Gesellschaft

Die Sonntagsmesse: Wir haben den Gottesdienst analysiert

In der Messe am Sonntag vermittelt die katholische Kirche ein aufrechtes Weltbild

Die Sonntagsmesse: Wir haben den Gottesdienst analysiert 16. Dezember 20172 Comments

stv. Ressortleiter Popkultur

Es ist eiskalt in der Kirche. Hand in Hand geht das mit der eiskalten Stimmung, die im Inneren des Kuppelbaus herrscht. Unsere moderne Generation feiert den Tag des Herren mit Netflix und Pizzabestellung. Einige Menschen — in wohl jeder Gemeinde — finden sich jedoch im Hause Gottes, der katholischen Kirche, wieder. Sie hören einem meist alten Mann in langen weißen Kleidern dabei zu, wie er (sich immer wiederholend) den einen Gott anpreist. Wir haben uns tatsächlich in den Gottesdienst gesetzt. Dabei öffnete sich eine Welt, die wir wohl alle schon längst vergessen haben.


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Dass die katholische Kirche an Bedeutung verliert, haben wir bereits vor zwei Wochen festgestellt. Um das den BesucherInnen des Gottesdienstes noch einmal dingfest zu machen: Abgesehen von den mehr als 50.000 Menschen, die jährlich aus der Kirche austreten, geht nur mehr jeder zehnte Katholik in den Gottesdienst. Während in den 1990er Jahren noch mehr als 1,3 Millionen Menschen verstreut über ganz Österreich die Messe besuchten, ist die Zahl im Jahr 2013 auf etwas mehr als 600.000 geschrumpft.

Der Einzug in die Kirche

Angesichts der Tundra-ähnlichen Bedingungen, die im Inneren des historischen Bauwerks herrschen, wundert uns ein solcher Rückgang kaum. Hohe Marmorsäulen reichen bis zur gewölbten Decke, die Wände sind kahl und schneeweiß. Nur die bunten Fenster schaffen einen farbenfrohen Kontrast. Der rote Teppich unter unseren Füßen ist abgenutzt, strahlt dennoch in einem kräftigen Rot. Als wir uns setzen, knirschen die Bänke — sie sind generell so eng, dass wir Mühe haben, aufrecht bis zu unserem Platz zu kommen. Vor uns ein Gebets- und Liederbuch, die Bibel in Handformat scheint uns erspart zu bleiben.


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Plötzlich der imposante Klang einer Orgel auf der Loge über uns und der Einzug des Priesters samt seiner MinistrantInnen. Die kleinen Buben und Mädchen tragen schwere Kerzenständer, stellen sie ab und knien sich auf samtene Polster, während der Priester hinter dem Altar Platz nimmt. Hinter ihm ein riesiges Kreuz in Gold. Jesus Christus hängt daran, links von ihm die Jungfrau Maria. Mehrere mythische Gestalten der christlichen Geschichte umgeben sie. Der Priester spricht laut und klar seine Gebete und Begrüßungen. Wir sagen “Amen” und machen Kreuzzeichen. Wir gestehen uns in einem Schuldbekenntnis ein, Sünder zu sein. Was haben wir denn falsch gemacht? Der Gottesdienst hat begonnen.

Der Wortgottesdienst

Irgendwie weiß man meist gar nicht, was man den anderen in der Kirche da so nachplappert. Wir haben uns gerade dem Glauben bekannt und Kyrie gesungen. Lieder, die Menschen schon seit Jahrhunderten gleich singen. Gebete, die Menschen schon seit Jahrhunderten gleich aufsagen. Ist doch irgendwie logisch, dass niemand mehr kommt, wenn alles gleich ist. Banales Beispiel, aber wer geht jeden Sonntag in ein Kino, das jedes Mal denselben Film spielt?

Der Wortgottesdienst verspricht jedoch etwas Abwechslung. Wie im Kindesbett wird uns jetzt nämlich vorgelesen. Bei der ersten Lesung spricht eine Dame aus der Gemeinde und trägt das Wort Gottes aus dem Alten Testament vor. Worte, die wir schon gehört haben, als wir Kinder waren, schrammen an uns vorbei. Dann ein Zwischengesang, der die müden Glieder wieder regt. Zweite Lesung aus dem Neuen Testament. Lesende: “Wort des lebendigen Gottes” — Wir: “Dank sei Gott”. Es ist faszinierend, dass die Geschichten, die die Bibel innehat, jede Woche neu vorgetragen werden. Es ist ein Ritual, das versteht sich. Aber viel spannender wäre, welche Beweggründe Menschen tatsächlich haben, um diesen Ritualen treu zu bleiben.


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Es folgt ein Halleluja (als Kind als “Hallo Julia” missverstanden) und schließlich zum Abschluss all der Worte die Predigt, die das vorherige Evangelium aufgreift, analysiert und kommentiert. Interessant dabei ist, dass sich die Qualität der Predigt tatsächlich über die Qualität der rhetorischen sowie emphatischen Fähigkeiten des Priesters auszeichnet. Er kann eine Geschichte erzählen, die zum Nachdenken anregt. Er kann aber auch verantwortlich sein, dass sich viele Anwesende überlegen, nächste Woche doch im Bett zu bleiben.

Die Eucharistie und die Verabschiedung

Wir wollen den Gottesdienst wirklich nicht schlechter dastehen lassen, als er tatsächlich ist. Aber die Institution Kirche muss sich bald ein Upgrade für ihre Messe ausdenken. Nicht, dass wir trivial unterhalten werden wollen, das schaffen wir über den stetigen Konsumwahnsinn schließlich selbst. Aber eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Glauben an sich, als Grundlage des gemeinschaftlichen Diskurses. Mit Gospel, den man aus den afroamerikanischen Gemeinden kennt, der die Kirche zum Beben bringt. Und schließlich vielleicht ein paar Snacks, um bei Laune zu bleiben.

Für diesen Übergang werden wir als Frevler abgestempelt. Das Brot Gottes in der Eucharistie und der Schluck Wein symbolisieren zwar den lebendig gewordenen Gott, aber hinterlassen bei vielen BesucherInnen oft nur folgenden geheimen Gedanken: “Ich muss mir wieder mal leere Oblaten kaufen, schmecken schon geil.” Denn während der Eucharistie warten alle nur darauf, endlich aufstehen zu können. Die müden Glieder knacken, nachdem wir aus der unbequemen Bankreihe aufgestanden sind. Vor allem, weil man während der Gabenbereitung auf der Bank knien musste, wie ungehorsame Schulkinder in den 1930ern. Nach einer ewigen Zeremonie verabschieden sich Priester und Gefolge. Wir dürfen auch gehen. “Gehet hin in Frieden.”

Die Zukunft der Sonntagsmesse

Es ist schwierig zu sagen, wie sich die kirchliche Gemeinschaft schlussendlich wirklich entwickelt. Nach Besuch des Gottesdienstes steht allerdings fest, dass er mit seinen alten Traditionen und Ritualen brechen muss, um wieder an Relevanz zu gewinnen. Denn um ehrlich zu sein: Nach Taufe, Erstkommunion und Firmung (sofern man diese Sakramente überhaupt wahrnimmt) treibt es einen jungen Menschen kaum mehr in ein Gotteshaus. Diese veralteten Handlungsketten werden die Priester aber bestimmt nicht aufbrechen. Damit wird der Gottesdienst wohl fallen. Und wenn in 1.000 Jahren Aliens unsere Erde erobern und dann unsere Kirchen sehen, werden sie bloß sagen: “Sieht ja krass aus. Und da drin haben sie wirklich zu ihrem Gott gebetet?”

Jeden Adventssamstag erwartet euch auf kultort.at ein kritisch-reflexiver Artikel über Katholizismus (in Österreich). Nächste Woche: “Was hat Weihnachten noch mit dem Christentum zu tun?”

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

stv. Ressortleiter Popkultur

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