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Österreich im Cannabidiol-Rausch

In Österreich darf Hanf verkauft und konsumiert werden — wenn der Grenzwert stimmt

Österreich im Cannabidiol-Rausch 9. Februar 2018Leave a comment

stv. Chefredakteurin, Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Cannabis hat viele Verfechter, denn der Pflanze wird eine medizinische Wirkung nachgesagt. Unter anderem soll sie auf den Körper schmerzlindernd, entkrampfend und entzündungshemmend wirken. Verantwortlich dafür ist der Bestandteil Cannabidiol (CBD), der im Gegensatz zu Tetrahydrocannabinol (THC) kaum psychoaktive Substanzen enthält und somit nicht “high” macht.

CBD ist in Österreich legal zu erwerben, da es einen THC-Wert von unter 0,3 Prozent hat und somit nicht dem Arznei- und Suchtmittelgesetz unterliegt. Seit diese Grauzone im Herbst 2015 entdeckt wurde, ist ein regelrechter Trend um die legale Graspflanze entstanden. Wir von kultort.at haben uns mit einem Coffeeshop-Besitzer und einer CBD-Konsumentin getroffen, um mit ihnen über diesen Boom zu sprechen.

Die Marktlücke Cannabidiol

Coffeeshops sprießen derzeit österreichweit aus dem Boden. Vorreiter ist das Einzelunternehmen CBD Cartell, das im Sommer 2017 in Wolfsberg, Kärnten den ersten Coffeeshop Österreichs eröffnete. Mittlerweile ist das Unternehmen zu einer Franchise avanciert, mit weiteren Standorten in Villach, Klagenfurt, Graz und seit Kurzem auch in Wien. Weitere Standorte sind bereits in Planung.

Daniel Lackner

Daniel Lackner ist einer dieser Shop-Besitzer. Im November 2017 hat er in der Liechtensteinstraße im 9. Wiener Gemeindebezirk seine CBD-Cartell-Franchise GREEN WIEN eröffnet. Der 25-jährige Umwelt- und Bioressourcenmanagement-Student sieht im Verkauf eine Marktlücke und die Möglichkeit, einen naturbezogenen Job auszuüben, mit dem er Menschen vielleicht sogar helfen kann.

Studierende als Publikum

Angeboten werden in seinem Shop Blüten aus Indoor- und Outdoor-Anbau, verschiedene Hash-Sorten, aber auch CBD in Öl- und Pastenform. Besonders stolz ist Lackner auf den hohen CBD-Gehalt seiner Blüten (bis zu 16,3 Prozent) und dass diese eigens vom CBD-Cartell in Völkermarkt, Kärnten angebaut werden. Zu seinen Kunden zählen hauptsächlich junge Leute — meistens Studierende, ältere Personen sind die Ausnahme. “Ich schätze, das hängt zum einen damit zusammen, dass das Wissen um CBD noch nicht weitverbreitet ist, und zum anderen damit, dass Ältere noch eher dazu neigen, Hanf mit etwas Illegalem zu assoziieren”, meint Lackner. Generell sind die Reaktionen auf den Shop aber sehr positiv. Die Kunden sind neugierig und freundlich.


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Bislang hält sich Österreich an die EU-Gesetze im Bezug auf CBD. Dies könnte sich allerdings jederzeit ändern. Wird Cannabidiol in die Liste der Suchtmittel aufgenommen, wird alleine der Besitz strafbar. Angst vor solch einer Gesetzesänderung hat Lackner aber nicht. “Ich glaube eher, dass die positiven Erfahrungen mit CBD durchaus auch zu einer Legalisierung von THC-haltigem Gras führen könnten.” Einzige Sorge des 25-Jährigen: Dass der Verkauf, der derzeit als freies Gewerbe ausgeübt werden kann, auf Apotheken beschränkt wird. “Natürlich hoffe ich, dass die Lage so bleibt, wie sie ist, und ich weiterhin mit dem CBD-Cartell zusammenarbeiten kann.”

CBD als Therapiemittel

Cannabidiol-Medikamente sind trotz ihres wissenschaftlich belegten schmerzlindernden Effekts international umstritten. Etwas, das die 28-jährige Birgit überhaupt nicht verstehen kann. Die junge Frau leidet an einem schweren Verlauf der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose (MS), bei der die körpereigenen Immunzellen das zentrale Nervensystem angreifen. Die Folgen sind unter anderem Gleichgewichtsstörungen, Muskelschwäche, abnorme Müdigkeit bis hin zur Querschnittslähmung — all das geht einher mit großen Schmerzen. Aufgrund der vielen verschiedenen Symptome und Verläufe wird die Krankheit auch als “Krankheit mit den 1.000 Gesichtern” bezeichnet.


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Seit drei Jahren kämpft Birgit nun damit: “Bei mir ging alles relativ schnell. Mit 25 hab ich die Diagnose bekommen, zwei Jahre später war ich aufgrund meiner Schmerzen nicht mehr in der Lage, arbeiten zu gehen oder mich um meine Tochter zu kümmern. Ich habe mich so unfähig gefühlt.”

Durch Recherchen wurde sie schließlich auf CBD in Ölform aufmerksam. “Zuerst hatte ich ein bisschen Angst davor, aber letztendlich habe ich mir gedacht, dass es nicht mehr schlimmer werden kann und ich es einfach ausprobieren sollte.” Und tatsächlich: Es half der jungen Mutter! “Ich habe zwar nach wie vor Schmerzen, diese sind aber nicht mit denen vorher zu vergleichen. Das CBD hat mir einiges an Lebensqualität wiedergegeben — und das ohne die ganzen Nebenwirkungen, die die Chemiekeulen hatten, die ich davor schlucken musste.”

Antonia auf Twitter: @isleofbookx

stv. Chefredakteurin, Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

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