Gesellschaft

Der Kauf-Nix-Tag: ein starkes Zeichen gegen den Konsumwahn

Nach dem Cyber-Week-Wahnsinn folgt am 24. November 2017 in den USA der Kauf-Nix-Tag — dazu haben wir mit fünf jungen Menschen über den bewussten Konsumverzicht gesprochen

Der Kauf-Nix-Tag: ein starkes Zeichen gegen den Konsumwahn 24. November 2017Leave a comment

Redakteurin

Wie oft die Geldtasche gezückt wird, zeigt sich häufig erst zum Monatsende. Dann, wenn sich langsam das schlechte Gewissen und der schrumpfende Kontostand melden. Der schnelle Kaffee zum Mitnehmen, das Schnäppchen, bei dem man so viel spart oder die “2 plus 1”-Aktion, bei der nicht Nein gesagt werden kann. Möglichkeiten zum Konsumieren gibt es immer und überall.

Alles in der Wirtschaft ist darauf angelegt, heute, jetzt, hier, sofort etwas zu kaufen. Ich war davon völlig erschöpft und dachte, vielleicht ist es eine gute Idee, endlich einmal eine Shopping-Pause einzulegen.

Diese Aussage stammt vom kanadischen Künstler Ted Dave. Er gilt als Erfinder und Initiator des 1992 festgelegten Buy Nothing Day. In Amerika ist dieser Tag am Black Friday, einem der umsatzstärksten Tage des gesamten Jahres. In Europa findet dieser Aktionstag immer am letzten Samstag im November statt und ist in Österreich als Kauf-Nix-Tag bekannt.

Der 24-stündige Konsumverzicht gilt als Protestaktion gegen ausbeuterische Produktions- und Handelsstrategien internationaler Konzerne und Finanzgruppen. Der Verzicht soll zum Nachdenken über die eigenen Konsumgewohnheiten anregen und dadurch ein nachhaltigeres Kaufverhalten des Einzelnen fördern. 24 Stunden mögen im ersten Moment nach einem sehr geringen Zeitraum klingen. In Kombination mit Bildern der überfüllten Fußgängerzonen, wo regelrechte Shopping Exzesse in der besinnlichen Weihnachtszeit stattfinden, wirkt dieses Vorhaben schon eher nach einer kleinen Herausforderung.

Anlässlich des Kauf-Nix-Tages hat kultort.at mit fünf jungen Menschen gesprochen und nach ihrer Meinung zum freiwilligen Konsumverzicht gefragt:

Marion (22), Studentin

Ich finde es sehr wichtig, dass versucht wird, die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, wie oft gedankenlos die Geldtasche gezückt wird. Ich arbeite neben dem Studium oft für verschiedene Promotion-Aktionen. In der kommenden Weihnachtszeit bin ich dafür besonders oft im Einsatz. Wenn ich dann den ganzen Tag auf der Mariahilfer Straße verbringen muss, bekomme ich den Shopping-Wahnsinn live mit. Die Leute hetzten von einem Eck zum anderen — mit einem Gesichtsausdruck, der ganz und gar nicht an eine besinnliche Weihnachtszeit erinnert. Ich kann mir leider schwer vorstellen, dass ein Tag Konsumverzicht bei der Gesellschaft ein Umdenken veranlasst.


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Denise (20), Studentin

Der Kauf-Nix-Tag war mir bis jetzt eigentlich gar kein Begriff. Obwohl ich mich grundsätzlich schon als sehr minimalistischen Menschen bezeichnen würde. Ich versuche viel Second Hand zu kaufen oder mir meine eigenen Sachen zu nähen, was ich dank meiner Ausbildung im Modekolleg kann. Qualität vor Quantität ist mir wichtig. Schade, dass in Österreich so wenig über diesen Tag kommuniziert wird. Hier hört man immer nur vom Black Friday und der Cyber-Woche. Gut, dass das Thema auch einmal thematisiert wird. Darüber sollten viel mehr Menschen informiert werden. Jetzt, wo ich davon weiß, werde ich auf jeden Fall versuchen, zumindest an diesem Tag bewusst gar nichts zu konsumieren.

 Sandra (23), Studentin und Verkäuferin

So einen Tag sollte es viel öfter geben und vor allem sollte er stärker in den Medien vorkommen. Damit die Menschen auch davon erfahren. Ich arbeite am Samstag in einem Modegeschäft und kann von dem Einkaufsrausch der Leute — besonders jetzt vor Weihnachten — ein Lied singen. Am Abend gleicht das gesamte Geschäft eher einem Schlachtfeld. Die Hälfte der Kleidung liegt am Boden oder wird einfach irgendwo hingeworfen. Wir sortieren alles ewig, nur damit am nächsten Tag dasselbe Chaos wieder ausbrechen kann. Es ist erschreckend, wie die Menschen mit der Ware umgehen. Da merkt man schon, dass bei vielen das Gespür für Konsum verloren geht, sobald etwas reduziert ist oder besonders günstig angeboten wird. Eine richtige Konsumsucht. Jeder kauft und kauft und kauft. Die Gesellschaft sollte sich dem viel bewusster werden, das würde ich mir echt wünschen.

Christian (24), Student und Kellner

Ich merke es bei mir selber, dass es gar nicht so einfach ist, wirklich einen Tag nichts zu konsumieren. Ich bin entweder auf der Uni oder in der Arbeit. Da ich in einer Bar aushelfe und meistens gleich nach der Uni arbeiten gehe, muss oft irgendwas “to go” gekauft werden. Aber auch wenn ich nicht im Stress bin, wird fast täglich die Geldtasche für einen Kaffee beziehungsweise das ein oder andere Bier gezückt. Am Land ist das vielleicht einfacher, aber in der Stadt wird man ständig mit allen möglichen Arten gelockt, sein Geld — auch wenn es nur wenig ist — auszugeben. Das sollte man sich öfter bewusst machen und sich im Verzichten üben. Wäre ein guter Vorsatz für das neue Jahr.


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Marlene (21), Studentin

Für mich sind 24 Stunden ohne etwas zu konsumieren eigentlich nicht schwierig oder etwas Außergewöhnliches. Ich lebe, seitdem ich nach Wien gezogen bin, sehr minimalistisch. Ich habe ziemlich radikal aussortiert. Alles, was nicht wirklich gebraucht wurde oder nur herumlag, habe ich verkauft oder verschenkt. Jetzt kann ich sagen, dass ich wirklich nur das besitze, was gebraucht wird oder in Verwendung ist. Früher habe ich mich von dem ganzen Zeug regelrecht erdrückt gefühlt. Außerdem ist man so viel flexibler. Ich kann ohne viel Aufwand umziehen oder muss mir nicht Gedanken machen, was für eine kurze Reise alles gepackt werden soll, weil ich sowieso nicht die Auswahl habe. Minimalistisch mit Konsum umzugehen kann ich wirklich jedem ans Herz legen.

Johanna auf Twitter: @johannaecker_

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