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Manchester City: das beste Team der Welt?

Pep Guardiola will auch in England Geschichte schreiben

Manchester City: das beste Team der Welt? 6. Dezember 2017Leave a comment

Ressortleiter Sport

Manchester City ist derzeit das Maß aller Dinge. Seit dem 1:1-Unentschieden am zweiten Spieltag gegen Everton haben die “Citizens” jedes einzelne Spiel für sich entscheiden können. In Zahlen bedeutet das eine bewerbsübergreifende Siegesserie von 20 Spielen seit dem 26. August! Der unglaubliche Lauf kommt keineswegs zufällig. Wir haben uns die wichtigsten Erfolgsgaranten des englischen Tabellenführers angesehen.


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Das Genie

Manchester City befindet sich auf den Spuren von Arsenals “Invincibles” aus der Saison 2003/04. Es ist noch zu früh, um über die Möglichkeit einer ungeschlagenen Spielzeit zu debattieren — kaum angezweifelt ist aber, dass die Himmelblauen derzeit den besten Fußball Englands spielen. Der erste Verfolger ist ausgerechnet der Stadtrivale. Das Derby kommenden Sonntag kann bereits richtungsweisend sein, der Vorsprung würde bei einem Sieg über die “Red Devils” bereits auf 11 Punkte wachsen.

Großen Anteil daran, dass man auch gegen das vor Prominenz strotzende United als Favorit in die Partie geht, hat Pep Guardiola. Sein Trainerduell mit José Mourinho ist wohl das medienpräsenteste dieses Jahrtausends und hat heuer ähnliche Brisanz, wie zu “El Clasico”-Zeiten.

Blickt man auf die Liga-Statistiken, wird schnell deutlich, dass es sich beim Spielsystem um die klassische “Guardiola-Taktik” handelt. Die Rede ist von jenem Kurzpassspiel, das bei Bayern Früchte trug, vor allem aber für die goldene Zeit des FC Barcelonas steht, als das spanische Taktikgenie von 2008 bis 2012 insgesamt 14 Titel nach Katalonien holte.

Viele kurze Pässe im Mittelfeld, meist gefolgt von einem tödlichen Pass in die Tiefe — Guardiolas Devise ist das geduldige Herausspielen von Großchancen, ohne dabei etwas dem Zufall zu überlassen. 732 Pässe spielen Kevin De Bruyne und Co. laut premierleague.com pro Match. Nimmt man die Zahlen der beiden ersten Verfolger zur Hand (Manchester United: 492 Pässe/Spiel; FC Chelsea: 532 P./S.), bemerkt man die gravierenden Unterschiede.

89 % Passgenauigkeit hebt “Pep’s” Handschrift ebenfalls hervor. Lange Risikobälle sind in seinem System praktisch tabu, der Tabellenführer spielt mit Abstand die wenigsten langen Pässe der gesamten Liga. Während seine Kontrahenten, Mourinho und Antonio Conte, von ihren Starspielern verlangen, Initiative zu ergreifen, oft ins Eins-gegen-eins zu gehen und auf diese Weise Chancen zu erzwingen, hat beim Spanier das Kollektiv und die Sicherheit am Ball höchsten Stellenwert.

Lange Risikobälle (Screenshot via premierleague.com)

Auch im Ballbesitz spielen die Himmelblauen squawka.com zufolge mit 64 % erwartungsgemäß in einer eigenen Liga. Arsenals 57 % kommen diesem Wert noch am nächsten, United und Chelsea haben überhaupt nur knapp mehr als die Hälfte der Zeit den Ball.

Eigentümer Sheikh Mansour hat alles in seiner Macht Stehende getan, um Manchester zu Guardiolas neuem Zuhause zu machen. Neben vielen Wunschspielern und der nicht allzu bescheidenen finanziellen Unterstützung stellte er seinem neuen Trainer auch dessen Weggefährten in Barcelona Txiki Begiristain und Ferran Soriano als Sportdirektor bzw. CEO zur Seite. Langsam fühlt sich der Taktikfuchs wirklich daheim — und bereit, sich sein eigenes “Barca 2.0” aufzubauen. Etwas, das ihm in München nie gelungen ist.


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Die Tormaschinerie

46 Tore erzielte das Starensemble bereits in der Meisterschaft. Kein Team kann mit der geballten Offensiv-Power umgehen. Bis auf Everton und Chelsea kassierten alle Ligateams mindestens zwei Gegentreffer vom Tabellenführer. Ein Erfolgsgarant ist und bleibt Sergio Agüero. Ein Tor fehlt dem Argentinier noch, um auch in seiner siebenten Saison in der Premier League zweistellig zu treffen. Der Ex-Schwiegersohn des großen Diego Maradona versprach in Manchester bleiben zu wollen, bis er die Champions-League-Trophäe ins Etihad Stadium gebracht hat. Heuer ist die Chance dafür so groß wie noch nie.

Neben ihm spielt der englische Nationalspieler Raheem Sterling die wohl beste Saison seiner Karriere. In der Liga hält er ebenfalls bei neun Treffern und bereitete vier weitere vor. Viermal netzte der 22-Jährige außerdem in der Champions League. In seiner dritten Saison nach dem Wechsel vom FC Liverpool kann sich Sterling in allen wichtigen Statistiken signifikant steigern. Er hat nicht nur jetzt schon seinen persönlichen Torrekord eingestellt, sondern kreierte bereits so früh in der Saison 20 Chancen und damit fast die Hälfte der gesamten vergangenen Spielzeit. Auch seine oft kritisierte Chancenauswertung konnte der gebürtige Jamaikaner verbessern. Nahezu 40 % seiner Schüsse finden den Weg auf’s Tor, stolze neun von zwölf durften darüber hinaus bejubelt werden.

Mit Gabriel Jesus und Leroy Sane kommen zwei weitere blutjunge Toptalente hinzu — die offensive Zukunft der Mannschaft scheint gesichert zu sein. Während der Brasilianer mit acht Toren auf eine erfolgreiche erste volle Saison in Manchester zusteuert, konnte der Deutsche neben sechs selbst erzielten Toren ebenso viele vorbereiten.

Die Zauberer

47 herausgespielte Chancen, vier Tore und acht Assists — Kevin De Bruyne ist heuer der beste Spieler in der Premier League. Was den Belgier so besonders macht und ihn von der breiten Masse an Talenten abhebt, ist seine Art zu denken. Er liest das Spiel anders, erkennt Möglichkeiten, die für das normale Auge nur schwierig zu begreifen sind und kollektives Staunen verursachen. Gegenüber Sky Sports erklärte der Ballkünstler, er würde sich über Torvorlagen mehr freuen, als über eigene Treffer. Wegen der Art und Weise, wie er dies im Interview anmerkte, vor allem aber auf Grund dessen, wie er auf dem Spielfeld agiert, nimmt man ihm dieses Geständnis tatsächlich ab.

Sein kongenialer Partner im Mittelfeld ist David Silva. Der Spanier ist neben Agüero und Vincent Kompany die Konstante auf der blauen Seite Manchesters. 2010 wechselte er aus Valencia auf die Insel und begeistert seitdem die Fans mit seiner Brillanz. Alleine die Tatsache, dass er in all den Jahren kaum nennenswerte Schwächephasen hatte, macht ihn zu einem der besten Legionären der Premier-League-Geschichte und dem vielleicht wichtigsten Spieler, der jemals das hellblaue City-Trikot übergestreift hat. In dieser Saison spielt Silva, nicht zuletzt dank seines Trainers, in der Form seines Lebens. Das einzige, wo er eingebüßt hat, sind seine Haare, denn all seine Fähigkeiten sind herausragend wie eh und je.

David Silva und Kevin De Bruyne bilden ein Gespann aus Genialität, unglaublichem Talent und Uneigennützigkeit. Die meisten Mannschaften würden sich schon glücklich schätzen, nur einen der beiden Spielmacher in den eigenen Reihen zu haben. Gemeinsam mit Sane stellen sie die drei Spieler mit den meisten Assists in der Premier League.

Das System ist komplettiert

Bei all den Toren ist es schwierig, nicht nur über die Offensivakteure zu sprechen. Den vielleicht wichtigsten Schritt in Richtung Unbesiegbarkeit hat man in Manchester aber mit der Stabilisierung der Viererkette geschafft. Während man in den letzten drei Spielzeiten durchschnittlich mindestens ein Gegentor pro Spiel kassierte, hält die Mannschaft heuer im Schnitt jedes dritte Spiel das Tor sauber. Einer der Gründe ist das Ballbesitzspiel. Durch sicheres, vor allem im eigenen Felddrittel risikoarmes Passspiel werden Fehler vermieden und weniger Chancen zugelassen.

Aus ebendiesem eigenen Drittel hält City den Ball ohnedies die meiste Zeit fern. Das ist nicht zuletzt den Außenverteidigern geschuldet, die allesamt das Potenzial haben, schnelle Offensivläufe zu starten und gegebenenfalls trotzdem wieder ihre verteidigende Position einzunehmen. Selbst wenn sich der neue Linksverteidiger Benjamin Mendy früh in der Saison verletzt hat, bleiben immer noch die Neuzugänge Kyle Walker und Danilo sowie notfalls auch Fabian Delph, welche die Position des offensiven Außenverteidigers bekleiden können.

Ein weiterer Faktor ist Fernandinho. Während De Bruyne und Silva vor ihm jene  Spieler sind, denen Guardiola die meisten Freiheiten gewährt, ist der Brasilianer für den koordinierten Aufbau und die schnellstmögliche Balleroberung verantwortlich und hat strikte Vorschriften, was seinen Bewegungsspielraum betrifft. Er meistert seine Aufgabe bisher bravourös und ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Mannschaft erst zehn Gegentreffer kassiert hat.


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Manchester City: die beste Mannschaft der Welt?

In derzeitiger Form gibt es weltweit nur eine Hand voll Teams, die ein ähnlich starkes Niveau haben, wie Manchester City. Blickt man etwa auf die Kaderbreite, so können höchstens PSG und Barca mit der Qualität der Engländer mithalten. Bernardo Silva und Ilkay Gündogan haben ergänzende Rollen, Yaya Touré ist überhaupt nicht mehr Teil der Planung — fast jeder Ausfall kann verkraftet werden. Die Meisterschaft wird den “Citizens” nur schwer zu nehmen sein und auch in der Champions League überwintert man ohne Punkteverlust, wenn man heute Abend Shakhtar Donetsk schlagen kann. International warten die echten Herausforderungen erst. So gut wie heuer standen die Chancen auf den ersten europäischen Titelgewinn seit dem Cup der Cupsieger 1970 jedenfalls noch nie.

Stand aller angegebenen Statistiken: 6.12.2017

Anmerkung des Autors: Alle verwendeten Spielerstatistiken basieren auf den Daten von squawka.com

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

[Foto: Brad Tutterwow/Flickr/CC BY 2.0/Illustration von James P. Platzer]

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