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Der paradoxe Aufstieg von Gudrun Kugler

Still und heimlich hat es die strenggläubige Katholikin als ÖVP-Sprecherin für Menschenrechte in den Nationalrat geschafft

Der paradoxe Aufstieg von Gudrun Kugler 7. Februar 20182 Comments

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Kugler ist ein Phänomen — nicht im modernen Sinne. Ein Phänomen, das es trotz erzkonservativen Ansichten als Abgeordnete in den österreichischen Nationalrat geschafft hat. Kugler versteht sich selbst als Vertreterin von Menschenrechten, obwohl berechtigte Zweifel an ihrer Eignung als ÖVP-Sprecherin für Menschenrechte existieren.

Die gebürtige Oberösterreicherin hat Recht und Frauenrecht studiert und promovierte im internationalen Recht. Sie war längere Zeit in Brüssel tätig und schaffte 2015 — aufgrund eines erfolgreichen Vorzugsstimmenwahlkampfes — den Einzug in den Wiener Gemeinderat und Landtag. Vergangenes Jahr folgte der Sprung in den Nationalrat.

Gegen die gleichen Rechte von Homosexuellen

Der 15. Dezember 2017 dürfte für Kugler ein beklemmender Tag gewesen sein — für die meisten jedoch ein glorreicher. Die Homo-Ehe wurde vom Verfassungsgerichtshof für 2019 beschlossen. Kugler ist eindeutig gegen die gleichen Rechte von Homosexuellen. In einem Magazin des Mittelschul-Kartell-Verbandes schrieb sie laut Standard, dass die Homo-Ehe “unweigerlich zu Erweiterungen” wie der “Ehe unter Geschwistern” führe.

Diese absurde Aussage deutet eine baldige Öffnung der Ehe für enge Blutsverwandte an, die aus legitimen und vor allem gesundheitlichen Gründen niemals kommen wird. Zudem fordert die geborene Oberösterreicherin, dass christliche Standesbeamte eingetragene Partnerschaften aus Glaubensgründen ablehnen dürfen.

Kuglers konservative Denkweise gegenüber Homosexuellen ist aber kaum die einzige, die nicht unbedingt dem 21. Jahrhundert entspricht. Auch Frauenrechte sieht die vierfache Mutter anders, als viele der Bevölkerung.

Exkludieren Menschenrechte Frauenrechte?

Kugler ist strikt gegen Abtreibungen. Ein Recht, für das Frauen weltweit aus guten Gründen und seit Jahrzehnten kämpfen. Österreich ist nicht Polen, Ungarn, Tschechien oder die Slowakei, wo Frauen teils illegale Abtreibungen bei dubiosen Quacksalbern durchführen müssen, um nicht von der Gesellschaft ausgestoßen zu werden.


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Weiters vergisst Kugler, dass viele Frauen aus ökonomischen Gründen abtreiben. Sie können sich kein Kind leisten, wurden vom Kindsvater im Stich gelassen oder wollen schlicht kein Kind in die Welt setzen, dem sie nichts bieten können. Der derzeit politische Kurs zieht zudem nicht auf die Unterstützung von Alleinerziehern ab, sondern auf wohlhabendere Familien und jene der Mittelschicht.

In Oberösterreich müssen Eltern mit dem 1. Februar 2018 Gebühren für die Nachmittagsbetreuung beitragen. Je nach dem Einkommen der Familie und der Anzahl der gewünschten Nachmittage müssen nun zwischen 21 und 110 Euro pro Monat gezahlt werden — für Alleinerzieher oftmals keine geringe Summe.

Zudem wurden die Kindergartenförderungen gekürzt. Auch vom Familienbonus profitieren nicht alle. “Von den etwa 200.000 Alleinerziehern verdienen laut Finanzministerium 60.000 nicht genug, um überhaupt steuerpflichtig zu sein. Für sie gibt es daher auch keinen Steuerbonus”, so Die Presse.

Maria Stern, Frauensprecherin und Vizeobfrau der Liste Pilz, äußert sich zu Kugler:

Dass Frau Kugler die Meinung vertritt, dass die höhere Geburtenrate autochthoner Mütter die sozialstaatliche Notwendigkeit des Zuzuges aus dem Ausland unterbindet, zeigt ihre bedenkliche Nähe zur FPÖ. Hier verknüpft die ÖVP Nationalratsabgeordnete elementare Rechte mit fremdenfeindlichen Positionen, was derzeit zwar en vogue aber definitiv nicht von frauenrechtlicher Relevanz ist.

Religion und Politik — die ewige Frage

Vor über zehn Jahren war an religiöse Themen in der Politik nicht zu denken. Freiheit, Bildung und Demokratie breiteten sich aus, die (christlichen) Kirchengänger wurden immer weniger. Doch jetzt erlebt der Katholizismus einen Aufschwung, nicht nur durch Kugler. Immer mehr europäische Politikerinnen und Politiker versuchen, die katholische Kirche verstärkt in die Politik einzubringen.


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“Ich gelobe, so wahr mir Gott helfe.” Mit diesen Worten wurde Kugler am 9. November 2017 Nationalratsabgeordnete. Warum sie sich für diese Worte entschieden hat, erklärt sie auf ihrem Blog. Sowohl der dritte als auch der vierte Punkt sind hier besonders kritisch zu beäugen:

3. An Gottes Segen ist alles gelegen. Die religiöse Beteuerung ist eine Anerkennung der eigenen Grenzen. Es wäre arrogant zu sagen, dass wir Ihn nicht brauchen!

4. In anderen Ländern ist eine religiöse Beteuerung selbstverständlich: Auch uns tut mehr Offenheit zu Religion in der Öffentlichkeit gut.

Brauchen wir wirklich Religion, um Politik zu machen? Um die Demokratie zu verteidigen? Kugler meint ja.

In Zeiten, wo immer wieder Kindesmissbrauchsfälle durch Geistliche bekannt werden und die Kirche nicht geschlossen der Verwendung von Verhütungsmitteln zustimmt, können wir nicht mehr sagen, dass die katholische Kirche gut ist.

Der Posten als Sprecherin für Menschenrechte impliziert die Aufgabe, sich für Menschen allerlei Religionsbekenntnissen einzusetzen. Doch bei einer derart hohen Überzeugung der katholischen Kirche, wie Kugler sie besitzt, ist eine adäquate Interessenvertretung von Muslimen, Juden und Atheisten schwer vorstellbar.

Politikerin, Katholikin und Autorin

Kugler hat einige Bücher geschrieben, die sich unter anderem mit der Partnerschaftssuche von Katholiken befassen. Auch die erste katholische Heiratsplattform im deutschen Raum hat die konservative Politikerin initiiert. Auf dieser lassen sich Erfolgsgeschichten lesen, wie heterosexuelle Katholiken zueinandergefunden haben. Gemeinsame Kirchenbesuche, Heiraten nach einjähriger Bekanntschaft, ein Kennenlernen auf Wallfahrten — mit Gottes Hilfe scheint die Partnersuche einfacher als auf Tinder.

Zugegebenermaßen, Kugler hat schon viel erreicht. Ob der Glaube ihrem Posten als Menschenrechtssprecherin der ÖVP im Weg steht, ist allerdings aus guten Gründen anzuzweifeln. Menschenrechte inkludieren Frauenrechte und Rechte für Homosexuelle. Sie sollten das Ziel der Gleichstellung aller Geschlechter mit sämtlichen Sexualitäten und Migrationshintergründen haben.


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Auf ihrer Homepage fragt Kugler, ob es Österreich angesichts der Migrationsbewegungen schaffen wird, die Gleichberechtigung von Mann und Frau aufrechtzuerhalten.

Auch wenn wir uns im Jahr 2018 befinden, ist eine gänzliche Gleichstellung von Mann und Frau in Österreich noch weit entfernt. Unterschiedliche Gehälter für denselben Job, die Seltenheit von Frauen in Führungspositionen und das Missverstehen von Feminismus sind nur einige Gründe, warum es Gleichstellung erst in einigen Jahrzehnten — wenn überhaupt — geben wird.

Es ist daher lachhaft, von einer Gleichberechtigung von Mann und Frau zu sprechen und anschließend eine Zerschlagung dieser zu befürchten.

Im Großen und Ganzen darf sich gefragt werden, ob es Kugler nicht beim Schreiben von Partnerschaftsbüchern belassen hätte sollen. Damit wäre mehr Menschen eine Freude gemacht als jetzt, wo sie den Rückschritt Österreichs in das 20. Jahrhundert fördert.

Lisa auf Twitter: @lugerblis

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

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