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Remembranza Musica: Wie Tradition in Mexiko gelebt wird

Kulturveranstaltungen haben im mexikanischen Yucatán nicht nur für Touristen einen hohen Stellenwert

Remembranza Musica: Wie Tradition in Mexiko gelebt wird 27. Februar 2018Leave a comment

Redakteur

Die Veranstaltung Remembranza Musica findet jeden Dienstag in der mexikanischen Stadt Mérida statt. “So können wir unsere Traditionen und Lebensweisen fortsetzen”, erklärt mir Andrés. Dieser Abend hat unter anderem die Intention, alte Menschen — zumindest für einen Abend — aus den Häusern zu holen. Eine sehr faszinierende Tradition.

Dienstagabends ist Raúl Medina üblicherweise in Parque de Santiago zu finden. Dieses Mal ist der 80-jährige Mann leider nicht anwesend. Raúl ist einer der vielen Pensionisten, die trotz fortgeschrittenen Alters das Tanzbein schwingen wollen. Ich bin dafür mit seinem Enkel Andrés Cervera Medina hier, um mir das Geschehen anzusehen. Er hilft mir auch als Fotograf aus und hat dieses Video zusammengestellt:

Die Tatsache, dass alten Menschen auf diese Weise eine sorgenfreie Zeit beschert werden kann, bei dem sie zu alter Musik schunkeln können ist schön. Das so etwas in der Mitte der Gesellschaft stattfindet und von der jüngeren Generation unterstützt wird, ist berührend.

Das mexikanische Pensionssystem wurde 1997 grundlegend geändert. Staatliche Zuwendungen wurden radikal gekürzt und besonders die ärmere Schicht wurde dazu gezwungen, länger zu arbeiten. Daher sind in Supermärkten alte Menschen als Einpacker oder Parkplatzwächter angestellt. Viele Pensionisten sind von Altersarmut betroffen oder zumindest bedroht. Ungefähr fünf Millionen Personen müssen ohne jegliche staatliche Zuwendungen auskommen. Die Remembranza Musica hat den angenehmen Nebeneffekt, den Leuten zumindest für kurze Zeit ihre Sorgen zu nehmen.

Remembranza Musica: Das Rückbesinnen auf die eigene Tradition
© Andrés Cervera Medina

Gegen 20:00 Uhr beginnt sich der Parque de Santiago zu füllen. Meine Anreise dauerte fast eine Stunde. Ich musste den Bus Poligono 108 nehmen und dann vom Stadtzentrum einen kurzen Fußweg zurücklegen. Viele Mexikaner kommen mit dem Auto, weswegen mein Freund Andrés nur schwer einen Parkplatz findet.

Die meisten Tänzer sind meiner Beobachtung nach 50 Jahre alt oder älter. Einige — wie Raúl — sind Urgesteine und Träger der Tradition. Sie werden von den Leuten erkannt. Jugendliche stehen am Rand und betrachten ihre Großeltern. Getanzt wird zu verschiedenen Rhythmen wie etwa der kubanische Danzón, Mamba und Cha-Cha-Cha.

Andrés freut sich auf das Event. Er war noch nie hier, meint er, finde es aber toll, dass die Stadtregierung versucht, die Traditionen am Leben zu erhalten. Sein Großvater Raùl besucht die Remembranza Musica fast jede Woche und das seit Jahrzehnten. Diese Woche fehlt er allerdings. “Er ist schon über 80 Jahre alt und kann nicht mehr so wie früher,” erzählt Andrés.


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Pünktlich um 20:30 Uhr beginnt das Orquesta de Ayuntamiento zu spielen. Die Tanzfläche ist noch leer, füllt sich während des ersten Liedes aber mehr und mehr. Es sind alte Pärchen, die die Gepflogenheiten in- und auswendig kennen. Touristen mengen sich ein wenig später bei. Um die Tanzfläche herum sind 200 Sitze aufgestellt. Sie sind bis zum letzten gefüllt, sodass Menschen dahinter auch noch stehen müssen. Ich schätze, dass mindestens 500 Personen im Park sind.

Santiago ist ein traditionelles Viertel im Zentrum der Stadt. Der Mix aus Cafés und kleinen Märkten macht die Gegend für Einheimische und Touristen gleichermaßen interessant.

Tony Camargo

Das “Orquesta de Ayuntamiento” wird von einem Greis dirigiert. Bei manchen Liedern singt er auch mit. Er hat eine charismatische Stimme. “Das ist Tony Camargo,” erklärt mir Andrés. Er ist eine Legende in Mexiko und auch im Rest Lateinamerikas bekannt, wie ich nach ein wenig Recherche erfahre.

Der 92-Jährige aus Guadalajara landete mit dem Lied “El Año Viejo” (Das alte Jahr) einen Hit, der jedes Jahr zu Silvester die Charts stürmt. Er ist die Inkarnation des alten Mexikos.

Das wachsende Mérida in einem wankenden Mexiko
©Andrés Cervera Medina

Dass Mérida Berühmtheiten wie Camargo beheimaten kann, hängt auch mit der wirtschaftlichen Lage der Stadt und der Einbettung in das gesamte Land zusammen. Mérida erlebte in den letzten Jahrzehnten einen ökonomischen Aufschwung, der seinesgleichen sucht. Die Stadt hatte in den 1970er Jahren noch 200.000 Einwohner und ist mittlerweile auf eine Millionenstadt angewachsen. Das liegt auch daran, dass Mérida eine der sichersten Städte Mexikos ist und sie sich deshalb über Binnenmigration freut.

Ein zweiter Grund ist die stetig wachsende Tourismusbranche auf der Halbinsel Yucatán. Das Land hat sich an die Touristen merklich gewöhnt. An der Ostküste befinden sich traumhafte karibische Strände mit den berühmten Orten Cancún und Playa del Carmen. Im Landesinneren kann man die Ruinen der alten Maya besuchen. Das beschert Mérida eine bizarre Ausgangslage als prosperierende Stadt in einem stark geschüttelten Land. Hier im Süden des Landes kann wenig vom verheerenden Drogenkrieg, der seit Jahren im Norden tobt, gespürt werden. Besonders die Stadt Juarez befindet sich dabei fest im Griff einer blutigen Auseinandersetzung zweier Kartelle.


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Ende 2012 wurde Enrique Peña Nieto als 57. Präsident Mexikos vereidigt. Obwohl er mit ungefähr 50 Prozent der Zustimmung die Wahl für sich entschied, wird er vermutlich als einer der unbeliebtesten aus dem Amt scheiden. Die stetig steigenden Benzinpreise brachten ihm den unliebsamen Beinamen “Gasolinazo” ein und lösten Protestwellen im ganzen Land aus. Der amerikanische Kontinent blickt daher gespannt auf die Präsidentschaftswahlen im Juni dieses Jahres.

Hier in Mérida ist die Stimmung allerdings weit weniger aufgeheizt. Die Sicherheit erlaubt eine ausgelassene, angstfreie Stimmung. Jeden Tag in der Woche gibt es kulturelle Events, die teilweise mehr, teilweise weniger touristisch angelegt sind. Alle Events sind gratis zu besuchen und werden von der Stadtregierung finanziert.

Jung und alt

Der Wachstum Méridas bewirkt drastische Veränderungen des Lebens. “Meine Mutter kommt aus einem Dorf am Land. Sie ist erst später in die Stadt nach Mérida gezogen,” erzählt Andrés.

Nach der Remembranza Musica gehen wir noch etwas trinken. Ich will wissen, wie Andrés als gebürtiger Mexikaner den Abend sieht:

Es ist witzig: Wenn ich in das Dorf meiner Mutter fahre, sehe ich die Jugendlichen so leben wie ihre Eltern. Hier in der Stadt ist das anders. Mein Leben heute ist gänzlich anders als das meiner Eltern. Remembranza Musica ist eine Attraktion für mich.

Genau deshalb sind Initiativen wie das Remembranza Musica oder das sonntägliche Merida en Domingo so wichtig. Es gleicht einem Eintauchen in eine Welt, wie sie vor Jahrzehnten existierte und bringt verschiedene Generationen zusammen. Lokale Größen wie Raúl Medina oder der Musiker Tony Camargo halten die Geschichte am Leben. Junge Mexikaner wie Andrés profitieren davon ungemein.

Anmerkung des Autors: Aus Gründen der angenehmeren Lesbarkeit wurde auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten in diesem Kontext gleichermaßen für beiderlei Geschlecht. 

Jakob auf Twitter: @jakob_schott

[Foto: © Andrés Cervera Medina]

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