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Transferwahn im Fußball: Wie ist es so weit gekommen?

Verhältnislose Transfersummen sind im europäischen Fußball zum ganz normalen Wahnsinn geworden

Transferwahn im Fußball: Wie ist es so weit gekommen? 31. Januar 2018Leave a comment

Neymar Jr., Kylian Mbappe und Philippe Coutinho. Vor allem diese drei Namen stehen für die moderne Art des Transferwahnsinns während der Winter- und Sommertransferperioden. Zusammen gaben der FC Barcelona (Coutinho) und Paris Saint-Germain (Neymar und Mbabbe) für diese drei Spieler über 550 Millionen Euro aus. Im Fall von Neymar war die Fußballcommunity noch gespalten. Es wurde heiß diskutiert, ob der Transfer moralisch überhaupt vertretbar sei. Rund ein halbes Jahr später redet niemand mehr darüber.

Ablösesummen jenseits der 100-Millionen-Euro-Marke sind alltäglich geworden. Für die besten Vereine gelten Spieler, die im hohen zweistelligen Millionenbereich zu haben sind, als Schnäppchen. Wie ist es aber dazu gekommen? Eine kleine Reise in die Vergangenheit soll eine Antwort darauf geben.


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Pelé und Diego Maradona — das Beste, was es im alten Jahrtausend gegeben hat

Der Jahrhundertfußballer Pelé prägte eine ganze Generation an Fußballbegeisterten. Vor allem wegen seiner drei Weltmeistertitel (1958, 1962, 1970) erreichte er auf dem gesamten Globus eine Popularität, wie es kein Fußballer vor ihm geschafft hat. Neben einer äußerst erfolgreichen Nationalmannschaftskarriere war Pelé außerdem seinem Stammverein, dem FC Santos, immer treu geblieben. In 18 Spielzeiten konnte er hier sechs nationale Meisterschaften gewinnen und zwei Siege der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League, feiern. Seine letzten zwei aktiven Jahre als Profifußballer verbrachte der König des Fußballs in den USA bei New York Cosmos, welche Pelé ablösefrei verpflichteten.

Damals war die Vorstellung einer Karriere als Fußballspieler noch ganz anders geprägt. Während heute jedes Talent sofort von Top-Vereinen umworben wird, galten die Prioritäten damals dem eigenen Klub. Man schätzte die Ausbildung und das Vertrauen, das man geschenkt bekam. Das lukrative Geschäft hinter Spielertransfers stand damals nicht im Mittelpunkt. Der Fußball selbst war das Maß aller Dinge und nicht der Verein als Unternehmen, welcher auf Gewinnmaximierung aus ist.

Der Beginn, aus Fußballern eine Geldanlage zu erschaffen, kam erst wesentlich später auf. Nach den triumphalen Jahren von Pelé begann die Zeit eines gewissen Diego Maradonas. Sein damals einzigartiger Stil, in der Offensive für Furore zu sorgen, begeisterte die gesamte Fußballwelt. Bereits früh erkannten europäische Vereine das Talent des Argentiniers. 1982 wechselte Maradona für umgerechnet acht Millionen Euro zum FC Barcelona, zwei Jahre später für 13 Millionen zum SSC Napoli. Beide Male wurde er jeweils zum teuersten Spieler der Welt.

Bemerkenswert und bis heute unerreicht sind die Relationen zu anderen Transfers. Barcelona gab ungefähr zwölfmal und Neapel gar 16-mal so viel für Maradona aus, wie der jeweils zweitteuerste Transfer zu dieser Zeit. Im Fall von Maradona kann man aber von einer einzigartigen Situation sprechen, in welcher einer der besten Spieler des 20. Jahrhunderts eben eine heißbegehrte Aktie am Fußballmarkt war.

Das Bosman-Urteil

Gegen Ende Maradonas Schaffenszeit in Napoli kam es im Fußball zu einem bedeutenden Einschnitt in die Transferpolitik. Eine Geschichte, die bis heute ihre Spuren zieht — selbst wenn sie 28 Jahre später weitgehend unbekannt ist.

Jean-Marc Bosman war ein ehemaliger belgischer Fußballer. Für viele ist er wahrscheinlich kein Begriff, aber genau dieser Mann war es, der in den 90er Jahren den Profifußball (unbeabsichtigt) revolutionieren sollte.

Als nämlich sein Vertrag 1990 beim RFC Lüttich auslief, verhandelte der Spieler mit dem französischen Zweitligisten UFC Dünkirchen. Heute dürfen Profis nach dem Ablauf ihrer Verträge ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln — damals war das nicht so. Lüttich beharrte darauf, eine ansprechende Ablöse für Bosman zu erhalten, was den Transfer zum Platzen brachte. Bosman stand ohne Verein da und klagte den belgischen Fußballbund und seinen Ex-Verein.

Die Angelegenheit gelangte sogar bis zum Europäischen Gerichtshof und nach jahrelangem Kampf sprach dieser auch ein aus Bosmans Sicht positives Urteil aus. Der Belgier hatte das Recht erkämpft, im Profifußball seinen Arbeitsplatz nach Vertragsende selbst auswählen zu dürfen, was weitreichende Folgen für Fußballvereine haben sollte.

Spieler mussten langfristig an den Klub gebunden werden, damit man als Verein finanziell aus einem möglichen Abgang schöpfen konnte. Der Konkurrenzdruck durch andere Mitbewerber um den eigenen Spieler ließ die Gehälter rasant ansteigen. Weshalb auch ab dem Zeitpunkt des Bosman-Urteils ein Megatransfer nach dem anderen zustande kam.


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Was aber erst einige Jahre später deutlich wurde, war die gestiegene Macht von Spielern selbst. Diese waren sich sicher, nach dem Ende ihres Vertrages entweder mehr zu verdienen oder bei einer neuen Mannschaft spielen zu können. Vereine mussten sich also entscheiden: Zahlt man dem Spieler mehr Geld oder kassiert man eine entsprechende Ablösesumme? Für viele Talente ebnete sich ein Weg in den Reichtum, der heute ein außerirdisches Ziel erreicht hat.

Das neue Jahrtausend und der Weg ins Unermessliche

Während die Absicht von Bosman darin bestand, eine gerechte Abwicklung von Spielerverträgen durchzubringen, setzte sich im Grunde eine gegensätzliche Bewegung in Gang. Die besten Spieler und Talente wurden von Vereinen nun als Wertanlage gesehen, um in der richtigen Situation finanziell den größtmöglichen Gewinn daraus zu ziehen. Top-Vereine, die in der Lage waren, Preise für Spieler zu bezahlen, die vorher als nicht verhandelbar abgestempelt wurden, boten nun so hohe Summen, die man schlichtweg nicht ablehnen konnte.

Für Zinédine Zidane, Luis Figo und Ronaldo gab Real Madrid von 2000 bis 2002 insgesamt 178 Millionen Euro aus. Zidane war zudem mit knapp 71 Millionen der teuerste Spieler zu diesem Zeitpunkt. Real Madrid war ebenfalls für die beiden weiteren Rekordtransfers verantwortlich. 2009 verpflichtete man Cristiano Ronaldo für 94 und 2013 Gareth Bale für 100 Millionen Euro. Pro Jahr gab es seither in der Regel einen Megadeal, der die Welt in Staunen versetzte.

Doch das letzte Jahr überragt alle vorherigen Transferperioden. Im Sommer 2017 wurden in den europäischen Top-Ligen knapp drei Milliarden Euro umgesetzt. Zum Vergleich: Von 1950 bis 2000 waren es insgesamt etwa fünf Milliarden. Neymar Jr. ist mit 222 Millionen Euro der neue teuerste Spieler der Welt.


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Wohin geht die Reise? Wann kommt der nächste Rekordtransfer? Wird jemals ein Fußballer über eine Milliarde Euro kosten? Solche Fragen stellt sich die Fußballwelt in der Gegenwart. Das ganze Jahr wird spekuliert und vorausgesagt, welche Wechsel während der nächsten Transfermonate in Frage kommen.

Die Profiteure sind zum Teil die Fußballspieler selbst, die durch Millionenverträge ausgesorgt haben. Außer Jean-Marc Bosman — derjenige, der das Ganze überhaupt erst ermöglicht hat. Heute ist er nämlich arbeitslos und lebt von der Sozialhilfe.

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