Gesellschaft

Wieso die katholische Kirche in Österreich an Bedeutung verliert

Die religiöse Landschaft Österreichs steht nachhaltig vor einem großen Umbruch

Wieso die katholische Kirche in Österreich an Bedeutung verliert 2. Dezember 20173 Comments

stv. Ressortleiter Popkultur

“Und wie hast du’s mit der Religion?” Die Gretchen-Frage in Johann Wolfgang von Goethes Faust würde heute wohl anders aussehen. Der Themenkomplex Religion ist nur noch deswegen ein Tabu, weil es heute eher als Tabu gilt, sich in irgendeiner Weise religiös zu beteiligen. Gretchens unschuldige Frage wäre gegenwärtig also umgeformt ein frommes: “Und warum glaubst du eigentlich noch?”

Religion als Generationenfrage

Natürlich hat die Religion, in Österreich insbesondere der Katholizismus, eine ziemliche Entwicklung durchlebt. Die Generation unserer Großeltern, teilweise auch noch die Jahrgänge unserer Eltern, haben im Katholizismus einen Alltag gefunden. Nicht nur das — der Glauben hat eine Gemeinschaft zusammengebracht und überdies die schwierigste Frage der Menschheit überhaupt geklärt: Wo komme ich hin, wenn ich sterbe? Gerade auch deswegen finden Leute am Sterbebett ihren Weg zurück zum Katholizismus.

Glaube heißt Glaube, weil man damit Dinge beantwortet, die man einfach nicht wissen kann. Warum sollte es dann abwegig sein, an etwas Anderes zu glauben?

Allerdings stellt sich heute bereits mehreren Generationen eine ganz andere Frage: Warum soll ich überhaupt noch glauben? Die Kirche scheint mit ihrer konservativen Vorgehensweise und ihren alteingesessenen Prozessen für Jugendliche nicht mehr ansprechend. Aber wundert uns das noch? In einer Gesellschaft, in der sich junge Leute mit Batman oder Kim Kardashian identifizieren, kann ein alter Herr in weißer Kutte einfach nicht mehr mithalten. Da kann die Predigt noch so ergreifend sein — das CGI im Cineplexx ist dem an einem verregneten Sonntag meilenweit überlegen.

Heiße Stammtischdebatten reizen Konflikt

Dass der Katholizismus in Österreich wohl nachhaltig zu einer Nebenerscheinung transformieren wird, lässt sich klar an den statistischen Werten ihrer Entwicklung festlegen. Im Jahr 2016 gab es zwar immer noch an die 5,2 Millionen katholische Christen in Österreich, allerdings ist dies im Hinblick auf das Jahr 1971 (insgesamt 6,5 Millionen bei niedrigerer Bevölkerungszahl) ein deutliches Minus. Und auch in Zukunft ist der Trend eindeutig rückläufig.

Nichtsdestotrotz bleibt Religion immer noch ein heftig diskutiertes Thema. Dies hängt aber weniger mit der Reflexion des eigenen Religionsverhaltens zusammen, als eher mit dem Vergleich zu anderen aufkommenden Religionen. Nicht nur, weil die weltbekannte Terrormiliz IS als “Islamischer Staat” mit ihrem fundamentalistischen Zugang zu Religion die Welt im Atem hält, sondern gerade deswegen, weil der Islam sich in Europa flächendeckend ausbreitet. In Österreich leben statistisch gesehen bereits 700.000 Muslime — Tendenz steigend.


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Mit der Flüchtlingskrise der vergangenen Jahre und den politischen Debatten darüber wurde der Themenkomplex Religion immer weiter in den gesellschaftlichen Diskurs getrieben. So weit, dass Bauer Karl am Wochenende im Wirtshaus wieder behauptet, katholisch zu sein und den Islam verteufelt.

Wir schaufeln uns also wieder einmal eigenhändig das unbequeme Grab. Wir machen Religion zu einem Zugehörigkeitsmerkmal, das es auch sein will, aber nicht in dem man sich als Gläubige/r voneinander abgrenzt — allerdings geschieht durch all das Streitpotenzial genau das.

Religion bleibt jedoch als Streitthema im allgegenwärtigen Diskurs. In der Praxis erlebt der Katholizismus keinen Aufschwung. Was passiert also mit diesem großen gesellschaftlichen Komplex, der jahrtausendelang unser aller Denken gesteuert hat?

Die katholische Kirche: Werte für Europa als Überbleibsel

Er fällt immer mehr in ein Loch. Die konservative Denkweise, dass Mann und Frau glücklich bis ans Ende ihrer Tage zusammenleben, ist längst überholt. Der Sonntagsgottesdienst ist für die, die noch gehen, mehr Pflicht als wohltuendes Ritual. Das Zölibat, das Verbot der Wiederheirat, kein Sex vor der Ehe — längst Normen, die der Geschichte angehören. Im Geschlechterdiskurs und in jeglichem Bezug zu Sexualität ist der Katholizismus einfach nur eines: vollkommen eingerostet. Es wird wohl auch in Zukunft keine Neuorientierung auf dieser Ebene geben.

Auch wenn katholische Webseiten ihre Inhalte gewohnt euphemistisch vertreten. Selbst sie können nicht leugnen, dass jedes Jahr über 50.000 Menschen aus der katholischen Gemeinschaft austreten. Selbst wenn die Tendenz in den Jahren um einen geringen Prozentsatz geringer geworden ist, so wird der Zusammenfall dieser Gemeinschaft in naher Zukunft wohl kaum zu verhindern sein, auch wenn mit Papst Franziskus der modernste Kirchenvater seit jeher das Haupt des Vatikans verkörpert.

Was übrigbleiben wirdist dennoch ein großes Konstrukt an Werten, die unser gemeinsames Europa in ihren Grundzügen beschreibt. Das Allgemeingut der Nächstenliebe und den respektablen Umgang in der Gemeinschaft haben wir sicherlich zu großen Stücken dem Wirken der katholischen Kirche zu verdanken. All ihre Skandale, all ihre längst überholten Weltanschauungen können dieses Gedankengut nicht erdrücken. Es ist auch das Letzte, das ihr bleiben wird. Und vielleicht auch das Einzige, das sie retten kann.

Jeden Adventssamstag erwartet euch auf kultort.at ein kritisch-reflexiver Artikel über Katholizismus (in Österreich). Nächste Woche: “Die heftigsten Bibelpassagen und was sie heute noch bedeuten”

stv. Ressortleiter Popkultur

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