Fußball Sport

Wie RB Leipzig die Bundesliga auf den Kopf stellt

Kann RB Leipzig dauerhaft mit den besten Teams Europas mithalten?

Wie RB Leipzig die Bundesliga auf den Kopf stellt 8. November 20172 Comments

stv. Ressortleiter Sport

“Man muss uns nicht mögen, das erwarten wir auch nicht, aber es wird uns trotzdem niemand von diesem Weg abbringen”, sagte Ralf Rangnick, Sportdirektor von RB Leipzig, einst in einem Sky-Interview. Dieser Satz bringt die Erfolgsgeschichte des Klubs relativ treffend auf den Punkt. Zum Zeitpunkt des Interviews sorgte Leipzig bereits in der höchsten deutschen Spielklasse für Furore und konnte sich schließlich in der ersten Saison die Vizemeisterschaft sichern. Der Aufstieg aus der Oberliga in die 1. Bundesliga innerhalb von sechs Jahren ist in der Fußballgeschichte einzigartig, was ohne die finanzielle Unterstützung des Hauptsponsors Red Bull sicherlich nicht möglich gewesen wäre.

Die Dimension, in der es Red Bull-Gründer Dietrich Mateschitz schaffte, einen ostdeutschen Fußballverein aufzubauen und in die erste Liga zu katapultieren, ist sicherlich beeindruckend. Mit unvorstellbaren Summen wurde ein Luxus-Trainingszentrum* aus dem Boden gestampft, wo selbst der FC Bayern neidisch werden kann. Trainer, Scouts, Psychologen und Betreuer wurden angestellt, namhafte Spieler, sowie junge Talente verpflichtet. Alles, um das Ziel zu erreichen: Einen internationalen Spitzenklub hervorzubringen, der im Rennen um die großen Titel mitspielen kann.

Der gefeierte Feind aus dem Osten

Der Plan scheint aufzugehen. Denn im zweiten Jahr in der deutschen Oberklasse hat RB nicht nur mit finanziellen Mitteln beeindruckt — auch der sportliche Erfolg blieb nicht aus. Dass die Mannschaft um den gebürtigen Grazer Ralph Hasenhüttl es schaffte, gleich von Beginn die Bundesliga aufzurütteln und für frischen Wind zu sorgen, kam für viele überraschend. Bis zum 12. Spieltag blieben sie ungeschlagen, was den bestehenden Rekord des MSV Duisburg aus der Saison 1993/94 einstellte. In der aktuellen Spielzeit nehmen die “Roten Bullen” Kurs auf die Champions League, mit dem Anspruch, sich als alleiniger Bayern-Jäger zu etablieren.


MEHR: Jupp Heynckes: Liebesgrüße aus München


Doch diese Entwicklung löst nicht nur Begeisterung unter Fußballfans aus, sondern ruft auch ihre Kritiker auf den Plan. Die Traditionsklubs sehen sich in ihrer Existenz durch die aufsteigende Kommerzialisierung bedroht. Die Fans wollen ihr Traditionsgut Fußball vor den großen Konzernen schützen. Nach dem Motto “Wo kommen wir denn da hin, wenn das jeder macht?” protestieren sie lautstark gegen millionenstarke Marketing-Projekte wie jenes vom österreichischen Getränkefabrikanten, der mit geschickten Tricks versucht, die größtmögliche Aufmerksamkeit für seine Marke zu erzielen. So darf nach deutschem Fußballrecht der Vereinsname keinen Sponsor enthalten. Daher entschied man sich kurzerhand, die Abkürzung “RB” offiziell für “RasenBallsport” stehen zu lassen. Dass die Marke Red Bull hinter dem Verein steht, dürfte trotzdem jedem bekannt sein.

In der selben Region fürchten gleichzeitig die Vereine FC Sachsen Leipzig und FC Lokomotive Leipzig um ihren Stellenwert. Dabei ist die Stadt Leipzig eine der am schnellsten wachsenden Städte Deutschlands und gilt als zukunftsträchtiger Wirtschaftsstandort. Weshalb sich Brause-Guru Mateschitz ganz bewusst für Leipzig als Zentrum seiner Fußballvision entschieden hatte.

Die Schadenfreude der RB-Kritiker über mangelnden sportlichen Erfolg blieb jedoch aus. Denn die Bullen sorgten gleich zu Beginn ihrer jungen Bundesliga-Laufbahn für reichlich Wirbel. Nach einem Traumstart in der vergangenen Saison und der anschließenden Vizemeisterschaft** machen die Leipziger heuer weiter, wo sie aufgehört hatten.

Sportlicher Erfolg verleiht Flügel

Aktuell stehen die Roten Bullen erneut hinter den Münchnern auf Platz zwei und dürfen sich mit Recht als alleiniger ernstzunehmender Bayern-Verfolger präsentieren. Gerade weil mit Borussia Dortmund die Konkurrenz schwächelt und unter Trainer Peter Bosz noch zu keiner klaren Linie gefunden hat.

Die einstigen Verfolger Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg sind bereits abgeschlagen und kämpfen (im Fall von Wolfsburg) sogar gegen den Abstieg. Die TSG Hoffenheim ist schwächer in die Saison gestartet als erwartet und konnte den Aufwärtstrend aus der vergangenen Spielzeit bisher noch nicht auf den Platz bringen. Dem FC Schalke ist zwar einiges zuzutrauen, aber der geschulte Fußballkenner kann aus Erfahrung sagen, dass die Königsblauen am Ende wohl eher doch kein wahrer Meisterschaftskonkurrent sind.

Gegen die Bayern gab es kürzlich im Pokal und in der Liga zwar einen kleinen Rückschlag, doch der Anspruch, den Rekordmeister noch in dieser Saison vom Thron zu stoßen, wäre wahrscheinlich ohnehin übertrieben.

All diese Gegebenheiten erweisen sich für die Leipziger Bullen momentan als Türöffner. Denn auch wenn noch nicht einmal die Hälfte der Saison gespielt ist, zeichnet sich ein Trend ab. Ein Trend, der den RB Leipzig ganz vorne im deutschen — und eventuell gar im europäischen — Fußballgeschäft sieht. Zwar ist die Ausgangssituation in der Champions League nicht mehr so erfolgversprechend, wie es die ursprüngliche Zielsetzung vorsah, doch rechnerisch ist das Erreichen der K.-o.-Runde noch möglich. Man ist an den letzten zwei Spieltagen allerdings auf Schützenhilfe des FC Porto angewiesen.


MEHRFünf gewagte Thesen für das Fußballjahr 2017


Selbst wenn der europäische Traum heuer bereits in der Vorrunde beendet sein sollte, kann der Verein um Hasenhüttl und Rangnick einen entscheidenden Schritt nach vorne tun. Viele Leipzig-Anhänger mögen zwar schon in Vorfreude schwelgen und vom baldigen Titelgewinn in der Bundesliga träumen, doch Ziel sollte es zunächst sein, den zweiten Platz hinter den Bayern dauerhaft zu festigen.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, denn Hasenhüttl hat es geschafft, seinem Team einen Stempel aufzudrücken. Die Bullen spielen befreit, frech und furchtlos. Selbst gegen die großen deutschen Teams haben sie mehrmals bewiesen, konkurrenzfähig zu sein.

RB Leipzig: Erfolgskonzept made by BVB

Der Schlüssel dahinter ist kein Geheimnis. Schneller, technisch versierter Kombinationsfußball, wie ihn Ralf Rangnick in der 2. Bundesliga als Trainer bereits predigte, ist auch unter Hasenhüttl weiterhin die Marschroute. Diese “junge und wilde” Art Fußball zu spielen ist der damaligen Spielweise von Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp verdächtig ähnlich. Mit spielerisch starken und temporeichen Kontern aus einer soliden Defensive heraus sorgte er dafür, dass die Meisterschaft 2011 und 2012 sogar das Double erreicht werden konnte.

“Kloppo” ging es damals nicht nur um taktische Anweisungen, sondern viel mehr um die Vermittlung eines Gefühls. Fußball als Lebenseinstellung. Immer voller Einsatz, maximale Emotion und der Wille, alles für die Mannschaft zu geben, was der Körper hergibt.

Hasenhüttl schafft es ebenfalls, seinen Spielern dieses Gefühl mitzugeben. Egal, welche Startelf er auf den Platz stellt, mit knapp über 23 Jahren ist sie fast immer die jüngste Mannschaft im Bundesligavergleich. Neben dem temporeichen Kombinationsspiel kommt den Leipzigern ein weiterer Faktor zugute: Disziplin. Für ihr junges Alter agiert das Team wahnsinnig diszipliniert. Ob auf taktischer Ebene, mit aggressivem Pressing oder in Sachen Teamchemie und Körpersprache. RB vermittelt das Gefühl, eine Einheit zu repräsentieren.

Wenn sie es nun noch schaffen, den jugendlichen Leichtsinn abzulegen, der sie aktuell hin und wieder in spielentscheidende Schwierigkeiten gebracht hat, werden sie sich an der Spitze des deutschen Fußballs festsetzen können. Die finanziellen Mittel, um mit dem großen FCB mitzuhalten, sind jetzt schon da. Was noch fehlt, ist die sportliche Konstanz.

*Anmerkung des Autors: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass außer dem Trainingszentrum auch ein neues Stadion für RB Leipzig gebaut wurde, das ist falsch.

**Anmerkung des Autors: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass RB Leipzig die Saison 16/17 mit 3 Punkten Abstand auf den FC Bayern abschloss, tatsächlich waren es 15. 

Leonard auf Twitter: @leo_laurig

[Foto: Screenshot via YouTube/DAZN Bundesliga]

stv. Ressortleiter Sport

2 comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*