Popkultur TV & Kino

‘50 Shades of Grey’ darf nicht ernst genommen werden

Die erotische Trilogie zeigt, wie moderne Beziehungen nicht sein sollten

‘50 Shades of Grey’ darf nicht ernst genommen werden 22. Februar 2018Leave a comment

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Liebesfilme mit attraktiven SchauspielerInnen verkauften sich schon immer gut. Kommt es bei prägnanten Szenen zu musikalischen Untermalungen durch populäre Musiktitel wie “Love Me Like You Do” oder “Deer in Headlights” oder wird das klassische Szenario von “08/15-Mädchen verliebt sich in reichen Jungen” angewandt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges hoch.

Teure Wohnungen, unbezahlbare Autos, Privatjets und Badewannen mit dem Ausblick auf die Wälder und Berge Aspens sind dann nur das Extra-Gutzi, nach dem sich viele von uns sehnen. Denn eine Menge von uns hätten nichts einzuwenden gegen eine/n schöne/n, intelligente/n PartnerIn und die Gewissheit, niemals finanzielle Sorgen leiden zu müssen.

Der perfekte Schein trügt gewaltig

Die Trilogie von 50 Shades of Grey beginnt mit dem ersten Teil “Geheimes Verlangen”, in dem sich die 21-jährige Anastasia Steel in den 27-jährigen Milliardär Christian Grey verliebt. Als die jungfräuliche Ana herausfindet, dass Christian auf Sadomasochismus (SM) abfährt, bleibt sie bei ihm und findet langsam aber doch Gefallen an seinen Vorlieben. Sie freundet sich sogar mit ihrer anfangs ausschließlich devoten Rolle an.


MEHR: Klassische Frauenmagazine als ewige Spirale des Unglücklichseins


Die Beziehung entwickelt sich zu einer On-Off-Geschichte, in der Christians Kontroll- und Überwachungszwänge immer mehr zum Vorschein kommen. Auch im aktuellen dritten Teil, in dem die beiden heiraten, lässt der frisch gebackene Ehemann Ana unentwegt überwachen. Nicht nur wegen ihrer Sicherheit — schließlich ist es nicht ungefährlich, Frau eines Milliardärs zu sein — sondern vorrangig aus egoistischen und besitzergreifenden Gründen. Denn ob Freund oder Freundin, jede/r könnte ihm seine Ana wegnehmen, denkt Christian. Teilen hat der Milliardär nie gelernt.

Im Film wirkt das vielleicht romantisch, im echten Leben jedoch eher psychopathisch. Sich ständig von seinem Ehemann überwachen zu lassen und nach seiner Pfeife zu tanzen, ist die Horrorvorstellung einer modernen, feministischen Frau. Nicht das viele Geld oder der gute Sex können oder sollten dieses Fehlverhalten wettmachen. So ein Kontrollzwang muss therapiert, angesprochen und vor allem thematisiert werden — schwere Kindheit hin oder her.

BDSM ist nichts Neues, nichts Ungewöhnliches

In 50 Shades of Grey wird BDSM-Sex als etwas unglaublich Verruchtes und Ungewöhnliches dargestellt. Fakt ist jedoch, dass die betreffenden Szenen aufgrund des Internets nichts Neues mehr sind. Ein Porno ist heute so leicht zugänglich wie noch nie zuvor. Ja, auf der Kinoleinwand ist SM noch etwas selten, im echten Leben und dem Internet hingegen weniger.

Einen wirklichen Beitrag zu BDSM liefert die Trilogie jedoch nicht, denn das Pikanteste und Freizügigste sind und bleiben Anas Brüste. Obwohl die Filme durch und durch von SM-Szenen geprägt sind, ist keine einzige Aufnahme von Christians Penis zu sehen. Das wirkt verkehrt, denn selbst mit Szenen des männlichen Geschlechtsteils wären die Filme noch lange keine Pornos.

Und was macht Penisse so viel schlimmer als Brüste? Im Falle von detaillierteren Szenen wäre schließlich eine Erhöhung der Altersfreigabe auf 18 Jahre möglich. Im Übrigen befinden viele Internet-UserInnen FSK16 als Beschränkung zu niedrig — darüber lässt sich freilich streiten. In Zeiten, wo es für zwölfjährige Kinder nichts Ungewöhnliches ist, Pornos herumzuschicken, ist 50 Shades of Grey für 16-Jährige wohl kein Schock mehr.

Christian, der Traum aller Frauen

Nach der Hochzeit wird Christian von Ana gefragt, ob er denn jemals Kinder haben möchte. Sie spielt auf ihren subjektiven Wunsch von Nachkommen an. An dieser Stelle stellt sich die Frage, warum die beiden so ein unglaublich wichtiges Thema nicht vor der Hochzeit besprochen haben. Weiters ist der Ablauf des restlichen Films offensichtlich, denn natürlich wird Ana schwanger.


MEHR: Gibt es den perfekten Film?


Als Ana ihrem Ehemann die Schwangerschaft gesteht und ein unabsichtliches Vergessen des Verhütungsmittels einräumt, reagiert Christian wie der Traummann aller Frauen — er schreit sie an, läuft zu der Frau, die ihn als Kind sexuell missbrauchte und kommt zwar reumütig, aber vor allem betrunken zurück.

Im echten Leben hätte es vielen selbstbestimmten Frauen an dieser Stelle gereicht und sie hätten den Mann verlassen. Einfühlsame Eltern und der Freundeskreis würden sicher zustimmen und die Entscheidung befürworten. Wenn sie nicht bereits vor der Hochzeit zu einer Intervention aufgerufen hätten.

In 50 Shades of Grey wird ein durchwegs unrealistisches Beziehungsideal vermittelt, das dem wahren Leben nicht standhält und alles andere als erstrebenswert ist. Besonders junge ZuseherInnen sollten sich über die Gefährlichkeit solcher Beziehungen im Klaren sein — und damit sind nicht die Bondage-Szenen gemeint.

In Summe ist der letzte Teil der Trilogie nicht besser oder schlechter als seine Vorgänger und im Grunde auch kein unspannender oder uninteressanter Film. Trotzdem darf sich gefreut werden, dass wir mit dem dritten Teil am Höhepunkt und somit Ende angelangt sind.

Lisa auf Twitter: @lugerblis

stv. Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.