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Sexismus gegenüber Nadja Bernhard: Wann wird die ‘Heute’ endlich zu Schnee von gestern?

Der gestrige Wahlabend hatte vieles zu bieten — dass es jedoch zu einer sexistischen Berichterstattung kommen würde, war nicht zu erwarten

Sexismus gegenüber Nadja Bernhard: Wann wird die ‘Heute’ endlich zu Schnee von gestern? 16. Oktober 20171 Comment

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Wir alle wissen über das vorläufige Ergebnis der Nationalratswahl 2017 Bescheid und können nur spekulieren, wie es nun weitergehen wird. Was allerdings nicht jede und jeder von uns mitbekommen hat, ist der neueste Fauxpas der Boulevardzeitung Heute.

Anstatt objektiv über das Ergebnis zu schreiben, hat es die Online-Version der Gratiszeitung geschafft, einen sexistischen Patzer der Extraklasse abzuliefern, der nur wenige Stunden später gelöscht wurde. Im “Cache” war der Artikel allerdings noch abrufbar — lange genug, um einen Screenshot zu machen und die schon oft kritisierte Berichterstattung des Boulevardblatts erneut in Frage zu stellen:

Screenshot via heute.at
Was läuft falsch in Österreich?

Es gibt viele Fragen, die sich beim Lesen stellen. Sollte sich die Heute nicht ausschließlich mit dem Wahlergebnis und den möglichen Koalitionsmöglichkeiten befassen, als sich über den Kleidungsstil einer Moderatorin zu echauffieren? Ist es überhaupt okay, das Outfit von Nadja Bernhard als “gewagt” zu bezeichnen, nur weil ihre Brüste ansatzweise erkennbar sind? Und warum bitte schreibt der Autor oder die Autorin Folgendes?

… sehr zur Verwunderung so mancher Zuschauer.

Das hört sich so an, als würden sich die ZuschauerInnen vor dem Einschalten des Fernsehers Gedanken über das Outfit der Moderatorin machen.


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Zudem wurde eine Umfrage erstellt, ob Bernhards Outfit zu gewagt ist. Vermutlich ist es besser, dass Umfragen im “Cache” nicht machbar beziehungsweise einsehbar sind. Jede Stimme für “Ja – das ist zu freizügig” ist ein Schlag in das Gesicht des Feminismus. Wir haben 2017, und auch wenn es angesichts des hohen Wahlergebnisses der ÖVP kaum zu glauben ist: Frauen in Österreich ist es erlaubt, das anzuziehen, was sie wollen. Sie dürfen deswegen nicht öffentlich an den Pranger gestellt werden. Natürlich bis auf die Burka und Haifisch-Kostüme, die sind seit dem 1. Oktober wirklich verboten.

Unabhängig davon existiert das Wort “versext” nicht und auch das vermeintliche Infinitiv “versexen” ist im Duden nicht zu finden. Die Frage (gestellt via Twitter), was denn nun der Begriff genau bedeutet und was sich der Autor oder die Autorin dabei gedacht hat, bleibt seitens der Herausgeberin Eva Dichand bis dato offen.

Der Tweet erhielt bisher noch keine Antwort.
Ein Eklat jagt den nächsten

Im Prinzip dürfen wir uns über unpassende, reißerische und auch sexistische Texte der Heute nicht wundern. Erinnern wir uns an die Falschmeldung, dass in einem Restaurant in Nigeria Menschenfleisch serviert wurde. Das fälschliche Interpretieren von Fakten, Zahlen und Statistiken bestimmt wirklich sehr viele Artikel der Heute. Wer nun Lust hat, sich intensiver mit den Fauxpas der “Qualitätszeitung” zu beschäftigen, sollte einen Besuch auf kobuk.at in Erwägung ziehen. Auf dieser wundervollen Webseite sind die Patzer und Falschmeldungen des Boulevardblatts und auch anderer Zeitungen festgehalten.

Zusätzlich sollte noch das Layout der Titelseite hinterfragt werden. Bei kaum einer anderen Zeitung ist das derart unpassend. Es braucht bloß einen kurzen Besuch auf Google. Das Titelblatt der Heute mit der Aufschrift “Kranken-Akte von Hansi Hinterseer geknackt” impliziert einen schweren Eingriff in die Privatsphäre des Schlagersängers.

Noch “gelungener” ist hier allerdings das Titelblatt der Kronen Zeitung mit dem Text “Glut-Hitze fordert erstes Todesopfer“ in Kombination mit Hansi Hinterseer und einem Welpen. Die Kronen Zeitung steht der Heute also in Nichts nach. Fokussiert auf Hansi scheinen die beiden definitiv zu sein.

Screenshot via Google
Warum die Heute eine ernsthafte Gefahr darstellt

Die Gratiszeitung Heute erreicht laut der Media-Analyse 2016/17 österreichweit eine Reichweite von 12,9 %. Im Vergleich: Der Standard kommt nur auf 6 %, die Kronen Zeitung auf satte 30,1 %. Damit hat sich die Heute Platz zwei gesichert. In Wien sind die Zahlen noch einmal anders: Dem Standard zufolge nahm die Leserschaft der Heute seit 2014 ab, trotz allem sind es noch 938.000 Leser und Leserinnen, die sich des Boulevardblatts bedienen. Das sind immer noch ein Neuntel der österreichischen Gesellschaft. Dieser Prozentsatz sollte wirklich nicht unterschätzt werden — vor allem nicht, wenn diese Menge an Menschen den Inhalt der Heute nicht kritisch hinterfragt, sondern ihm “blind” Glauben schenkt. Laut der Zeit betreiben Kronen Zeitung, Österreich und eben auch die Heute Hetze, sind teilweise politisch deutlich positioniert und radikaler als die meisten deutschen Medien.


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Besonders in Zeiten von “Fake News” sollten, nein müssen Zeitungen unbedingt kritisch beäugt werden. Fehler sind menschlich und dürfen auch passieren. Die Fauxpas von Heute und Co. sind jedoch keine Fehler, sondern weisen auf schlampiges, taktloses und mit wenig journalistischen Kompetenzen angereichertes Arbeiten hin. Nicht nur, dass viele Überschriften frauenfeindlich sind, einige sind auch moralisch gesehen definitiv zu hinterfragen.

Dass der gestrige Artikel ein Fehler gewesen ist, hat sich die Heute offenbar eingestanden. Schließlich wurde der Text schnell aus dem Internet-Verkehr gezogen und ist einen Tag später nicht mehr zu finden. Natürlich wird der utopische Wunsch nach der Einstellung des Boulevardblatts nicht erfüllt werden. Wir fordern aber eine Entschuldigung bei der Moderatorin und ein Statement der Herausgeberin Eva Dichand.

Lisa auf Twitter: @lugerblis

[Foto: Luca Sartoni/Flickr/CC BY-SA 2.0]

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

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