Gesellschaft

Was ist schon Freundschaft?

Freundschaftsanfragen auf Facebook und immer mehr Instagram-Abonnenten — Social Media vermittelt uns ein Bild von unendlich vielen Freunden, dem nicht so ist

Was ist schon Freundschaft? 4. Dezember 20172 Comments

Das Jahr geht dem Ende zu. Gerade in den letzten Wochen vor Silvester neigt der Großteil der Gesellschaft häufig dazu, ein Resümee aus den vergangenen zwölf Monaten zu ziehen. Jahresrückblicke werden veröffentlicht, diverse Statistiken und Hochrechnungen ausgewertet.

Auf Social Media erscheinen im persönlichen Feed immer wieder gerne die Highlights des Jahres oder die Anzahl der neuen “Social-Media-Freunde”. Ein ganzes Jahr bringt meist einen Berg an neu geschlossenen Freundschaften. Sein es flüchtige Bekannte von Veranstaltungen oder die Studien- und ArbeitskollegInnen.

Doch wer zählt von den mehreren hundert Facebook-Freunden wirklich als echte Freunde? Aus den Ergebnissen einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstitut Splendid Research vom Januar 2017 zur Anzahl und Qualität der sozialen Kontakte geht hervor, dass im Schnitt nur die Hälfte unserer Freunde wahre Freunde sind. Ebenfalls besagt diese Studie, dass sich das Klischee des kontaktfreudigeren weiblichen Geschlechtes nicht bestätigt. Frauen und Männer haben laut den Ergebnissen im Durchschnitt die gleiche Anzahl an Freunden, mit denen sie regelmäßig in Kontakt sind. Folgender Studie zufolge sollen Frauen allerdings ihren Freundeskreis so intensiv wie ihre Liebesbeziehungen pflegen, während Männer das Ganze im Vergleich eher locker handhaben.

Wie leichtfertig wird in einer Zeit, in der Networking und Kontakte knüpfen großgeschrieben wird, mit dem Begriff “Freundschaft” also umgegangen? Für welche Gruppe an Personen kann die Hand ins Feuer gelegt werden? Wem vertrauen wir?

“Die Freunde, die man morgens um vier Uhr anrufen kann, die zählen.”
— Marlene Dietrich.

Passend zu der Aussage von Marlene Dietrich und um dem Klischee der starken weiblichen Kontaktfreudigkeit nachzugehen, hat kultort.at sich umgehört und mit fünf jungen Frauen gesprochen, wie sie Freundschaft definieren und wen sie mitten in der Nacht anrufen würden.

Paula (23), Ausbildung zur Krankenschwester

Da ich umgezogen bin und relativ weit weg von allen meinen Freunden wohne, zeichnet sich meiner Meinung nach eine gute Freundschaft dadurch aus, dass man sich nicht unbedingt immer sehen und jeden Tag etwas von dem anderen hören muss. Es reicht auch, wenn man nur ab und an mit dem anderen Kontakt hat oder sich mal sieht.

Es soll dann trotzdem so sein, als wäre man nie voneinander getrennt gewesen, um genau dort wieder anzuknüpfen, wo man sich das letzte Mal getrennt hat.

Natürlich ist es auch wichtig, dass man ganz ungezwungen über alles reden kann. Was für mich aber wahre Freundschaft besonders stark kennzeichnet, ist, dass man nicht nur über alles sprechen kann, sondern dass auch einmal Stille herrschen darf, ohne dass es unangenehm wird. Dieser Punkt differenziert für mich ganz oft Bekanntschaften von guten Freunden. Bei bloßen Bekannten habe ich oft das Gefühl, etwas sagen zu müssen, weil die Person mein Schweigen falsch oder als unhöflich interpretieren könnte. Bei einem wirklich guten Freund weiß ich im Gegensatz genau, dass mein Gegenüber mit der Tatsache, dass es jetzt gerade nichts zum Reden gibt, umgehen kann und keine belanglose Unterhaltung erzwungen werden muss. Das sind für mich die Freunde, die als wahre Freunde zählen — nicht nur der Fakt, dass ich sie mitten in der Nacht anrufen könnte.


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Anja (21), Publizistik-Studentin

In Bezug auf Marlene Dietrichs Aussagen könnte ich mich auf keine einzelnen Personen festlegen. Ich würde einfach meine besten Freunde bzw. Freundinnen anrufen und abwarten, wer überhaupt auf meine Nachricht oder meinen Anruf antwortet. Im ersten Moment würden mir da drei bis vier Leute einfallen, die mir sehr nahestehen.

Wahre Freundschaft bedeutet für mich, dass jemand für mich da ist. Ein Freund bzw. eine Freundin gesellt sich zu mir, wenn es mir schlecht geht und macht mir ganz einfach einen Tee. Und danach kann die Welt gerettet werden. Aber wenn es, angenommen, Dienstag um vier Uhr in der Früh ist, kann ich auch verstehen, dass niemand einen Anruf von mir beantwortet. Freundschaft heißt für mich auch, dass man sich manchmal gedulden muss und Verständnis zeigt.

Auch wenn man sich vielleicht monatelang nicht sieht, weiß ich, dass sich das Verhältnis zwischen einem guten Freund bzw. einer guten Freundin und mir nicht verändert hat. Das ist für mich ein Zeichen von richtiger Freundschaft.

Dina (22), Publizistik-Studentin und Fotografin

Also ich habe eigentlich wirklich viele Freundinnen. Aber wenn man über den Satz von Marlene Dietrich nachdenkt, dann habe ich wohl nur viele Bekanntschaften.

In der Nacht würde ich nur meinen Freund anrufen, da er fast alles von mir bzw. über mich weiß und ich ihm vertrauen kann. Außerdem weiß ich, dass er immer für mich da ist und auch um vier Uhr in der Früh zu mir fahren würde. Man könnte also sagen, dass er mein bester Freund ist.

Eigentlich habe ich nur eine wirkliche Freundin, der ich alles anvertrauen kann. Sie ist der einzige Mensch, bei dem ich vollkommen sein kann, wie ich will, bei der ich nicht darüber nachdenken muss, was ich sage und wie ich mich zu verhalten habe. Wenn etwas Schlimmes passiert, würde ich es — neben meinem Freund — auch ihr anvertrauen.

Eine richtige Freundschaft ist für mich, wenn man von einer Freundin oder einem Freund nicht eingeengt wird. Wichtig ist in meinen Augen, dass beide ungefähr dieselbe Vorstellung von einer Freundschaft haben.

Franziska (19), Freiwilliges Soziales Jahr

Die ersten beiden Personen, die ich sofort — unabhängig von der Uhrzeit — anrufen würde, wären mein Freund und meine langjährige Kindheitsfreundin. Bei beiden weiß ich genau, dass sie — vorausgesetzt das Handy ist nicht auf Flugmodus — keine Sekunde zögern würden abzuheben. Vielleicht weiß ich das bei ihnen so sicher, weil ich im Umkehrschluss genauso reagieren würde — und das wissen sie auch.

Ich habe zwar einige gute Bekannte, denen ich von besonderen Ereignissen berichten würde, allerdings nicht mitten in der Nacht. Da besteht für mich der Unterschied zwischen Bekanntschaften und richtigen Freunden. Eine wahre Freundschaft bedeutet für mich vor allem, Absagen zu akzeptieren, ohne ein Theater zu machen, auch Verzeihen zu können und Vertrauen und Verlässlichkeit zwischen einander.


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Cora (21), Tourismus-Management-Studentin

In einer ernsten und wichtigen Situation würde ich mich genau an zwei Personen wenden. Meinen Freund Sebastian und meine Schwester Nina. Meine Schwester und mich verbindet seit Jahren eine Freundschaft, die für mich unersetzbar ist. Sie basiert auf gegenseitiger, urteilsloser Unterstützung in jeder Lebenslage und einer großen Menge an Vertrauen.

Wahre Freundschaft ist in meinen Augen eine solche, in der man in der gegenseitigen Präsenz komplett abschalten kann. Alle beteiligten Personen sollten das Gefühl haben, in dieser Freundschaft ihr “bestmögliches Ich” sein zu können.

Eine Basis aus Vertrauen und Ehrlichkeit ist mir sehr wichtig. Jedoch sollte Freundschaft für mich auch immer etwas sein, dass man als erleichternd empfindet, anstatt als mentale Last.

Johanna auf Twitter: @johannaecker_

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