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‘Little Dark Age’: Das Comeback von MGMT ist ein schräges Synth-Karussell 

Das US-amerikanische Indietronic-Duo veröffentlichte ihr bereits viertes Album

‘Little Dark Age’: Das Comeback von MGMT ist ein schräges Synth-Karussell  16. Februar 20183 Comments

stv. Ressortleiter Popkultur

MGMT meldet sich nach fünf Jahren musikalischer Abstinenz zurück. Für den Mainstream sind es jedoch bereits ganze elf Jahre, wenn man bedenkt, dass seit der großen Ära des Duos, das mit Hymnen wie “Electric Feel”, “Time to Pretend” und “Kids” auftrumpfte, zwei eher weniger öffentlich gefeierte Alben erschienen sind. Aber wo knüpft Little Dark Age an?


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Bevor diese Frage beantwortet werden kann, müssen wir aber vorher noch ganz andere Zusammenhänge verstehen. Wer ist denn überhaupt MGMT? Eine Begleiterscheinung, die einfach mal drei Hits hintereinander produziert hat und seither in einer Identitätskrise steckt? Keinesfalls. Denn Oracular Spectacular bereitete zwar Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser schlagartig internationalen Erfolg, ihre Linie verloren sie dadurch aber keineswegs. Im Gegenteil, sie distanzierten sich von eingängigen Hymnen wie etwa “Kids” — einem Song, der auf jeder Indie-Party immer noch ein absolutes Muss ist.

Ein Management, das durch die Decke geht

In ihren Anfängen waren VanWyngarden und Goldwasser einfach zwei Studenten, die Musik machten und damit Campus-Partys beglückten. Mit Geld von anderen Studierenden finanzierten sie sich einen Extended Player, auf dem sechs Songs Platz fanden. Niemand hätte sich damals gedacht, dass sie wenig später von keinem Geringeren als Rick Rubin (produzierte u.a. Alben von Linkin Park, Metallica, Red Hot Chili Peppers und verdammt vielen mehr) entdeckt und von Sony/Columbia unter Vertrag genommen werden würden. Es dauerte nicht lange und aus ihren Songs wurden Begleitsongs in Computerspielen, Untermalungen für Kinofilme und schließlich unvergessliche Festival-Hymnen, die bis heute jeder mitsingen kann.

Oracular Spectacular, das Debütalbum der Band, die sich fortan nur noch MGMT (Kurzform von The Management, gleichzeitig der frühere Bandname) nannten, wurde von dem Magazin Rolling Stone als 18-bestes Album der 2000er Jahre ausgezeichnet und erhielt in mehreren Staaten Gold- und Platin-Status. Das Album verkaufte sich mehrere Millionen mal, zwei Nominierungen bei den Emmys folgten. Wie gesagt, Hymnen für die Ewigkeit.


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Es folgte aber kein Indie-Electropop mehr. Es gab jenen Indie-Electropop in dieser Form, als hedonistische Hippie-Flamme, auch nur in dieser kurzen Schaffensperiode der Band. Denn eigentlich wollten VanWyngarden und Goldwasser nie Pop spielen. Und schleichartig wurde ihren so gefeierten Hymnen, mit tausendfachen Airplays, genau das angehaftet. So kam der vermeintliche Rückzug.

Abgespacete Drogenalben, das ist MGMT

Rückzug, aber keine musikalische Neuerfindung. MGMT machte weiter, entfernte sich von dem Pop, den sie niemals spielen wollten. VanWyngarden und Goldwasser verweigerten sogar in weiterer Folge, ihre drei größten Hits auf Konzerten zu spielen. Stattdessen wurde ihre Musik noch elektronischer, noch abwegiger, noch tiefgreifender. Ein psychedelischer Synth-Pop, wenn man so will, der nicht mehr Mainstream-tauglich war. Es war ein anderer Rausch, eine andere Droge. Letzteres war ja bekanntlich immer schon ein großes Beeinflussungsmittel von MGMTs Musik, wie auch Ben Goldwasser in einem Presse-Interview ganz trocken zugibt.

Wenn jetzt aber Oracular Spectacular eine hymnenartige LSD-Party war, so wurden die beiden Folgealben Congratulations (2010) und der self-titled Longplayer MGMT (2013) eher ein abgedrifteter Cannabis-Express in einen psychedelischen, mechanischen Zustand. Natürlich wurde damit konsequent die Masse von ihrer Musik ferngehalten, wahre Fans und erfahrene Kritiker feierten diese Alben jedoch (teilweise) noch mehr. Wie etwa der Musikexpress, für den Congratulations das Album des Jahres wurde. Doch wo siedelt sich nun das vierte Werk an?

Little Dark Age — ein psychedelisches Synth-Karusell

Na klar, die 80er sind heiße Ware und liegen momentan mehr im Trend als alles andere. Klar auch, dass Little Dark Age ein bisschen nach dieser so einflussreichen Dekade klingt. Ein bisschen Depeche Mode, ein bisschen The Cure. Auf jeden Fall ist das vierte Album des Duos schwer und leicht zugleich. Während man die schwere Depression des Albums genießt, wirkt ihr minimalistischer Synth-Sound mit wellenartigen Lyrics beinahe leicht verdaulich. Auch wenn man sich nach mehrmaligen Hören bereits in Trance findet. Eine Ekstase, die man sich selbst erarbeiten muss — und nicht wie bei “Kids” mit den Intro-Vocals bereits spürt.

“Me & Michael” ist einer dieser Songs, der einem selbsterschaffene Ekstase bieten kann. Wenn auch eine melancholische, bei der man sich um 6:44 Uhr in einem abgefuckten Lokal in den Armen liegt, und sein letztes Tänzchen tanzt. “When You Die” bietet das auch, doch mit etwas suizidalem Trotz. “Go fuck yourself”, singt VanWyngarden. Ein tragender Sound, der abwegig sofort ins Ohr geht. “Little Dark Age”, der Titeltrack, Elektro aus den 1980er, treibt einem Gänsehaut auf die Haut, wenn man sich darauf einlässt.

Ein musikalisches Gesamtes, das man sich erarbeiten muss

Mechanischer Workout-Sound beim Intro “She Works Out Too Much”. Insgesamt eine musikalische Isolation in 80er-Manier, die man nur begreift, wenn man sich darauf einlässt. Das Album liest sich allerdings nicht nur in musikalischer Dimension als Isolierung. In “TSLAMP” (kurz für: “Time Spent Looking at My Phone”) thematisiert VanWyngarden die Smartphone-Sucht, die die Menschheit voneinander löst. “One Thing Left to Try” scheint ebenso ein Versuch, einen Ausweg aus dem falschen Leben zu finden, während in “When You’re Small” von den Höhen und Tiefen des Seins gesungen wird. Schließlich haben wir da noch “Hand It Over”, das an Tame Impala erinnert.


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Little Dark Age ist also in gewissermaßen ein depressives Synth-Karusell, aus dem man nicht mehr rauskommt, wenn man erst einmal drinnen ist. Allerdings muss man sich diesen Zugang schon erarbeiten (unter bewusstseinsverändernden Substanzen geht es natürlich einfacher). Ben Goldwasser erklärte selbst, man wolle keine einzelnen Hits mehr schreiben, sondern ein Album schaffen, das erst als Gesamtes seine volle Wirkung entfaltet. Damit ist MGMT retrospektiv-revolutionär für den Experten, während der Laie jedoch immer noch unerbitterlich auf die Hymnen von damals erpicht. Ganz so, als würde man sich zu diesem Album mit schweren Gliedern in den Armen liegen, und dann grölt einer mit Bierfahne zum DJ: “He Alter, spiel doch mal ‘Kids’!”

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: Aurelien Guichard/Flickr/CC BY-SA 2.0/Anna Hanks/Flickr/CC BY 2.0/Illustration von James P. Platzer]

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