NBA Sport

Was zur Hölle ist mit Kawhi Leonard los?

Hinter der Verletzung von Kawhi Leonard steckt viel mehr, als man zunächst vermuten könnte

Was zur Hölle ist mit Kawhi Leonard los? 2. März 2018Leave a comment

Redakteur

Die Medienlandschaft neigt bekanntlich zu starken Übertreibungen. In der laufenden NBA-Saison erleben wir allerdings eine Serie an schweren Verletzungen, die ihresgleichen sucht. Neben Gordon Hayward und Jeremy Lin mussten im Laufe der Saison auch DeMarcus Cousins, Kristaps Porzingis und Jimmy Butler harte Schicksalsschläge verkraften — hinzu kam das Saisonaus von Patrick Beverley, Dion Waiters und Andre Roberson.

Neben all diesen dramatischen und schlagzeilenträchtigen Rückschlägen geriet ein weiteres Schicksal beinahe in Vergessenheit: Kawhi Leonard. Der 26-jährige Forward der San Antonio Spurs leidet seit Ende September an einer mysteriösen Oberschenkelverletzung. Kurz vor Saisonbeginn tauchte ein Video auf, welches deutlich machte, dass etwas ganz und gar nicht stimmen kann.

Höhen und Tiefen im Heilungsprozess

Leonard, der noch nie für große Aufmerksamkeit sorgte und als einer der besten Athleten der NBA zählt, quält sich förmlich über die Treppenstufen. Für die Verantwortlichen war klar, dass er den Saisonauftakt verpassen würde. Mitte November wurden allerdings die ersten kritischen Töne laut, ein extrem ungewöhnlicher Vorgang in der Franchise von Erfolgscoach Gregg Popovich.

“He’s just coming along more slowly, for whatever reason. It’s just been more difficult for him to get through the rehab routine.”
— Greg Popovich

Nach einer schleppenden Reha gab Leonard Mitte Dezember sein langersehntes Comeback, welches jedoch von kurzer Dauer war. Innerhalb von vier Wochen absolvierte er lediglich neun von 17 Spielen, ehe ihn die Verletzung wieder einholte und der ehemalige Finals-MVP wieder zum Zuschauen verdammt war.

Entsteht ein Riss zwischen Leonard und den Spurs?

In seinen sechs NBA-Saisonen konnte der Small Forward lediglich in zwei Spielzeiten mehr als 66 Spiele bestreiten. Aufgrund seines selbstlosen Spielstils und des unermüdlichen Einsatzes wurde dies jedoch stets honoriert und nie als Kritik geäußert. Die ruhige und professionelle Art in San Antonio schien wie gemacht für den medienscheuen Erstrunden-Pick.

Umso überraschender ist für Außenstehende deshalb die momentane Situation. Die Teamärzte haben Leonard grünes Licht gegeben. Teamkollege Tony Parker steht nach einer ähnlichen (nach Meinung vieler Experten sogar schwerwiegenderen) Verletzung längst wieder auf dem Parkett. Die Situation um Leonard beschäftigt die Verantwortlichen also deutlich mehr, als es ihnen lieb wäre.

“I’m probably more conservative than most, but the trainers, the rehab people, the doctors, the coaches, we all talked about this for a long time.”
— Greg Popovich

Nachdem sich Leonard eine zweite Meinung bei einem unabhängigen Arzt in New York eingeholt hatte, entschied er sich dazu, weiterhin auszusetzen. Dieser Entschluss könnte das Verhältnis zwischen Spieler und Team deutlich beschädigt haben, denn die Freigabe der Teamärzte und der Verzicht zu spielen stehen in einem krassen Gegensatz. Mittlerweile ist von unterschiedlichen Schmerztoleranzen die Rede, was selbst im harten NBA-Tagesgeschäft sehr vorwurfsvoll klingt.

Eine Entscheidung für die Zukunft?

Geht es also nur um Schmerzen, welche im Profi-Sport offensichtlich dazugehören, oder geht es um mehr? Im Sommer 2019 wird der dann 28-Jährige zum Free Agent und kann sich in der Blütezeit seiner Karriere frei entscheiden, wohin der Weg führen soll. Die San Antonio Spurs können ihm einen Super-Max-Deal anbieten, der mit 219 Millionen US-Dollar dotiert ist und somit um 17 Millionen höher ausfällt, als jedes andere mögliche Angebot der restlichen Teams.

Für Leonard ist das der Moment, der ihn für alle Entbehrungen, Verletzungen und Schmerzen zumindest finanziell entschädigen könnte — vorausgesetzt, er ist zu diesem Zeitpunkt völlig gesund. Dass die NBA ein knallhartes Geschäft ist, hat im letzten Jahr auch der Fall Isaiah Thomas gezeigt. Nach dem tragischen Unfalltod seiner Schwester plagte er sich mit einer Hüftverletzung durch die Playoffs und gab sein letztes Hemd für die Boston Celtics — um nur einige Wochen später als absoluter Publikumsliebling in einem Trade verschifft zu werden.

Die zwei Seiten der Medaille

Für Leonard und viele andere NBA-Spieler dürfte dieser Fall ein Weckruf gewesen sein, für uns Fans aber auch ein deutliches Zeichen, dass in der besten Basketballliga der Welt kein Platz für Sentimentalität und allzu große Selbstaufopferung ist. Zwischen Spielern und Management stehen trotz der gemeinsamen Ziele unterschiedliche Interessen. Es ist kein Wunder, dass die Teamärzte einen Superstar nach einer vermeintlich leichten Verletzung gerne schnellstmöglich wieder auf dem Parkett sehen möchten. Letztendlich hängt auch ihr Job und ihr Ruf davon ab, ob die Spieler einsatzfähig sind oder nicht.

Aus Sicht der Spieler ist es hingegen nur logisch, sich beim kleinsten Zweifel eine zweite Meinung einzuholen und auf ihren Körper zu hören — vor allem, wenn ihr Körper der Schlüssel zu astronomisch hohen Gehältern ist. Im Falle von Leonard bleibt letztendlich nur zu sagen, dass er ganz alleine darüber entscheidet, wann und wo er wieder auf die große Bühne treten wird.

Die Verantwortlichen der Spurs sollten sich damit abfinden und auf weitere Fragen zum Heilungsprozess professionell reagieren. Sobald sich die Wogen geglättet haben und sich die nächste Schlagzeile am NBA-Horizont anbahnt, wird auch in Texas wieder die gewohnte Ruhe einkehren. Einen so sensiblen Spieler wie Leonard kann man sich momentan wohl nur in San Antonio vorstellen. Die Medienlandschaft in Los Angeles, New York und Co. hätte sich noch kritischer und umtriebiger auf diesen Fall gestürzt und eventuell eine endgültige Spaltung zwischen Spieler und Franchise bewirkt.

Das wohl Bemerkenswerteste an der ganzen Situation ist hingegen die Reaktion von Kawhi Leonard selbst. Anstatt sich vor den Mikrofonen zu rechtfertigen, arbeitet er heimlich, still und leise an seinem Comeback.

kultort.at auf Twitter: @kultort

[Foto: Jose Garcia/Flickr/CC BY 2.0]

Redakteur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .