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Die heftigsten Bibelpassagen und was sie heute noch bedeuten

Das geschriebene Wort Gottes vermittelt phasenweise extreme Moralvorstellungen

Die heftigsten Bibelpassagen und was sie heute noch bedeuten 9. Dezember 2017Leave a comment

stv. Ressortleiter Popkultur

“Heilige Maria, bitte für uns Sünder.” Ja, aber was sind denn eigentlich Sünder? Halten wir uns wirklich an den strikten Kanon der Bibel, würde dies einem Weltbild entsprechen, das längst überholt ist. Just in Zeiten, in denen die Liebe für all, endlich auch in Österreich legitimiert wird, steht in der Bibel, dem Wort Gottes, das Homosexualität mit dem Tode bestraft werden sollte. Während Sexismus und Ungleichheiten im Geschlechter-Diskurs tagtäglich für Aufregung sorgen und das eigentliche Ziel, nämlich komplette Gleichheit in jeglicher Daseinsberechtigung gefordert wird, will die katholische Kirche die Frau als Brutkasten am liebsten in der Küche sehen.


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Dass man das geschriebene Wort Gottes nicht für bare Münze nehmen kann, sehen die meisten wohl trotzdem ein. Nichtsdestotrotz gibt es einen Kreis an Gläubigen, die Kreationisten, die jede biblische Offenbarung wörtlich interpretieren. Die Auffassung, dass die Welt in sieben Tagen entstanden sei, ist nicht nur aus wissenschaftlicher Warte schon längst falsifiziert, sondern löst beim rational denkenden Menschen bloß noch ein schmunzelndes Kopfschütteln aus.

Das meistgelesene Werk der Welt

Natürlich ist zu berücksichtigen, dass man die Bibel als historisches Sammelwerk zu verstehen hat. Die Bibel, die als heilige Schrift für das Christentum und das Judentum gilt, ist das erstgedruckte Werk dieser Welt und trägt eine lange und sinngebende Tradition in sich. Und auch wenn das Alte und das Neue Testament oft widersprüchlich sind, so ist und bleibt die Bibel noch immer das meistgedruckte und häufigst publizierte Buch der Welt.

Anfang dieses Jahres hat das amtierende Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, noch über die paradoxe Idee sinniert, statt einem Smartphone immer eine kleine Ausgabe der Bibel bei sich zu tragen. Angesichts der Inhalte, die die Bibel innehat und der Moralvorstellungen, die sie vermittelt, halten wir dies für eine sehr schlechte Idee. Wir präsentieren euch jetzt die heftigsten Bibelpassagen, die wir der Heiligen Schrift entnehmen konnten.

1. Die fünf Bücher des Mose

Den Anfang der Bibel bzw. des Alten Testaments nehmen die fünf Bücher des Moses ein. Die fünf Bücher (Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium) bilden im Übrigen auch im Jüdischen die Tora, die so viel wie “Gesetz” bedeutet. Denn diese Bücher bilden den Bund zwischen dem Volke Israels und Gott. Betrachten wir allerdings einige Passagen dieser Bücher, stellt es uns die Haare im Nacken auf. Vor allem wenn wir auf die bereits angesprochene Rolle der Frau verweisen:

Viel Mühsam bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. / Unter Schmerzen gebierst du Kinder. / Du hast Verlangen nach deinem Mann; / er aber wird über dich herrschen
— Genesis, 3, 16-17

Wenn das nicht ein klares Statement ist. Zu berücksichtigen sei, dass dies Teil der Schöpfungsgeschichte ist — es sind Gottes Worte an Eva, die er aus der Rippe Adams geschaffen hat. Nach alter katholischer Auffassung ist die Stellung der Frau also mehr als deutlich unter dem Mann, weniger noch: Sie existiert bloß wegen ihm und soll ihm im Grunde als Gebärleib dienen.

Ein ganz besonderes Augenmerk legen wir auf das Buch Levitikus, da es fast nur aus Vorschriften besteht und maßgeblich Anteil an diversen nicht-alltagstauglichen Anschauungen einnimmt. So beschreibt es ausführlich wie und was für den Kult zu opfern sei und offenbart soziale Gebote bzw. Verbote:

Jeder, der seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft.
— Levitikus, 20, 10

Es ist zu berücksichtigen, dass diese archaische Sprache heute ganz anders ausformuliert werden würde. Dennoch wird die Bestrafung mit dem Tod in den Geboten relativ oft als Sanktion für Verbrechen geahndet. In einer Weltanschauung, in der Nächstenliebe auf oberster Stelle stehen sollte und jeder sich von seiner Sünde durch die Beichte befreien kann? Während die Kirche da vor Inzucht warnt, fällt im gleichen Absatz noch folgendes Todesurteil:

Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft.
— Levitikus, 20, 13

Wir verstehen wohl nun auch, wieso in Predigten das Neue Testament Vorrang hat und die Evangelien, die weitaus weniger extreme Positionen einnehmen, einen so hohen Stellenwert haben. Wir sehen also schon einmal deutlich: Das Alte Testament wird seinem Namen total gerecht. Einfach nur alt.

2. Die Psalmen

Ähnlich wie schon die Bücher des Moses sind die Psalmen fünfteilig. Allerdings handelt es sich dabei mehr um eine Sammlung von Einzelliedern, die einen bedeutenden Teil der Bibel für sich beanspruchen und heute wie damals zur Weltliteratur zählen. Diese Psalmen umfassen Bitten, Danksagungen und Weisheiten. Sie strotzen allerdings ebenso von Passagen, die heute mehr als verwerflich sind.

Wolltest du, Gott, doch den Frevler [Anm. der Red.: Gottlosen, an Gott zweifelnden] töten!
— Psalmen, 139, 19

Toleranz sieht natürlich anders aus. Vor allem in einer Welt des Religionspluralismus. Wir sehen also nicht nur eine eindeutige Abgrenzung von fremdartigen Ansichten und Vorstellungsebenen, sondern insbesondere den Drang zur Gewalt. Wie auch folgendes Zitat untermauert:

Wohl dem, der deine Kinder packt / und sie am Felsen zerschmettert!
— Psalmen, 137, 9

Den Kontext zu beachten, macht zwar Sinn, scheint aber als Rechtfertigung niemals genügend. Jemand anderem den Tod zu wünschen, ist schon ein wahres Übel — seine Kinder zerschmettern zu sehen, grenzt allerdings an wahren Sadismus, den die Kirche ja eigentlich höchst zu verneinen hat.

3. Die Evangelien

Es gibt in jeder Sonntagsmesse eine Lesung aus den Evangelien. Der Pfarrer nimmt dabei die Bibel, spricht “Aus dem Evangelium nach [Lukas, Matthäus, Markus oder Johannes]” und die in der Kirche Anwesenden antworten mit: “Ehre sei dir, o Herr!” Jede der vier Versionen erzählt in etwas anderer literarischer Form das eine Evangelium — bedeutet so viel wie “Frohe Botschaft” — von Jesus Christus. Auch wenn sie für das Christentum bis heute die wichtigste literarische Instanz der Bibel symbolisieren, strotzen die Evangelien vor Behauptungen, die heute mehr als anmaßend zu interpretieren sind:

Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.
— Matthäus, 13, 41-42

Jesus Christus sprach oft in Gleichnissen. In der eben zitierten Passage erklärt er die Bedeutung des Gleichnis des Unkrauts. Es bedarf nicht großen Interpretationskünsten, um zu verstehen, wer mit dem Unkraut assoziiert wird. Schließlich ist Jesus Wirken auf der Erde ein von Nächstenliebe geprägtes. Dies wird in etlichen Passagen zwar deutlich, jedoch ist seine Vorgehensweise oftmals mehr als grenzwertig:

Denkt nicht, ich sei gekommmen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Friede zu bringen, sondern das Schwert. […] Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.
— Matthäus, 10, 34-38

Eine einseitige Lesart der Bibel

Wir sehen also, dass auch das Christentum extreme Tendenzen in seiner heiligen Schrift verkörpert. Dinge, die wir anderen Religionen vorwerfen, werden teilweise von unserem Messias wortwörtlich ausgesprochen. Natürlich muss man einen differenzierten Blick auf das allumfassende Werk der Bibel werfen. Einige Zitate wurden sehr wohl aus dem Kontext gerissen, obwohl viele vermeintlich noch schlimmere Stellen sogar ausgelassen wurden.


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Es ist nicht das eigentlich zu Verachtende, dass solche Weltanschauungen in den ersten Jahrzehnten der aufgezeichneten humanen Existenz überhaupt verschriftlicht wurden. Die Menschheit hat noch Jahrzehnte später bewiesen, wie unmoralisch und abstoßend sie sein kann. Das wahre Problem steht in der einseitigen Verkörperung des Inhalts der Bibel seitens der Kirche. Denn wenn sie sich auf all die guten und menschlichen Werte der Bibel beruft, muss sie sich wohl auch eingestehen, dass sie eine kultische, beinahe sadistische Schattenseite in sich hat. Erst wenn die Kirche sich mit all ihren Gräueltaten und veralteten Prinzipien identifizieren kann und sich dann eingesteht, wofür eben diese stehen, kann sie sich von dieser Doppelmoral lösen. Ansonsten bleibt die katholische Kirche (vor allem wenn sie sich auf die Bibel als geschriebenes Wort Gottes stützt) ein Konstrukt aus Widersprüchen.

Jeden Adventssamstag erwartet euch auf kultort.at ein kritisch-reflexiver Artikel über Katholizismus (in Österreich). Nächste Woche: “Die Sonntagsmesse: Wir haben den Gottesdienst analysiert”

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

stv. Ressortleiter Popkultur

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