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Wie europäische Spieler die NBA verändern

Die NBA lebt immer mehr von jungen Spielern aus Europa, die die Liga nachhaltig verändern könnten

Wie europäische Spieler die NBA verändern 23. November 2017Leave a comment

stv. Ressortleiter Sport

Es war der 5. Februar 1999, als in der Key Arena in Seattle die Dallas Mavericks auf die Super Sonics trafen und ein gewisser Dirk Nowitzki zum ersten Mal das NBA-Spielfeld betrat. In 16 Minuten Einsatzzeit kam er auf zwei Punkte, die er an der Freiwurflinie sammelte, das Auswärtsspiel ging in Overtime verloren. Ein gewöhnliches Saisonspiel war ohne große Besonderheiten zu Ende gegangen. Und doch war es etwas Besonderes. Denn der damals 20-jährige Deutsche, der an diesem Abend keinen Wurf aus dem Feld getroffen und sich keinen einzigen Rebound geangelt hatte, sollte in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten zum besten europäischen Spieler aller Zeiten avancieren.

Seine Stärken und Fähigkeiten wurden schnell deutlich. Für seine Größe von 2,13 m war Nowitzki enorm beweglich und verfügte über eine außergewöhnlich gute Wurftechnik. Zudem glänzte er mit Spielübersicht und intelligenten Pässen. Eigenschaften, die für die damalige Zeit bei einem Spieler seiner Größe einzigartig waren. Mit der Möglichkeit, einen großen treffsicheren Spieler aufzustellen, der auch außerhalb der Dreierlinie Gefahr ausstrahlt, bekam nicht nur das Spiel der Dallas Mavericks einen neuen Charakter, sondern letzten Endes die gesamte Liga.

Auf der Suche nach “The Next Dirk”

Nowitzki entwickelte sich zu einer Art Prototyp des europäischen Basketballers. Ein großer, intelligenter Spieler, der über einen guten Wurf verfügt, aber gleichzeitig ein bisschen unathletisch ist und niemals wirklich hoch springt. Für die körperliche Spielweise in der nordamerikanischen Profiliga scheinbar nicht sonderlich gut geeignet. Doch Nowitzki schaffte den Durchbruch und mit ihm sein Spielerprofil.

 

Es begann die Jagd nach dem nächsten Dirk Nowitzki. Die Nachfrage nach großen wurfstarken Spielern, die es den Mannschaften erlaubten, das Spiel offensiv auseinander zu ziehen und Räume zu kreieren, nahm rasant zu. Was danach folgte, war aber zunächst nicht die gewünschte Euphorie über die Entdeckung einer neuen Spielphilosophie, sondern eher die ernüchternde Feststellung, dass Nowitzki ein Ausnahmespieler ist und vorerst auch blieb.

Das Bild des langsamen, unathletischen Europäers, dessen Stärken im Werfen und Passen liegen, festigte sich. Viele Spieler, die den Schritt nach Übersee wagten, scheiterten an der körperlichen und athletischen Spielweise in der NBA. Den Europäern wurde nachgesagt, zu “soft” für die Liga zu sein. Die Art und Weise Basketball zu spielen war in den europäischen Ländern anders. Das schnelle Passspiel und viel Ballrotation mit dem Fokus auf den Wurf von Außen charakterisiert das europäische Spiel, findet aber in den Staaten nicht viel Anwendung. Hier wird auf spektakuläre Einzelaktionen, Schnelligkeit und Athletik gesetzt. Somit wurde lange Zeit der Eindruck vermittelt, die Europäer könnten auf dem Level der NBA nicht mithalten.

Zu schwach für die NBA?

Heute herrscht ein anderes Verständnis von der europäischen Rolle im nordamerikanischen Basketball. 108 internationale Spieler befinden sich derzeit in den Kadern der 30 NBA-Teams, davon 64 aus Europa — so viele, wie noch nie. Rechnerisch beheimatet somit jedes Team mindestens zwei europäische Spieler, faktisch ist es mindestens ein Europäer pro Team. Der Einfluss dieser Spieler auf die Spielweise in der NBA hat sich grundlegend verändert, denn das Profil des europäischen Spielers hat sich weitaus verfeinert. Der Mythos vom schwachen und unathletischen Spieler aus Europa wurde größtenteils widerlegt.

Mittlerweile dominieren athletische Europäer auch unter den Körben der NBA oder können zumindest auf körperlicher Ebene mithalten. Bestes Beispiel dafür ist der Wiener Jakob Pöltl, der vor einem Jahr als erster Österreicher gedraftet wurde und sich bei den Toronto Raptors inzwischen einen Platz in der Rotation erspielt hat. Von den Trainern wird der 2,13 m große Center vor allem wegen seiner soliden Spielweise geschätzt. Eine Eigenschaft, die sich bei vielen Europäern als tragende Stärke erwiesen hat. Wenige Fehler, kaum Ballverluste und eine hohe Trefferquote aus dem Feld. Dass es genau diese Kleinigkeiten sind, die das Spiel zwar nicht spektakulärer machen, den jeweiligen Teams aber zum Sieg verhelfen können, hat man in der NBA verstanden, weshalb man nun verstärkt auf europäische Exportspieler setzt.


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Denn auch wenn die besten Spieler der Liga immer noch die heimischen sind und das Team USA international selbstredend die unangefochtene Nummer eins ist, sind europäische Spieler aufgrund ihrer unkomplizierten und soliden Spielweise zu einer unverzichtbaren Ergänzung geworden. Um ein meisterschaftsfähiges Team zu formen, reicht es eben nicht, sich auf drei Stars im Team zu verlassen. Es bedarf eines stabilen Grundgerüsts aus Ergänzungsspielern. Natürlich ist damit nicht gesagt, dass die nationalen NBA-Spieler für diese Rolle nicht vorgesehen sind, doch zeichnet sich das Bild ab, dass eben diese Positionen — der sogenannten Rollenspieler — immer öfter von internationalen Spielern besetzt werden.

Die Art und Weise, Basketball zu spielen hat sich verändert. Die NBA ist vielseitiger und taktischer geworden und bezieht immer öfter alle fünf Feldspieler in den Angriff mit ein. Das “europäische” Spiel mit viel Ballbewegung und einem guten Mix aus Inside-Outside-Game, wie es einst Spurs-Coach Gregg Popovich prägte, hat sich in so gut wie allen Teams der Liga etabliert. Das Spiel ist neben den herausragenden Einzelspielern noch facettenreicher und die Reservebank in den meisten Teams noch tiefer geworden.

Die neue europäische Rolle in der NBA

Europäische Entdeckungen mit Star-Potenzial, wie Giannis Antetokounmpo (Griechenland), Kristaps Porziņģis (Lettland) oder auch Nikola Jokić (Serbien), haben sich in den letzten Jahren gehäuft. Der Einfluss dieser Spieler auf die Liga ist größer geworden. Doch warum erfährt die NBA ausgerechnet jetzt eine europäische Hochzeit? Internationale Spieler gab es in der besten Liga der Welt schon immer, doch weshalb scheinen diese ausgerechnet jetzt einen Unterschied zu machen?

Mit Antetokounmpo und Porzingis befinden sich zwei Europäer unter den derzeit fünf besten Scorern in der NBA. (Screenshot via nba.com)

Das mag zwei Gründe haben. Zum einen wandelt sie die Spielphilosophie der gesamten Liga. Ausländischen Spielern wird ein größeres Vertrauen entgegengebracht. Die Zusammenarbeit mit den europäischen Verbänden wurde intensiviert, dem internationalen Basketball allgemein mehr Aufmerksamkeit geschenkt und der europäische Spielertyp besser in das eigene System integriert.

Zum anderen hat sich die europäische Basketballschule gewandelt und an die nordamerikanische Spielweise angepasst. Athletik und körperliche Stärke spielen eine größere Rolle. Wer in der NBA mithalten will, kann nicht nur einfach ein guter Schütze sein, sondern muss auch ein größeres Maß an Fitness und “Toughness” mitbringen. Damit einhergehend spielt die mentale Stärke eine zunehmend große Rolle. Die europäischen Talentschmieden haben sich professionalisiert, ihre Ziele auf das Hervorbringen von Vollprofis ausgerichtet. Die Unterscheidung zwischen “amerikanischem” und “europäischem” Basketball kann nicht mehr zweifelsfrei getroffen werden. Die Spielweisen verschmelzen zunehmend miteinander.

All das sind Gründe, warum viele europäische Spieler in den USA wettbewerbsfähiger geworden sind, als noch vor ein paar Jahren. Den internationalen Basketball-Fan kann das freuen. Nicht nur, weil damit mehr Spieler aus den eigenen Heimatländern in den besten Basketball-Arenen der Welt auflaufen, sondern auch, weil die NBA somit abwechslungsreicher und interessanter wird und wir uns vermehrt auf europäische Ausnahmetalente wie einst Dirk Nowitzki freuen dürfen.

Stand aller angegebenen Statistiken: 23.11.2017

Leonard auf Twitter: @leo_laurig

[Foto: Keith Allison/Flickr(Schröder)/CC BY-SA 2.0/Ed/Wikimedia(Porzingis)/CC BY-SA 2.0/Keith Allison/Flickr(Antetokounmpo)/CC BY-SA 2.0/Nicolas Raymond/Flickr(Hintergrund)/CC BY 2.0/Illustration von James P. Platzer]

stv. Ressortleiter Sport

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