Gesellschaft

Neue Feindbilder in Österreich

Wie schreibt man über Politisches, ohne zu moralisieren? Ein Versuch, die eigene Perspektive und Betroffenheit über die aktuelle Situation in Österreich darzustellen, ohne Anspruch auf Überlegenheit zu haben

Neue Feindbilder in Österreich 26. Januar 20182 Comments

Redakteur

In den vergangenen Wochen wurde ein neues Regierungsprogramm in Österreich beschlossen. In diversen Foren österreichischer Zeitungen werden unzählige Kommentare abgegeben. Man debattiert über die Arbeitslosenversicherung und darüber, ob nun der kleine Mann etwas davon hat, oder nur die Armut in Österreich weiter befeuert wird. Kommentare analysieren die Maßnahmen der Regierung aus Sicht der ArbeitgeberInnen und der ArbeitnehmerInnen. Nur eine Perspektive kommt dabei immer ein wenig zu kurz: die eigene. Zum ersten Mal bin ich als junger Österreicher ganz direkt betroffen. In diesem Kommentar werden also keine kontroversen Meinungen kundgetan — die eigene Geschichte soll sprechen.

Meine Perspektive sprechen lassen

Ich will hier keine Diskussion über Flüchtlinge auslösen. Dazu sind die Fronten zu verhärtet und bei vielen Aspekten bin ich mir über meine eigene Meinung nicht im Klaren. Ich arbeite seit mehr als zwei Jahren ehrenamtlich mit Menschen mit Fluchthintergrund. Mit vielen der jungen Leute habe ich mich mittlerweile angefreundet. In letzter Zeit häufen sich die negativen Asylbescheide. Angst vor Abschiebungen ist vor allem bei den Menschen aus Afghanistan prävalent und hat sich seit Oktober noch einmal verschärft. Ohne ein Urteil darüber abzugeben, kann ich sagen: Es macht mich traurig, dass Menschen, mit denen ich so viel Zeit verbracht habe, das Land vielleicht bald verlassen müssen. Es macht mich betroffen.

In meinem Bekanntenkreis wurde und wird oft über die Einführung der Studiengebühren diskutiert. Als Student bin ich davon direkt betroffen. Ich selbst stehe diesen relativ offen gegenüber, wundere mich aber über die Absichten der Einführung. Es geht ja hier offensichtlich nicht um das Geld. Von verschiedenen Seiten hört man immer wieder, dass die Universität Wien wieder an die Spitzenplätze der internationalen Rankings geführt werden soll. Wenn man sich die Budgets der Top-Institutionen ansieht, so merkt man schnell, dass das nicht über Beiträge von 500 Euro zu finanzieren sein wird. Selbst teure US-amerikanische Universitäten — wie etwa Yale University mit Gebühren von tausenden US-Dollar — hängen von staatlichen Zuschüssen in Milliardenhöhe ab. Meine Studienbedingungen ändern sich durch die Studiengebühren nicht. Allerdings baut es mehr Druck auf. Mich betrifft´s.

Meine Freundin zog im Herbst vergangenen Jahres nach Wien, um mit mir zu wohnen und ihren Master hier zu machen. Sie ist keine EU-Bürgerin, muss also die doppelten Studiengebühren von 745 Euro pro Semester zahlen. Für sie und ihre Familie ist das kein unerheblicher Betrag. Sollten bei uns die Studiengebühren auf 500 Euro angehoben werden, muss sie 2.000 Euro aufbringen. Für uns würde das die Situation gewaltig erschweren und in unser Privatleben eindringen. Mich betrifft auch diese Maßnahme.

Ein Feind des Staates

Meine persönlichen Meinungen zu den Flüchtlingen oder den Studiengebühren sind hier irrelevant. Manche Leserinnen und Leser würden mir recht geben, andere schon von vornherein verteufeln, was ich sage. Das liegt nicht an mir, sondern an einer aufgeheizten Grundstimmung in Bezug auf diese Themen. Ich stelle hier die Betroffenheit vor die Meinung, denn über sie muss anders diskutiert werden. Man kann sie nicht moralisch einordnen.

Ich bin nicht der Einzige, der von den Maßnahmen der neuen Regierung betroffen ist. Ich fühle mich aber direkt von der Regierung angesprochen. Keine dieser Maßnahmen würde etwas in meinem Leben positiv verbessern. Daraus kann ich nur einen Schluss ziehen: Ich bin ein Feindbild geworden.

Ich bin es und Leute wie ich, die offenbar nun beschnitten werden müssen. Wenn ich heute auf der Straße gehe, fühle ich mich von der Mehrheit der Bevölkerung geächtet. Leute, die sich mit Flüchtlingen beschäftigen und dafür verantwortlich sind, dass hunderttausende Menschen zu uns gekommen sind. Leute, die seit acht Jahren studieren (obwohl ich in den meisten Semestern unter Mindeststudienzeit studiert habe und auch noch Nebenjobs angenommen habe), saugen den Sozialstaat aus und müssen beschnitten werden. Leute wie ich sind dafür verantwortlich, dass es in Österreich so viele Sorgen gibt.

Ohne die einzelnen Maßnahmen zu kommentieren, sehe ich eine ungewöhnliche Vielzahl an Angriffen auf meine Person. Ich weiß, dass ich damit weder alleine bin, noch am meisten attackiert werde. Dafür genügt ein Blick auf unser Neujahrsbaby 2018. Trotzdem geht es hier um ein generelles Gefühl, das mir in den letzten Wochen vermittelt wurde. Ich fasse mich als Problem der österreichischen Gesellschaft auf, ohne zu wissen, was ich ihr eigentlich angetan habe.

Jakob auf Twitter: @jakob_schott

[Foto: Illustration von James P. Platzer]

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