Gesellschaft

Was hat Weihnachten noch mit dem Christentum zu tun?

Unsere heutigen vom Konsum geprägten Feiertage stehen in beinahe keinem Zusammenhang mehr mit ihren religiösen Wurzeln

Was hat Weihnachten noch mit dem Christentum zu tun? 23. Dezember 20172 Comments

stv. Ressortleiter Popkultur

Das Glöckchen klingelt, die Kinder laufen begeistert vor den in bunten Farben strahlenden Christbaum. Eine Krippe steht am Fuße des Baumes, ein kleines Baby in einer Wiege, rundherum Mutter, Vater, vereinzelt Tiere und drei Könige. Es ist wohlig warm in dem Wohnzimmer, die Kinder reißen das kunterbunte Geschenkpapier von den verschieden großen Paketen. Wenn noch vereinzelt Lieder gesungen werden, ist es eine Qual. Dann lieber doch den X-mas-Mix legendärer US-Musiker, die über “Santa” singen. Wer ist “Santa”? Und wer ist dieses Kind in der Krippe? Warum überhaupt dieses Weihnachten?

Weihnachten — der heidnische Kult

Jedes Jahr feiern wir das Fest der Nächstenliebe. 23 Tage bereiten wir uns in Stress auf das Fest vor — ob es gelingt oder nicht, sei einfach mal dahingestellt. Wir brüten das halbe Monat darüber, wem wir was unter den Nadelbaum schleudern. Es ist eine Pflicht, der wir nachkommen müssen, und sie ist in vielen Fällen nicht mehr mit Freude verbunden. Aber warum das alles, verdammt?


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Seinen Ursprung hat das Weihnachtsfest nämlich gar nicht als Geburtstagsparty von Jesus Christus. Eigentlich ist das Fest ein heidnischer Kult, von den Ägyptern und anderen Kulturen als Wintersonnenwende zelebriert. Die Christen haben diesen Kult dann aufgegriffen und die Geburt des lebendig gewordenen Herrn als Festakt genutzt. Das sollte aber nicht ausschlaggebend sein, denn das eigentliche Ziel aus heutiger Sicht war nicht nur das Gedenken an den Messias, sondern auch das gemeinschaftliche Beisammensein.

Eine Tradition, die eigentlich wunderschön ist. Von jeher feiert man mit den Seinigen jedes Jahr ein Fest der Nächstenliebe. Isst dasselbe, feiert gleich, nur die Geschenke variieren. 2006 die Playstation 3, sieben Jahre später dann die Konsole mit der Vier. Aus dem Beisammensein mit religiösem Hintergrund wurde ein bloßes Ausschlachten der Geldtasche von Mutter und Vater. Denn Fakt ist: Jeder zehnte Österreicher hat für das Weihnachtsfest schon Schulden aufnehmen müssen. Laut dem Marktforschungsinstitut GfK wollen 65 % der Österreicher gleich viel ausgeben, wie im Jahr davor. Das sind rund 400 Euro für das Fest der Liebe.

Konsum statt Nächstenliebe

Dass der Konsumwahn mehr zur Tradition geworden ist, als das christliche Prinzip des Beisammenseins, ist eine Schande. Denn auch wenn wir in den letzten Wochen all die Schattenseiten der katholischen Kirche in Österreich beleuchtet haben, so ist das Prinzip von Weihnachten etwas Lobenswertes. Aus heutiger Perspektive ist es allerdings nur mehr eine Schnitzeljagd auf der Wiener Mariahilfer Straße.


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Wer trägt jetzt aber Schuld an dieser Entwicklung? Sicherlich ist dies den machthungrigen Konzernen in die Schuhe zu schieben. Allerdings tragen wir in unserer folgsamen und nicht reflektierfreudigen Handlungsweise stark dazu bei. Wie die Buchstaben in der Suppe saugen wir das amerikanische Ideal des glitzernden X-mas auf, das mit der Marke Coca Cola und Co. ein Bild von Konsum als einziges Ventil für Freude konstruiert und etabliert hat. Wie gesagt, mit dem eigentlichen Weltbild der Kirche hat dies nicht mehr viel zu tun. Es zieht einem die Gänsehaut auf, wenn man Kinder in der U-Bahn flüstern hört: “Und was bringt dir der Weihnachtsmann?”

Man muss sich ja nicht zwangsläufig mit dem Katholizismus und dessen Festakt identifizieren. Die Vorstellung vom Weihnachtsmann als Heilsbringer ist allerdings nicht nur absolut herabwürdigend für die in der Opferrolle im Konsumenten-Hersteller-Verhältnis, sondern schlichtweg naiv und peinlich.

Kultur- und Identitätsstiftung

In der Kirche wird der Heilige Abend anders gefeiert. Der Gottesdienst am besagten Tag ist prunkvoll, innig, aber auch lange. Der Gedanke, noch in die Kirche zu müssen, versetzt mittlerweile nicht nur die jüngeren Generationen, die unbedingt mit ihrem Playmobil-Set spielen wollen, in Angst und Bange. Dass sich der Gottesdienst in seinen Grundzügen anders gestalten sollte, haben wir bereits vorige Woche diskutiert. Die Werte, die hinter dem kirchlichen Beisammensein stecken, sollte er jedoch nicht hergeben. Denn in dem gemeinschaftlichen Zusammensein steckt der Geist der wahren Weihnacht.


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Nämlich nicht die Abfertigung in den Massenmärkten und die damit verbundene Hektik, sondern die Ruhe, die die Festtage vermitteln sollen. Das Fest im Rahmen der Familie. Diesen Rahmen haben wir zweifelsohne der Religion zu verdanken. Ganz egal, wie sehr man sich ihr besinnt und sie auslebt, diese Werte sollten es sein, die Weihnachten bestimmen. Damit wird nicht nur das eigene Wohl gefördert, sondern auch die eigene Identität und die nationale Kulturvorstellung gestärkt.

Das sollte jetzt keinesfalls so klingen, wie es bestimmte, neu amtierende Innenminister formulieren würden. Doch tatsächlich kann über das eigentliche, “richtige” Weihnachten die Symbolik unserer heimatlichen Gemeinschaft vermittelt werden: die Nächstenliebe, das freundschaftliche Zusammensein und eine Kultur der fürsorglichen Humanität.

Jeden Adventsamstag haben wir auf kultort.at einen kritisch-reflexiven Artikel über Katholizismus (in Österreich) veröffentlicht. Die vorigen drei Beiträge findet ihr hier.

Anmerkung des Autors: Aus Gründen der angenehmeren Lesbarkeit wurde auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten in diesem Kontext gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

stv. Ressortleiter Popkultur

2 comments

  1. Danke für diesen Artikel ….hat mir sehr gut gefallen …eine bitte habe ich , du könntest zwecks ausgleichender Gerechtigkeit ja auch einmal nur die weibliche Form verwenden. Schöne Weihnachten

    1. Hallo Sissi,

      Freut mich, wenn dir der Artikel gefallen hat 🙂

      Versteh nicht ganz, was du mit ausgleichender Gerechtigkeit meinst? Die Kirche aus weiblicher Perspektive analysieren? Oder das Gendern im Text?
      Denn da muss ich leider zugeben, dass ich zwecks Lesequalität von Artikeln oft bewusst darauf verzichte. Ich weiß, das mag nicht immer formal korrekt sein, aber ich finde es optisch einfach ansprechender und als Argument für Gleichberechtigung im Alltag nicht greifend.

      Ich wünsche noch erholsame Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr!

      Liebe Grüße! [JM]

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