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Wir haben Olympique auf ihrer ‘Chron’-Tour im Wiener WUK begleitet

Die Band Olympique aus Salzburg hat am vergangenen Mittwoch das WUK in Wien in eine emotionale Ekstase versetzt — wir waren live dabei

Wir haben Olympique auf ihrer ‘Chron’-Tour im Wiener WUK begleitet 7. Dezember 20172 Comments

stv. Ressortleiter Popkultur

Wien, 29.11.2017. Das WUK im 9. Bezirk mimt von außen einen gotischen Baukomplex aus Backstein, obgleich der Konzertsaal einem riesigen, quadratischen Käfig gleicht — nur dass sich die Gefängnisgitter auf der Decke befinden und schwere schwarze Vorhänge die Wände bedecken. Sonst könnte man in dem Konzertsaal eventuell die Wände schwitzen sehen. So ist die ganze Halle in eine permanente Dunkelheit gehüllt. Eine Dunkelheit, die durch die wild zappelnden bunten Streifen der Lichttechnik durchbrochen wird. Zwei Videowalls auf einer erhöhten Bühne mit einem runden Symbol, oben und unten durch einen dezenten Strich eingezäunt. Eine Stimme, die wohl Gott als junger Mann gehabt haben muss. Und dazu eine Welle an Musik, die sich tief in das gewölbte Innere unserer Ohrmuscheln einnistet. Das ist Olympique.

Die Ruhe vor dem Sturm

Wenige Stunden zuvor war von dieser Stimmung noch nichts zu bemerken. Die Halle war schön ausgeleuchtet und die Musiker, die wenig später das Publikum auf eine kleine Reise einladen würden, sitzen rauchend auf dem Equipment oder plauschen hier und da mit einem Techniker. Sänger Fabian kommt etwas verspätet — er ist später aus Salzburg abgereist. Hin und wieder trällert er einfach so los, als müsste er sein Mundorgan genauso stimmen, wie Please-Madame-Leihgabe Dominik seine Gitarre.


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Leihgabe deswegen, weil Olympique eigentlich nur aus zwei Menschen besteht. Sänger Fabian Woschnagg und Drummer Nino Ebner bilden das Duo, das hinter dem neuen Album Chron steckt. Vormals zu dritt konzipierten sie ihr Ausnahmedebütalbum Crystal Palace. Nun, nach einer langen Phase des musikalischen Schaffens stehen Fabian und Nino mit der neuen Platte da und gehen mit ihr spazieren. Und das durch ganz Österreich, eine Deutschland-Tour folgt im Jänner. Dass sich nun jetzt all diese Songs nicht alleine performen lassen, liegt auf der Hand. Mit Peter Paul haben sie nicht nur einen neuen Produzenten gefunden, sondern in ihm auch einen grandiosen Live-Musiker. Dominik Wendl von Please Madame, spielt wie schon erwähnt, die zweite Gitarre und unterstützt Fabians imposante Stimme. Johann Domenicus Bass, kurz Dominik, begleitet die Jungs am Keyboard.

In unserer kurzen gemeinsamen Zeit machten die fünf Musiker aber nicht den Eindruck, als wären sie nur eine bunt gemischte Gruppe aus Musizierenden. Im Gegenteil: Sie waren bereits eine eingeschworene Gruppe — als hätten sie schon viel mehr Bühnen bespielt, als die wenigen bisher. Auch am Vortag waren Olympique im Einsatz. In der Stadt, die anscheinend nur MusikerInnen gebärt. In Salzburg spielte Olympique vor heimischer Kulisse. Und dann auch noch auf ein Bier in der Heimat. Und dann nach Wien. Wer jemals zwei Tage hinter einander lange unterwegs war und dann Kopfweh hat, darf nicht MusikerIn werden. Da passiert das wochenlang und zusätzlich ist man jeden Tag höllischen Lärm ausgesetzt, der einem permanent in den Ohren dröhnt.

Volles Volumen und purer Sex

Diesen höllischen Lärm lieben wir aber. Dass dieser Lärm so klingt, wie er tatsächlich klingen soll, ist dem Soundcheck zu verdanken, bei dem wir schon die ersten Kostproben des Abends genießen konnten. Hier wurlen Techniker hin und her, die Musiker sind ausgestattet mit Drinks aus dem Backstage, geraucht wird sowieso überall. Wie sie so in Straßenkleidung dastehen und jeder einzeln auf sein Instrument draufklopft, könnte man meinen, dass es sich hier um die Samba-Gruppe der Klasse 2B im Gymnasium handelt. Doch später, wenn alle gemeinsam einsetzen und der erste Song als Ganzes geprobt wird, fällt es sogar dem Laien wie Schuppen von den Augen.


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Chron fällt einem nur zum Teil wie Schuppen von den Augen. Die erste veröffentlichte Single tut das schon, bohrt sich hemmungslos in unseren Verstand und lässt uns brüllen. “This is the future”, singt Fabian. In der Gegenwart trinkt er Tee und lacht beinahe über jeden Witz, den er im Backstage hört — der Witz muss sogar nicht mal sonderlich lustig sein. In “R.O.F” gleicht er diesem Bild kaum. Fast bedrohlich wirkt der Hüne, der in diktatorischer Manier sein Publikum anbrüllt. Aber er ist alles andere als bedrohlich,wenn man ihn kennenlernt oder er einfach sein anderes musikalisches Gesicht zeigt. Es gibt wenige Sänger im Land der Berge, die mit seiner Stimmfarbe mithalten können. Aber wollen wir jetzt nicht nur ihm die Schuhe lecken: Nino ist zwar ein prinzipiell ruhiger Charakter, der mit weiser Voraussicht agiert. Setzt man ihn aber hinter Snare und Hi-Hat, mutiert er zu einer Maschine, die nur so vor Energie strotzt.

Grundsätzlich hat Chron vieles, was Vorgänger Crystal Palace auch schon hatte. Die fetten Banger, die man im Auto auf maximale Lautstärke mit heruntergelassenen Fensterscheiben stellt. Die ruhigen Nummern, die wie gesungener Sex klingen und die Problematik des Lebens schildern, als wären sie ein ganzes Buch darüber. Zu guter Letz die Lückenfüller, die so gut sind, aber das Entweder-oder nicht für sich entscheiden können. Crystal Palace war noch eine Spur sensibler konzipiert, mit einem Augenmerk auf einer geschlossenen Struktur, wo jeder Song in sich greift. Schließlich hat das Debüt so große Spuren hinterlassen, dass man sie einfach niemals hätte füllen können.

Nichtsdestotrotz ist Chron in Österreich eines der besten Alternative.Rock-Alben des Jahres. Als solches durfte es jetzt auch live verkörpert werden. Durch seine aufwendige Konzeption konnte natürlich nicht alles so umgesetzt werden. Die tiefgepitchten Voices wurden einfach durch Fabians fein geführte Stimme ersetzt. Zusätzlich hatte man mit Dominik Wendl (der übrigens auch für kultort.at tätig ist) einen Mann am zweiten Mikrofon, der ebenso viel empathisches Feingefühl für den Stimmeinsatz innehat.

Olympique ist kollektive Nostalgie

Wir stellen uns also ein paar Reihen weiter hinten in diesem schwarzen Käfig auf, den Olympique mit Beginn ihrer Show in ein tiefes Blau taucht. Cool genug, um nicht vorne voll abzugehen, aber zumindest sich so sehr in der Musik zu verlieren, dass wir unsere Körper von alleine dazu bewegen. Je länger die Show dauert, desto mehr fällt man in die emotionale Ekstase, die man nur kennt, wenn man Olympiques Musik schon aufgesaugt hat. Das Gesamtbild auf der Bühne macht einen bleibenden Eindruck, auch wenn man den Jungs vielleicht das erste Mal an dem gesamten Tag ansieht, dass sie nicht alle aus der selben Band sind. Es entstehen kleine Lücken in der Menschenmenge vor uns. Erst jetzt wird uns in der Dunkelheit mit der bunten Bühne bewusst, dass der Saal nicht rammelvoll ist. Die Musik hat aber die Höhle ausgefüllt, sie gibt einem ein inneres Gefühl von Zugehörigkeit. Vor allem als “Face Down the Earth” gespielt wird und gleich danach die wohl eingängigste Nummer des neuen Albums (“True Love”), schwelgt das gesamte Publikum in einer individuellen, aber dennoch kollektiven Nostalgie.

Nach dem Konzert sind wir zwar verschwitzt, aber nicht so, dass wir ohne Hauben durch die Kälte draußen Fieber bekommen würden. Durch die Menschenmasse wieder gezwängt, stehen wir mitten im Backstage. Die Stimmung ist locker und heiter. Ein paar der Truppe stehen ohne T-Shirts da und ziehen sich um. Der Backstage-Raum ist voller Leute, einige davon haben wir davor noch gar nicht gesehen. Doch der Abend ist noch nicht vorbei. Ab an den Merch-Stand, dann vielleicht noch ein Bier. Hier verliert sich die Truppe in ihrem Schaffen. Irgendwann stehen wir wieder vor diesem Backsteinbau und der Käfig ist vor unseren Augen verborgen. Aber wir werden uns daran erinnern, wenn Crystal Palace  oder Chron im Auto gebangt wird. Und wir uns vielleicht ganz paranoid fragen: “He, Olympique. Will it be alright?”

Wir durften tatsächlich im WUK überall dabei sein. Herzlichen Dank an Olympique, dass ihr uns mitgenommen habt. Überdies durften wir auf Instagram eine nette Story machen, die nun als zusammengeschnittenes Video inmitten des Artikels eingebettet ist — für jegliche Geräuschverzerrungen ist der Mobil-Anbieter Huaweii verantwortlich.

[Foto: © Mahir Jahmal]

stv. Ressortleiter Popkultur

2 comments

  1. Toller Artikel, trifft dem Nagel auf den Kopf!! Könnt ihr mir vielleicht verraten wrr die stimmgewaltigr Dame war mit der Fabian das Duett sang??

    Danke!

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