Gesellschaft

Silvester ist komplett überbewertet

Jedes Jahr schreibt uns die Gesellschaft vor, in der Nacht von 31. Dezember auf 1. Jänner exzessiv das Neue Jahr zu feiern

Silvester ist komplett überbewertet 31. Dezember 2017Leave a comment

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Der Jahreswechsel ist wie Koriander — entweder mag man ihn oder nicht. Im Gespräch mit Freunden, Freundinnen und Bekannten stellt sich jedoch heraus, dass unglaublich viele Silvester regelrecht verabscheuen. Aber warum feiern die meisten Silvester-Hasser dann trotzdem ins neue Jahr, anstatt sich im Pyjama zu verkriechen?

Silvester ist wie Weihnachten an soziale Verpflichtungen gebunden. Die Gesellschaft schreibt uns vor, dass wir den Jahreswechsel mit einer großen Party feiern müssen. Schließlich ist nur einmal im Jahr Silvester. Den Versuch starten, diese eine Nacht zu ignorieren und wie einen normalen Sonntagabend zu gestalten, würde zudem aus mehreren Gründen kläglich scheitern.

1. Social Media

In der Facebook Timeline finden sich plötzlich Dutzende Beiträge zu Neujahrsvorsätzen, die niemanden interessieren. Für glitzernde Party-Outfits wird Werbung geschaltet, denn anlässlich des Jahreswechsels muss außerordentlich schöne Kleidung getragen werden. Sogar Instagram erinnert einen an Silvester, denn seit ein paar Tagen existieren Silvester-Sticker. Online zu sein und nicht ständig mit Silvester-Content konfrontiert zu werden, funktioniert de facto nicht.

2. Freunde, Verwandte und Bekannte

Werden fernab der sozialen Medien echte soziale Kontakte gepflegt, taucht mit Sicherheit spätestens im November die Frage auf: “Wo feierst du heuer Silvester?” Plötzlich sind wir einem sozialen Druck ausgesetzt, sich schnellstmöglich eine Party-Location zu sichern oder sich zu erbarmen und selbst ein feuchtfröhliches Beisammensein zu organisieren. Denn feiert man “nur” mit der Familie, gilt das oftmals als uncool. Wird mit neuen Freunden gefeiert, sind alte im schlimmsten Fall beleidigt oder verletzt. Ist der Beschluss gefallen, mit dem/der PartnerIn zu feiern, wirkt das sofort langweilig. Äußert man, Silvester ausfallen zu lassen und einen Abend mit Netflix und Lieferservice zu bevorzugen, könnten einem Depressionen und Einsamkeit nachgesagt werden. Und wenn schlicht noch keine Entscheidung zu wo und mit wem gefallen ist, folgt eine entsetzte Zweitfrage: “Was, wieso noch nicht? Hat dich niemand eingeladen?” Selbst wenn es erst Anfang Dezember ist.


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Alles läuft somit auf die gesellschaftliche Pflicht hinaus, bei einer großen Silvesterparty dabei zu sein — mit Hunderten von Menschen, wo einen die Hälfte nicht einmal namentlich kennt. Wenn du es aber geschafft hast, jemanden für eine Silvester-Reise außerhalb des Landes zu begeistern, dann muss es auch die richtige Destination sein. Entweder Prag, Amsterdam oder der Times Square in New York, denn wo soll Silvester bitte sonst gefeiert werden?

3. Glücksbringer und Raketen

Nur wenn das Internet seit Wochen abgedreht ist und keine sozialen Kontakte gepflegt werden, besteht die Chance, den Jahreswechsel völlig ausblenden zu können. Aber selbst beim Einkaufen von Nahrungsmitteln stechen einem die riesigen Böller oder auch die unnötigen, aber lieb gemeinten Glücksbringer ins Auge. Denn was ist schon heuchlerischer als mit dem Vorsatz, sich fortan nur gesund, bio und regional zu ernähren aber gleichzeitig Umwelt verpestendes Zeug in die Luft zu schießen? Die Presse schreibt dazu Folgendes:

Gut 90 Prozent der in Österreich gezündeten Pyrotechnik wird zu Silvester in die Luft geschossen. Laut Österreichischem Verein für Kraftfahrzeugtechnik (OEVK) werden damit innerhalb einer Nacht ähnliche Emissionswerte erzielt, wie während eines Jahres durch den Auto- und Lkw-Verkehr (ca. 400 Tonnen Feinstaub mit einem Durchmesser von weniger als zehn Mikrometern).

Somit steht fest, dass wir uns das Geld für die Raketen eindeutig sparen sollten — der Umwelt und unserer Gesundheit zuliebe. Denn die farbenfrohen Geschosse sind wegen ihrer hohen Menge an Feinstaub und Schwermetallpartikeln definitiv nicht ungefährlich. Der Geldbeutel wird es einem auch danken, ebenso die Hunde und Katzen der Nachbarschaft, die jedes Jahr massiv unter dem Lärm leiden.

Das Versagen Österreichs in Zahlen

Wahrliche Fans von Silvester, die jedes Jahr Ein echter Wiener geht nicht unter im Fernsehen ansehen, um Mitternacht zum Neujahrskonzert Wiener Walzer tanzen, in völliger Vorfreude auf das neue Jahr und all die neuen Möglichkeiten mit überteuertem Sekt anstoßen und sogar Bleigießen, werden folgende Worte nicht verstehen: Silvester ist echt scheiße.


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Nicht nur wegen der bereits genannten Gründen, die die unnötige Existenz dieser Feierei untermauern. Auch aufgrund der Vielzahl an Neujahrsvorsätzen, die ohnehin gebrochen werden und uns anschließend ein schlechtes Gewissen bereiten. Prinzipiell könnte an jedem der 365 Tage im Jahr beschlossen werden, schädliche Angewohnheiten wie beispielsweise Rauchen aufzugeben. Aber das macht niemand, weil es zu keiner anderen Jahreszeit derart propagiert wird.

Zumindest erfüllten laut einer im Jahr 2016 durchgeführten Studie ganze 21 Prozent der ÖsterreicherInnen ihre Vorsätze zum Großteil, 56 Prozent zumindest teilweise und ganze 23 Prozent warfen sie komplett über Bord.

Im Kurier heißt es hingegen, dass nur 11 Prozent ihre Vorsätze dauerhaft umsetzen und nicht in alte Verhaltensmuster zurückfallen.

Das erhoffte sich die Bevölkerung im Jahr 2016

Laut der Partneragentur Parship wollten 52 Prozent aller Frauen vermehrt “Zeit für sich”, hingegen verlangte jeder vierte Mann nach mehr “Quality Time” mit der Partnerin und 37 Prozent aller Männer für reichlicher “Me Time” — ganz im Gegensatz zum weiblichen Geschlecht. Die Steirer sehnten sich nach mehr Zeit mit der Familie und überschritten den Österreich-Durchschnitt von 42 Prozent. Den OberösterreicherInnen düngte es jedoch zu 43 Prozent nach Sport und Aktivitäten.

Was sich die österreichische Bevölkerung für 2018 erhofft, steht in den Sternen. Ein friedlicheres, menschenfreundlicheres und soziales Jahr wäre zwar erstrebenswert, aber so utopisch, wie die Abschaffung von Silvester selbst.

An dieser Stelle wird es keine “Gutes neues Jahr”-Wünsche geben, denn ein schlechtes wünscht man selbstverständlich niemanden. Gefeiert wird mit wem auch immer gefeiert werden will, und zwar dort, wo es beliebt. Selbst wenn das heißt, alleine vor Netflix, mit Heißer Schokolade und Fertigpizza. Und wenn einen doch noch die Feierlaune packt, gibt es sicher irgendwo eine Feier zum Nachkommen.

Lisa auf Twitter: @lugerblis

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

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