbuch ins Boot zu holen: Sie sind weg von dieser Blase, sind etwas ganzheitlich Individuelles.) Wanda hat aber das Potential zu sterben, wie es Wanda auch selbst besingt. Es stellt sich nur die große Frage: Wann?


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So bleibt uns dieses neue, aber alte Wanda ein unbegreifliches Phänomen. Freilich ist diese Band ein Unikat, ein Novum, und doch so viel alteingesessenes Wien. Jede grausige, aber doch so schöne Ecke Wiens gehört euch, Wanda. Jedes Beisl, jede Spelunke, das Kreisky, der Prater, der Schottenring, die Stadt bei Nacht — das gehört alles euch. Das Alles scheint aber in dieser Welt auszusterben. Werdet ihr uns dann retten, Wanda? Und werden wir euch dann glauben?

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: Tsui/Wikimedia/CC BY-SA 3.0/Illustration von James P. Platzer]

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