Gesellschaft

Die Schattenseite von Weihnachten

Für viele die schönste Zeit des Jahres, für andere das komplette Gegenteil

Die Schattenseite von Weihnachten 19. Dezember 20171 Comment

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

“Freust du dich schon auf Weihnachten?”

Die meisten von uns würden diese Frage in Vorfreude auf ihre Familie, das alljährliche Weihnachtsdinner und die Zeit mit ihren Freundinnen und Freunden bejahen. Mit Weihnachtskeksen im Wohnzimmer sitzen und dem Schnee beim Rieseln zusehen oder auf dem alljährlichen Weihnachts-Rave tanzen — jeder und jede von uns feiert Weihnachten anders. Doch eines ist uns allen wichtig: das Gefühl einer Gemeinschaft, einer bestimmten Zugehörigkeit.

Die Vorweihnachtszeit ist längst nicht so besinnlich, wie sie vom Fernsehen gerne propagiert wird, wird doch von einem Termin zum nächsten gehetzt. Montag Punschtrinken mit den Studienkolleginnen und Studienkollegen, Dienstag Kekse backen mit Mama, Mittwoch essen gehen mit Freunden, die man über die Weihnachtsferien nicht sieht, Donnerstag eine Haube kaufen, weil es speziell in Wien immer zieht und Freitag zur Weihnachtsfeier, bei der schon mal zu tief ins Glas geschaut wird. Und wann werden die Geschenke besorgt? Amazon Prime kann viele Probleme lösen, aber nicht alle.


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Einige lehnen Weihnachten genau aus diesem Grund ab — aus einer Aversion gegenüber der allgegenwärtigen Konsumgesellschaft, dem familiären Zwang, Weihnachten zu Hause zu sein oder dem Wissen, fünf Kilo wegen des unglaublich guten aber auch sehr reichhaltigen Weihnachtsessens zuzunehmen. Alles nur First World Problems.

Wem es an Weihnachten besonders schlecht geht

Verzogene Kinder von reichen Eltern würden Weihnachten als Reinfall bezeichnen, wären nicht dutzende Geschenke unter dem mit Lametta und Glitzer geschmückten Drei-Meter-Weihnachtsbaum. Sie verschwenden Zeit, die sie für das Auspacken ihrer neuen Habseligkeiten benötigen, anstatt an Kinder und Erwachsene zu denken, die das Christkind nicht beschenkt. Großteils ist das auch gut so, schließlich sind es Kinder und wir sollten ihnen nicht von Anfang an den Zauber rund um Weihnachten nehmen. Sind sie allerdings über das Kleinkind-Alter hinweg, schadet es sicher nicht, ein Bewusstsein zu schaffen, dass sich am Heiligabend nicht alles um Materielles drehen sollte und andere Kinder und Erwachsene kein Christkind haben. Keine Mutter, keinen Vater, keine Kinder, keine Freunde, keine bekannten Nachbarn — schlicht niemanden, der sie liebt.

Diese Menschen sind einsam, fühlen sich von der Gesellschaft ausgestoßen und ungeliebt. Oft sind sie alt und all ihre Bekannten verstorben, kinderlos oder mit welchen, zu denen der Kontakt abgebrochen ist. Die, die gebrechlich und nahezu unbeweglich sind, trifft es besonders hart. Ohne fremde Hilfe können sie nicht einmal Futter für das Vogelhäuschen kaufen, um sich die Zeit zu vertreiben. Manche hingegen sind jung, hegen oberflächliche Beziehungen und fühlen sich trotzdem allein, missverstanden und ungeliebt.

Am 1. Jänner 2017 waren genau 1.148 Personen der österreichischen Bevölkerung über 100 Jahre alt. Wie viele von diesen mussten letztes Jahr Weihnachten alleine feiern? Wie viele ihrer Familienmitglieder und Freunde mussten sie schon begraben, mit denen sie gerne Weihnachten gefeiert hätten? Eines Tages werden wir alle alt sein und einige möglicherweise Weihnachten einsam und alleine vor dem Fernseher verbringen.

Die bittere Wahrheit unseres Immunsystems

Die Menschheit wird immer älter — einsame Menschen sterben jedoch früher als die mit einem regen, sozialen Umfeld. Einer Studie zufolge erhöht das Gefühl von Einsamkeit das Risiko eines frühzeitigen Todes von Senioren um ganze 14 %. Auch psychische Erkrankungen können aus dem erdrückenden und aussichtslosen Gemütszustand entstehen. Ebenfalls wurde festgestellt, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Einsamkeit und dem Immunsystem existiert — Menschen, die sich alleine fühlen, haben daher ein schlechteres Immunsystem als die, die ein reges soziales Umfeld genießen. Oft geht Einsamkeit mit Armut einher, wie es in einem Interview mit dem Standard heißt:

“Wenn ich wenig Geld habe, kann ich nicht ins Kino gehen, keine Freunde einladen, denn die sind andere Standards gewohnt. Das führt zu Einsamkeit. Die soziale Teilhabe ist aber auch wichtig, um einen Job zu finden, denn dazu brauche ich Beziehungen.”

Somit dürfte klar sein, dass Einsamkeit unsere Gesundheit maßgeblich beeinflusst. Eine Erkenntnis, die erst in den letzten Jahren von Werbung und Medien vermehrt thematisiert wurde.

Was gegen Einsamkeit unternommen werden kann

Zu Weihnachten verreisen ist ein guter Tipp, den man sich jedoch leisten können muss. Denn Einsamkeit steht häufig in Verbindung mit Armut. Ohne Geld kein großes Weihnachtsessen, keine Geschenke — dann unterscheidet sich der 24. Dezember von keinem anderen Tag im Jahr.


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Über die Kirche kann getrost geschimpft werden, das sei jedem selbst überlassen. Aber für Alleinstehende und Arme bietet sie vielerorts einen Ort, um den Heiligabend gemeinschaftlich zu feiern. Auch andere Organisationen ziehen dem Beispiel nach, genug sind es jedoch nicht. Am Land ist es diesbezüglich sehr schwierig. Zudem wissen viele Menschen nicht über die Angebote und Möglichkeiten für Einsame Bescheid. Bei der Telefonseelsorge der Erzdiözese kann beispielsweise rund um die Uhr angerufen werden, auch bei Rat auf Draht kümmern sich die MitarbeiterInnen ebenfalls 24/7 um Bedürftige. Hut ab vor den Menschen, die ihren Heiligabend — mehr oder weniger — opfern, um anderen zu helfen.

Es wird nicht verlangt, alle Obdachlosen und bedürftigen Personen zur eigenen Weihnachtsfeier einzuladen. Zu privat sind diese meist, zu intim. Die Oma so konservativ, bei jemand Fremden würde ihr das Herz aus der Brust herausfallen. Dem Bettler vom Billa aber ein Heißgetränk mit einem wohlwollenden Lächeln zu schenken ist jedoch ein Akt, der für jede und jeden von uns leicht umsetzbar ist. Ebenso wie die Spende an eine gemeinnützige Organisation. Denn ab und zu müssen wir uns erinnern, dass es den meisten von uns verdammt gut geht und wir wahnsinnig viel Glück haben, so privilegiert zu leben.

Lisa auf Twitter: @lugerblis

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

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