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Die letzten zehn Jahre des ÖFB: Eine kritische Analyse

Wir lassen die letzte Dekade des österreichischen Nationalteams Revue passieren

Die letzten zehn Jahre des ÖFB: Eine kritische Analyse 14. Februar 2018Leave a comment

Ressortleiter Sport

Diesen Sommer jährt sich die Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land zum zehnten Mal. Zehn Jahre ist es her, dass Ivica Vastic uns für einen klitzekleinen Moment hat vergessen lassen, wie miserabel der österreichische Fußball im Jahr 2008 war. 2018 findet sich unser Nationalteam in einer vergleichbaren Situation wieder.

Mit einer im Nachhinein beinahe grotesk wirkenden Zuversicht und Euphorie gingen wir sowohl 2008 als auch 2016 in die Europameisterschaft, verließen diese nach drei Spielen enttäuscht und qualifizierten uns damals wie heute nicht für die anschließende Weltmeisterschaft. Und doch hat der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) im letzten Jahrzehnt einen enormen Schritt getan.

Wir blicken zurück auf eine Dekade der Höhen und Tiefen, der Erfolge und bitteren Enttäuschungen. Ein Jahrzehnt, das uns in Selbstmitleid baden ließ und uns zu Tränen der Freude rührte.

Die 1987/88er-Jahrgänge

Eines der skurillsten Highlights der Europameisterschaft 2016 in Frankreich war definitiv Peter Hackmair. Seine Seitenlinien-Analysen beanspruchten die gesamte Emotionspallette — ob man nun tiefen Hass, offene Wut, belustigte Schadenfreude oder ein wenig Mitleid verspürte, Mehrwert zog wohl niemand daraus. Doch reisen wir einige Jahre zurück — ins Jahr 2007 —, so finden wir den Blondschopf inmitten einer Truppe von Jugendlichen, die ihr Land unheimlich stolz machen sollte. Peter Hackmair war Teil des U20-WM-Kaders, der in Kanada den sensationellen vierten Platz erreichte.


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Das Turnier war geprägt von Spielern, die später auf den größten Bühnen des europäischen Fußballs alle Aufmerksamkeit auf sich zogen. Bei den siegreichen Argentiniern standen Angel Di Maria, Sergio Agüero und Ever Banega am Feld, bei Spanien Gerard Piquet, Javi Martinez und Juan Mata. Für Brasilien liefen Marcelo, David Luiz und Willian auf, bei Uruguay Edinson Cavani und Luiz Suarez und Japan hatte Shinji Kagawa in den Reihen. Angeführt von Kapitän Sebastian Prödl kämpften sich die jungen Österreicher bis ins Halbfinale, wo man gegen die Tschechische Republik ausschied.

Zum ersten Mal seit längerer Zeit konnte man einen rot-weiß-roten Jahrgang als “Goldene Generation” bezeichnen. Prödl spielte sich bei Sturm Graz ins Rampenlicht und schaffte den Sprung in die Deutsche Bundesliga zu Werder Bremen, einige Jahre später folgte ihm Zlatko Junuzovic zu den Hanseaten. Auch Erwin Hoffer schaffte einen Karrieresprung und engagierte sich beim SSC Napoli. Neun Spieler der Jahrgänge 1987/88 brachten es bis heute mindestens auf ein Spiel für die A-Nationalmannschaft, einige wurden zu Schlüsselspielern und zum Kern des Teams.

Die Europameisterschaft 2008

Leider kam diese Generation ein bisschen zu spät beziehungsweise die EURO im eigenen Land zu früh. Neben Prödl schafften zwar auch Erwin Hoffer und Martin Harnik den Sprung in den A-Kader, zu echten Leistungsträger konnten sie aber noch nicht heranreifen.

Wirklich überraschend war das dürftige Abschneiden der Truppe von Josef Hickersberger eigentlich nicht. Der Kader war schlichtweg zu schwach, um wirklich konkurrenzfähig zu sein. Nur zehn Legionäre waren im Aufgebot — 2016 spielten alleine in der Deutschen Bundesliga zwölf Österreicher und nur Robert Almer in der heimischen bei Austria Wien.

Ich habe vielleicht nicht die besten Spieler Österreichs nominiert, sondern mich bemüht, die Richtigen auszuwählen.
— Josepf Hickersberger zur Kritik an seiner Kaderwahl

Dass es Namen wie Jürgen Patocka, Martin Hiden, Markus Katzer und Ronald Gercaliu 2008 zur EM schafften, ist bis heute verblüffend. Ein Weiterkommen wäre ein kleines Wunder gewesen. In typisch österreichischer Manier wurde die schockierende Realität allerdings ignoriert und die gesamte Schuld in die Schuhe des Trainers geschoben. Auf Hickersberger folgte der Tscheche Karel Brückner.

Der falsche Mann für den Neuanfang

Unter Brückner sah es zunächst nach einem Umschwung aus. In einem freundschaftlichen Testspiel erkämpfte das Team ein starkes 2:2 beim Weltmeister Italien und startete mit einem beeindruckenden 3:1-Sieg gegen Frankreich in die WM-Qualifikation. An diese Leistungen konnte das ÖFB-Team in weiterer Folge nicht mehr anschließen. Mit einem peinlichen 1:1 gegen die Färöer erlebte der Negativlauf einen absoluten Höhepunkt, die Chancen auf eine Qualifikation waren bereits Anfang 2009 so gut wie gestorben.

Von Medien und Fans öffentlich zerfleischt kam Brückners Entlassung durch Neo-ÖFB-Präsident Leo Windtner nach nur sieben Monaten wenig überraschend.

Es ist schade, dass man noch immer nicht alle Bundesligatrainer kennt, obwohl man schon so lange in Österreich weilt.
— Kapfenberg-Trainer Werner Gregoritsch über Karel Brückner

Kritikpunkte am Tschechen waren demonstratives Desineteresse am österreichischen Fußball — so war er nur sehr selten bei Bundesligapartien anzutreffen — und kein wirklicher Draht zu seinen Spielern. Selbst wenn man diesen Vorwürfen durchaus etwas Wahres abgewinnen kann, so lag der Misserfolg am selben, alten Problem. Es fehlte immer noch an Kaderqualität.

Ohne Früchte zu tragen kann man Brückners Engagement dennoch als Beginn eines Generationenwechsels sehen. Mit Vastic hängte der letzte Mann aus dem WM-Kader 1998 die Stoppler an den Nagel und auch die “Ü-Ü-Ümit”-Rufe für den sympathischen Korkmaz sollten mit dem Ende der Europameisterschaft verstummen.

Spieler wie Joachim Standfest und auch Kapitän Andreas Ivanschitz spielten immer kleinere Rollen. Der 19-jährige Marko Arnautovic, der mit Twente Enschede wie aus dem Nichts die niederländische Liga eroberte, gab hingegen sein Debüt für das Nationalteam.

Frischer Wind oder trainerliche Willkür

Wirklich umgekrempelt wurde das Nationalteam dann unter Didi Constantini. Alles was zu alt oder unerfolgreich war, wurde schonungslos aussortiert. Der Streit zwischen Constantini und Ivanschitz — mit der Nichteinberufung des Letzteren zur Folge — stand sinnbildlich für den Plan, einen richtigen Neustart zu versuchen.

Ich baue auf andere Spieler.
— Dietmar Constantini schließt eine Wiedereinberufung Ivanschitz’ aus

Der Innsbrucker rochierte, probierte und gab so circa allen jungen (mehr oder weniger) vielversprechenden Kickern ihre Chance, sich zu beweisen. Das Grazer Bubi-Duo Beichler-Jantscher durfte sich ebenso versuchen wie Aleksandar Dragovic, Julian Baumgartlinger und Yasin Pehlivan. Großteils Spieler, die erst wenige Einsätze in der heimischen Liga in den Beinen hatten.


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Wann feuert man den Feuerwehrmann?

Von vielen konservativen Fans als übertrieben und willkürlich verrufen, sollte sich der Mut des gelernten Feuerwehrmannes anfangs auszahlen. Für die Weltmeisterschaft konnte man sich zwar nicht mehr qualifizieren, ein Aufwärtstrend war aber zu erkennen. Das Nationalteam bereitete endlich wieder ein bisschen Freude.

Im letzten Spiel der Qualifikation gegen Frankreich ließ der Tiroler in typischer Constantini-Manier einen blutjungen Spieler debütieren. David Alaba war mit 17 Jahren der Jüngste, der sich je das österreichische Trikot überstreifen durfte.

Nachhaltig konnte die waghalsige Nomminierungspolitik neuen Schwung ins Team bringen, doch Constantini selbst gelang es nur, das Fundament zu legen. Im Stile eines wahnsinnig gewordenen Königs, der mit seiner Macht umzugehen verlernt hatte, wurden die Entscheidungen des Teamchefs immer dubioser, zwischenmenschliche Probleme mit Spielern immer häufiger.

Ein richtiger Plan existierte allerhöchstens in Constantinis Kopf, wobei selbst das schwer anzuzweifeln ist. Die Art und Weise, wie ihn ganz Fußball-Österreich an den Pranger stellte, hat Didi Constantini nicht verdient. Bedauert hat seinen Abgang nach drei Jahren, einer abermals verpassten Qualifikation, 23 Spielen und 13 Niederlagen aber keiner.

Ein Schweizer muss es richten

Marcel Koller, schon vor Antritt von Toni Polster, Herbert Prohaska und Co. als Fehler eingestuft, übernahm die talentierteste ÖFB-Mannschaft des bisherigen Jahrtausends, darin besteht kein Zweifel. Richtig gut war die Stimmung aber nicht, das Selbstvertrauen war nach dem Fiasko um das Ende der Constantini-Amtszeit angeschlagen.

Kollers Devise stand in großem Kontrast zu der seines Vorgängers. Von Anfang an setzte er auf Kontinuität, schnell kristallisierte sich ein enger Mannschaftskern heraus und das Team formte sich bald zu einer homogenen Truppe. Auf der Strecke blieb nur Paul Scharner (womit Koller sofort meine Sympathie gewinnen konnte), dessen chronische Selbstüberschätzung endlich kein Thema mehr für das Nationalteam war.

Paul Scharner als Kaderspieler wird es nicht geben, denn ich kann der Mannschaft nur helfen, wenn ich fix spiele.
— Paul Scharner über Paul Scharner

Zu den wichtigsten Stützen zählten unter anderem die Helden der U20-WM in Kanada. In Arnautovic hatte man zudem einen potenziellen und in David Alaba einen tatsächlichen Superstar. Der Schweizer Taktikfuchs belehrte mit seiner Mannschaft sämtliche Kritiker, schaffte sofort einen Aufwärtstrend und scheiterte nur knapp in der WM-Qualifikation für Brasilien 2014.

Mit starkem Pressing und Initiativenergreifung auch gegen stärkere Gegner wurde aus einer passiven Mannschaft, die nur auf Schadensbegrenzung reduziert war, ein konkurrenzfähiger Anwärter auf einen Startplatz bei Großereignissen. An Grenzen stieß man zunächst als spielstärkeres Team. Während das eigene Pressing vorzüglich funktionierte, war die spielerische Klasse noch zu unreif, bekam man es selbst mit gegnerischem Pressing zu tun.

Der Weg an die Spitze

Dann kam die Qualifikation für die EURO 2016. Einen starken Liebesbeweis setzte Koller, indem er ein Angebot des Fußballverbands seines Heimatlandes ablehnte und sich für unsere Nationalmannschaft entschied. Ein Indiz dafür, wie eingeschworen und harmonisch die gesamte Mannschaft zu diesem Zeitpunkt war.

Mit einem unglücklichen 1:1 am ersten Quali-Spieltag gegen Schweden verlor man zwei Punkte — die letzten beiden auf dem Weg zur Endrunde. Konnte man spielerisch nicht in jedem Spiel überzeugen, so war vor allem der Kampfgeist beeindruckend. Das ganze Team glaubte an die Teilnahme und schien in keinem Moment wirklich daran zu zweifeln.

Zwei vorentscheidenden 1:0-Siegen gegen Russland folgte dann das beste Spiel, das ich jemals von einer österreichischen Nationalmannschaft miterleben durfte. Beim 4:1 in Schweden war Österreich von Anfang an um Klassen besser. Das Vertrauen in die eigenen Stärken und die Kaltschnäuzigkeit war einzigartig.

Ich denke, wir schreiben Geschichte damit […] Wir sind einfach eine Familie, das ist das Wichtigste.
— Marko Arnautovic nach dem Sieg in Schweden

Mit breiter Brust fuhr man nach Frankreich, um einen weiteren Meilenstein in der Geschichte des ÖFB zu setzen — das dachten sich zumindest die euphorischen Fans zu Hause vor dem Fernseher.

Das Ende der Koller-Ära

Alles andere als selbstbewusst ging Österreich in das erste EURO-Spiel gegen Ungarn. Der deutlich schwächer einzustufende Gegner schaffte es, unsere Elf auf sein nicht sehr anschauliches Niveau zu ziehen, konterte das ÖFB-Team eiskalt aus und besiegelte schon am ersten Spieltag den Anfang vom Ende.

Einer ergebnistechnisch erfolgreichen Abwehrschlacht gegen Portugal folgte das bittere Aus gegen wild entschlossene Isländer. In der zweiten Halbzeit des dritten Matches waren erstmals Ansätze des Quali-Österreichs zu sehen — leider zu spät, unser Team wurde auf die unangenehmste Art und Weise zurück auf den Boden der Realität geworfen.

Wir haben in drei Spielen nur eine Halbzeit so gespielt, wie wir es können, das reicht halt nicht.
— Marcel Koller nach dem EURO-Aus

So gut Marcel Koller dem ÖFB getan hatte, seine Zeit war nach der Europameisterschaft eigentlich schon vorbei. Zu sagen, die Qualifikation für die anstehende Weltmeisterschaft hätte ein anderer Trainer geschafft, wäre respektlos, doch unter Koller konnte das Frankreich-Trauma nicht abgelegt werden.

Die ohnehin schon präsente Unsicherheit im Spiel der Österreicher wurde durch medialen und öffentlichen Druck noch zusätzlich verstärkt. Wiederholte Unentschlossenheit in der ÖFB-Leitung vergeigte ein Jahr, in dem der bitter notwendige Umbruch nach 2016 hätte stattfinden können. Verzögert, aber eben nicht vermeidbar trennte man sich Ende 2017 vom Schweizer.

Eine rosige Zukunft?

Genauso übertrieben wie die Erwartungen vor der vergangenen Europameisterschaft ist die allgemein pessimistische Haltung gegenüber der aktuellen Situation des Teams. Ja, Koller ist mit seiner Philosophie an eine Grenze geraten, die zu durchbrechen er nicht im Stande war. Ja, die Qualifikation war alles andere als gelungen. Heute kann man aber zurecht sagen, dass mehr möglich war. Eine Behauptung, die vor zehn Jahren höchst anmaßend gewesen wäre.

Österreich hat in Franco Foda einen gestandenen Trainer, der nicht nur Erfolge wie den Meistertitel 2011 mit Sturm Graz vorzuweisen hat, sondern wie sein Vorgänger über taktisches Verständnis und Intelligenz verfügt. Das Spielermaterial, das ihm zur Verfügung steht, ist weiterhin vielversprechend und auch die Nachwuchshoffnungen werden nicht weniger. Spieler wie Michael Gregoritsch, Valentino Lazaro und Marcel Sabitzer könnten die mittelfristige Zukunft sichern.

Die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern. Immer mehr schaffen in Deutschland den Sprung in den Bundesliga-Kader — zuletzt unterschrieb Christoph Baumgartner seinen ersten Profivertrag in Hoffenheim. Meldungen, wie jene der Verpflichtung des 16-jährigen ÖFB-Talents Thierno Ballo durch den FC Chelsea, häufen sich ebenfalls. Hinzu kommt, dass David Alaba, der aktuelle Star im Team, ins perfekte Fußballeralter kommt und noch viele Jahre auf Top-Niveau vor sich hat.


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Die aktuellen Aussichten lassen hoffen, dass Österreich noch nicht am Zenit der Entwicklungsphase angelangt ist und die Qualifikation für Frankreich keine Ausnahme bleiben wird, auf die wir in zehn Jahren immer noch nostalgisch zurückblicken. Eine Qualifikation zur zweiten Europameisterschaft in Folge scheint durchaus realistisch. Vorbilder wie Belgien einzuholen sollte in der nächsten Dekade das Ziel sein, sodass wir den Satz “Dafür sind wir gut im Skifahren” endgültig ad acta legen können.

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

[Foto: Manfred Werner – Tsui/Wikimedia Commons (Koller)/CC BY-SA 3.0/Michael Kranewitter/Wikimedia Commons (Arnautovic)/CC BY-SA 4.0/Ailura/Wikimedia Commons (Ivanschitz)/CC BY-SA 3.0 AT/Illustration von James P. Platzer]

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