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‘Metapedia’ — die neonazistische Enzyklopädie

Nach Jahren hat es Österreich nicht geschafft, den Zugang zum rechtsextremen Doppelgänger von ‘Wikipedia’ zu sperren

‘Metapedia’ — die neonazistische Enzyklopädie 12. Februar 2018Leave a comment

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Die ersten Referate von Kindern und Jugendlichen werden bis heute mithilfe der Online-Enzyklopädie Wikipedia erstellt. Nur wenige Webseiten enthalten so viel Wissen und legen den Grundstock für die ersten “wissenschaftlich fundierten” PowerPoint-Präsentationen. Doch was passiert, wenn junge Menschen statt Wikipedia plötzlich Metapedia benutzen und das dort vermittelte Wissen als Wahrheit anerkennen?

Rechtes Gedankengut getarnt mit “Wikipedia-Maske”

Metapedia ist eine Online-Enzyklopädie, die im ersten Moment seriös erscheint. Auf den zweiten Blick ist jedoch klar, dass es sich hier um eine Webseite handelt, die rechtsradikale Inhalte, Verschwörungstheorien und Lügen verbreitet.

Laut dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) ist Metapedia klar dem neonazistischen Spektrum zuzuordnen. Der Eintrag über Adolf Hitler unterstreicht diese Feststellung. Hitler wird als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts beschrieben, dessen Person bis heute als faszinierend befunden wird — von negativen Taten Hitlers ist nicht die geringste Rede. Laut Metapedia sei Hitler nicht am 30. April 1945 gestorben, sondern mit einem Flugzeug nach Barcelona geflüchtet.

Auf dieser Seite nimmt die Glorifizierung Hitlers schlicht kein Ende. Von der Erwähnung der damaligen Wahl der New York Times zum “Mann des Jahres 1938” bis hin zum Download von “Mein Kampf“ als Hörbuch — eine Scheußlichkeit jagt die nächste.


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Bei der Google-Suche des Wortes “Holocaust” ist Metapedia auf der zweiten Seite der Ergebnisse vertreten. Weitaus besser im Ranking ist die Suche des Wortes “Österreichische Republik”, denn bereits das dritte Ergebnis führt zu Metapedia und suggeriert dadurch Seriosität und Vertrauenswürdigkeit. Eine Verwechslung ist somit nicht unwahrscheinlich.

Rassismus und Antisemitismus

Der Holocaust wird auf Metapedia gezielt dementiert:

Mit dem Begriff Holocaust (alternativ Shoah) verbindet man im Shoaismus die insbesondere in der BRD durch Strafrecht, Medien und pädagogische Einwirkung reglementierte Vorstellung von einer geplanten und industriell durchgeführten Vernichtung von sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten in den Jahren 1942 bis 1945.

Das Zitat ist nicht nur verblendet, pietätlos und falsch, sondern in Österreich und Deutschland ein Straftatbestand aufgrund des § 3 des Verfassungsgesetzes. Genau wegen diesem Paragraphen, der sich auf das Verbotsgesetz bezieht, dürfte Metapedia in Österreich längst nicht aufrufbar sein.

Wieder ins Gespräch kam die rechte Enzyklopädie erst vor ein paar Tagen, da die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) Anzeige erstattete. Grund war der neu erstellte Beitrag über eine Gänserndorfer Gemeinderätin, Gudrun Quirin.

Auf Metapedia wird Quirin als “Aktivistin der oft gewalttätigen Antifa” und “fünffache Mutter” bezeichnet, die sich für “islamische Masseneinwanderung und somit Umvolkung ausspricht”. Bei einer Google-Suche erscheint der Eintrag nach wie vor als Erster. Quirin besteht auf die Privatsphäre ihrer Kinder, unter anderem aus diesem Grund kam es zur Anzeige gegen die neonazistische Webseite.

Betreiber von Metapedia war am Akademikerball

Der Betreiber der Seite, ein rechtsextremer Aktivist namens Daniel Friberg, war Standard zufolge 2014 Gast am Akademikerball, der seit 2013 jährlich von der FPÖ organisiert wird und früher unter dem Namen WKR-Ball bekannt war. Auf Fribergs Twitter-Account sind nicht nur rechtspopulistische Inhalte zu finden, sondern auch frauenfeindliche. Weiters kommt es zu Diskussionen über die jüdische Herkunft großer Medienmacher der USA.

Was neben rechtspopulistischen und den Holocaust verleugnenden Inhalten auf Metapedia ins Auge sticht, ist die Auswahl der Fotos zu den Beiträgen. Linke Politikerinnen und Politiker sind unvorteilhaft abgebildet, während bei rechten eher sympathische Bilder zu sehen sind.


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Es ist schwer vorstellbar, dass Seiten wie Metapedia in Österreich immer noch aufrufbar sind und menschenfeindliche Inhalte so ihre Verbreitung finden. Die strafrechtliche Verfolgung der Betreiber ist maßgeblich vom Ort der Server erschwert, denn diese befinden sich in Schweden. Dort existiert bis dato kein Verbotsgesetz.

Äußerst bedenklich ist zudem, dass es immer wieder zu Zitationen von Metapedia seitens FPÖ-nahen Medienportalen wie unzensuriert.at kommt. Auch der Pressesprecher von Vizekanzler Heinz-Christian Strache zitierte erst unlängst die neonazistische Enzyklopädie.

Im Nachhinein wird sich zwar für die Verwendung entschuldigt, auf eine Verbannung von Metapedia aus dem Netz wird seitens der FPÖ allerdings nicht gepocht.

Lisa auf Twitter: @lugerblis 

[Foto: Screenshot via Twitter]

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

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