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Es ist nicht leicht, ein Fan von Arsenal London zu sein

Drei Gründe, warum Arsenal London nicht mehr zur Elite gehört

Es ist nicht leicht, ein Fan von Arsenal London zu sein 25. Oktober 20172 Comments

Ressortleiter Sport

2004 bestiegen die “Invincibles” rund um Dennis Bergkamp, Patrick Viera und Thierry Henry zum zweiten Mal in drei Jahren den englischen Meisterthron, eine Bronzestatue des Letzteren kniet am Fuße des imposanten Emirates Stadium und erinnert an die dominanteste Zeit der Vereinsgeschichte von Arsenal London.

Heute, 13 Jahre später, warten die “Gunners” noch immer auf den nächsten Meistertitel. Doch woran liegt es, dass der 13-fache Meister nie wieder an vergangene Erfolge anknüpfen konnte, letztes Jahr zum ersten Mal seit 1997 die Champions-League-Quali verpasste und — so schwer es mir fällt, das zu schreiben — nur mehr die zweitbeste Mannschaft im Norden der britischen Hauptstadt ist?

Wir haben drei Gründe gefunden, warum es bei Arsenal einfach nicht läuft:

1. Alexis Sánchez, der Unzufriedene

Dieser Absatz hätte auch Mesut Özils Namen tragen können. Oder bis vor einigen Wochen Alex Oxlade-Chamberlains. Alexis Sánchez’ offene Wechselwilligkeit und demonstrative Unzufriedenheit ist ein Sinnbild dessen, dass Arsenal derzeit keine Traumdestination für Topspieler ist. Man hat Spieler von Weltklasseformat in den Reihen, neben dem Chilenen und dem Deutschen zum Beispiel noch Petr Cech, Laurent Koscielny und Neuzugang Alexandre Lacazette. Den Glauben daran, mit dieser Mannschaft wieder erfolgreich sein zu können, nimmt man aber den wenigsten ab.

Dieses fehlende Selbstvertrauen hängt zweifellos mit der ungesicherten Zukunft des Kaders ab. Dass Alexis Sánchez seinen nach der Saison auslaufenden Vertrag verlängert, halte ich für ausgeschlossen und auch hinter Özil steht ein großes Fragezeichen. Sollte man das Duo nicht halten können, würde man nicht nur die beiden größten Superstars verlieren, man würde dafür außerdem keinen Cent bekommen, da beide Verträge auslaufen. Sánchez ist grundsätzlich austauschbar, bloß fehlt es Arsenal an den nötigen Mitteln, um gleichwertigen Ersatz zu finden. Mesut Özils Kreativität zu kompensieren, ist realistisch gesehen unmöglich für Wenger. Den Nordlondonern droht also kommende Saison der nächste Leistungsabfall.


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Romelu Lukaku entschied sich für Manchester United, Álvaro Morata wechselte zum FC Chelsea und Neymar zog es nach Paris. Die besten Spieler der Welt wechseln zu ambitionierten Mannschaften, mit denen sie Titel gewinnen können. Solange Hauptinhaber Enos Stanley Kroenke nicht dazu bereit ist, so viel Geld zu investieren wie die Konkurrenz, wird Arsenal keine dieser Mannschaften sein.

2. “Stan” Kroenke, der Gleichgültige

Roman Abramovitsch (FC Chelsea), Nasser Al-Khelaifi (Paris Saint-Germain), Mansour Bin Zayed Al Nahyan (Manchester City) — die “Sugar Daddies” der europäischen Vereine bestimmen heute das Fußballgeschehen. Wer Geld hat, gewinnt am Ende eben doch. Auch Arsenals Hauptinhaber hat Geld, sogar eine ganze Menge davon. Enos Stanley “Stan” Kroenke unterscheidet sich von anderen Investoren aber in einer grundlegenden Sache: Es ist kein Geheimnis, dass er seinen Klub als reines Profit bringendes Unternehmen sieht. Ob Arsenal gewinnt, ist nebensächlich — wichtig ist der wirtschaftliche Erfolg. Jede Form von Interesse am Sport, den Fans oder den Spielern sucht man beim US-Amerikaner vergeblich.

Ich habe die Anteile an Arsenal nicht gekauft, um Titel zu gewinnen.
— Enos Stanley Kroenke (2016)

Gegenüber den Medien äußert sich der Milliardär seit der Übernahme 2011 nur sehr selten, den Spitznamen “Silent Stan” trägt er schon viel länger. Kroenkes Sportinvestment beschränkt sich nämlich nicht auf den FC Arsenal: In seinem Heimatland ist er unter anderem Besitzer der Denver Nuggets (Basketball), der Colorado Avalanche (Eishockey), der Colorado Rapids (Fußball) und der L.A. Rams (American Football) — allesamt Mannschaften, die seit seiner Übernahme irgendwo zwischen mittelmäßig und grottenschlecht pendeln. In knapp 80 kombinierten Saisonen brachten es seine Vereine auf bescheidene sechs Titel, darunter die drei Cup-Siege Arsenals.

Bei all seinen Klubs zeichnet sich der 70-Jährige durch Anteilnahmslosigkeit aus: Besonders in St. Louis, der ehemaligen Heimat der Rams, genießt Kroenke kein besonders gutes Ansehen. Vier Jahre lang habe er kein Wort mit lokalen Medien gewechselt, sei wie ein Geist gewesen, ehe er der Stadt ihr NFL-Team entriss und dieses nach Los Angeles übersiedelte.

New-York-Giants-Cornerback und ehemaliger Spieler von Kroenkes Rams Janoris Jenkins beschrieb gegenüber NBC Sports Radio die Präsenz von “Silent Stan” als unangenehm. Man riet ihm, den Owner nicht anzusprechen, wenn er zugegen sei — man solle einfach weitergehen, ohne Kroenke anzusehen.


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Die meisten Investoren bringen den Fußball aus dem Gleichgewicht, nutzen ihre Finanzen aus, um sich Vorteile zu verschaffen. Stan Kroenke tut das nicht — Arsenal hat kaum* Schulden, man wirtschaftet gemäßigt. Kroenke sorgt nur dafür, dass die einst so berüchtigten “Gunners” den Anschluss an den europäischen Spitzenfußball verpasst haben und ihnen die Mittelmäßigkeit droht. (Wenn sie nicht schon längst eingetroffen ist.) Mit Arsène Wenger hat er einen Trainer zur Seite, der genau wie er, jeden Cent umdreht und sich schon öfter wegen niedrigen Millionenbeträgen wichtige Neuzugänge durch die Finger hat gehen lassen.

3. Arsène Wenger, der Konservative

Der Trainer ist meist der Erste, der zur Rechenschaft gezogen wird, läuft es bei einer Mannschaft nicht nach Plan. Allein aus Respekt gegenüber den Erfolgen, die Arsène Wenger in über 20 Jahren als Arsenal-Coach feiern konnte, ist es aber falsch, ihn als Sündenbock für nicht erbrachte Leistungen zu verteufeln. Dennoch will ich die Entwicklung des Teams durch den Einfluss des Franzosen kritisch betrachten.

Seit mehreren Jahren gibt es jährlich die Diskussion: “Bleibt er, oder geht er?” Obwohl ich kein Freund der regelmäßigen Trainerwechsel bin, ist es nun vielleicht an der Zeit für Wenger, das Zepter abzugeben. Die 4:0-Niederlage in Liverpool Ende August war dabei eine Art Knackpunkt. Denn was sich in der dritten Saisonpartie in Anfield abspielte, war keinem Arsenal-Fan zumutbar und unter der Würde dieses Klubs.

Nachdem Arsenal bereits in der Vorsaison beide Spiele mit drei bzw. vier Gegentoren verloren hatte, schien man nichts aus den vergangenen Fehlern gelernt zu haben. Wenger spielte mit einer Dreierkette gegen eine der konterstärksten Mannschaften in England, ließ seinen neuen Topstürmer Lacazette auf der Ersatzbank schmoren und stellte Alex Oxlade-Chamberlain auf, der in derselben Woche sein konkretes Interesse an der gegnerischen Mannschaft kundgetan hatte. 90 Minuten später hatte Arsenal eines der uninspirierendsten Spiele hinter sich gebracht, die ich je gesehen habe. “The Ox” tauschte das Londoner gegen das Rot von Liverpool und Arsène Wenger bewies, dass er möglicherweise nicht der richtige Mann ist, um dieser unmotivierten Truppe neue Spielfreude zu übermitteln.

Auch wenn es Arsenal immer wieder gelingt, so wie vergangenen Sonntag bei Everton, offensiv zu brillieren, ist diese Mannschaft zu unkonstant, zu fehlerhaft oder schlichtweg zu schlecht, um den besten Teams der Liga längerfristig das Wasser zu reichen. Arsène Wenger mangelt es an Ideen, seine Spielphilosophie ist zu einseitig und durchsichtig, er strahlt Lustlosigkeit und Müdigkeit aus — so wie seine Mannschaft.

In den 1990er Jahren eroberte der Franzose die Premier League im Sturm. Seine Philosophie war es, die eigenen Stärken zu erkennen und den Gegner zu zwingen, den Arsenal-Spielstil anzunehmen. So sorgte der dynamische Offensivfußball für die glorreiche Zeit in London. Doch der Sport hat sich weiterentwickelt, Wenger nicht. Sein damals gefürchteter Angriffsfußball kann gegen taktisch klug eingestellte Teams nur selten bestehen und andere Trainer haben den “Professor” längst überholt.

Arsenal London: Zeit für einen Neuanfang

Schlechte Zeiten hatte auch die Konkurrenz, doch Chelsea wurde nach ihrer Schwächephase direkt Meister und der amtierende Europa-League-Champion aus Manchester scheint nach dem Abgang von Sir Alex Ferguson eine neue erfolgreiche Ära eingeläutet zu haben. Arsenal hingegen kann heuer in der Saison nach dem Tiefpunkt wohl wieder kein Wörtchen um den Titel mitreden und wird erneut um einen Champions-League-Einzug bangen.


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Einen ähnlichen Neuanfang wie der Rekordmeister aus Manchester benötigt man nun in London. Kroenke und Wenger werden gemeinsam keine wirklich relevanten Titel gewinnen. Wenn nicht bald gehandelt wird, droht den “Gunners” vielmehr ein noch tieferer Abstieg. Bis dahin muss ein Arsenal-Fan weiter in Erinnerungen schwelgen, an Spieltagen Kopfwehtabletten bereitstellen und Twitter meiden.

*Anmerkung des Autors: Eine frühere Version dieses Artikels behauptete fälschlicherweise, dass Arsenal keine Schulden hat. Nach eigenen Angaben, ist der Verein 2017 verschuldet, wenn auch nur minimal.

Philipp auf twitter: @Philipp_Lou

[Foto: Mark L/Flickr (Henry)/CC BY-SA 2.0/Ronnie Macdonald/Flickr (Sánchez)/CC BY 2.0/Ronnie Macdonald/Flickr (Özil)/CC BY 2.0/Kieran Clarke/Flickr (Emirates Stadium)/CC BY 2.0/Illustration von James P. Platzer]

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