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Wieso ‘Three Billboards Outside Ebbing, Missouri’ den Oscar gewinnen sollte

Das schwarz-humorige Filmdrama von Martin McDonagh wurde von der Academy für sieben Awards nominiert

Wieso ‘Three Billboards Outside Ebbing, Missouri’ den Oscar gewinnen sollte 2. März 2018Leave a comment
Achtung! Im folgenden Beitrag befinden sich Spoiler zu dem Film Three Billboards Outside Ebbing, Missouri.

Mildred Hayes’ (Frances McDormand) Tochter wird vergewaltigt und getötet. Doch obwohl die Polizei rund um Sheriff William Willoughby (Woody Harrelson) DNA-Spuren am Tatort findet, laufen die Ermittlungen in eine Sackgasse. Nun ergreift Hayes Eigeninitiative — allerdings nicht in 08/15-Actionfilm-Manier, sondern mit einer besonderen materiellen Geste. Der irische Regisseur Martin McDonagh inszeniert mit Three Billboards Outside Ebbing, Missouri die vielleicht beste schwarze Komödie seit Dekaden, die sich mehr als einen Oscar verdient.

Drei Reklametafeln außerhalb der Stadt

Die Reaktion von Mildred Hayes ist nämlich eine ganz andere, als eine blinde Rache-Raserei, wie es ein Liam Neeson tun würde. Sie mietet sich drei Reklametafeln neben einer verlassenen Straße, die in das Stadtzentrum führt. Hayes handelt dies bei dem jungen Unternehmer Red Welby für ein ganzes Jahr aus. Bereits in diesen kurzen Sequenzen erkennt man das epische Ausmaß des Films, in welches dieser schüchterne Anfang mündet: Ein Drama, mit pointierten, dreckigen Dialogen in einer Szenerie, in der wirklich jedes Glied fein aufeinander abgestimmt ist.

Nun haben wir mit Mildred Hayes eine starke, unglaublich schlagfertige Frau, die mit ihrer Aktion die ganze Stadt aufrührt. Denn auf den drei Reklametafeln steht in chronologischer Reihenfolge in Schwarz auf Rot: “RAPED AND MURDERED” — “STILL NO ARRESTS” — “HOW COME, CHIEF WILLOUGHBY?” Damit löst die alleinerziehende Mutter eines weiteren Kindes einen relativ einseitigen Konflikt aus. Wie ihr der örtliche Pfarrer vermittelt, steht jeder bezüglich ihrer ermordeten Tochter hinter ihr. In diesem Fall versammelt sich das Kollektiv jedoch hinter dem allseits beliebten Chief Willoughby. Dieser stellt in weiterer Folge auch keinen Antagonisten dar, im Gegenteil: Der Sheriff, den Woody Harrelson verkörpert, strahlt einen absoluten Sympathieträger aus, der mit Mildred Hayes in einen Zwiespalt gerät.

Harter Umgang mit harten Schicksalen

Sympathie hegt vielleicht auch Mildred für Willoughby. In dem resultierenden Gespräch erklärt der Sheriff der verbissenen Mutter, dass er Bauchspeichelkrebs hat und ihm nur noch wenige Monate bleiben. Sie entgegnet ihm lediglich: “Ich weiß es. Das wissen fast alle in der Stadt. […] Die Billboards bringen wohl nicht mehr viel, wenn sie abgekratzt sind.” Es ist der nüchterne Umgang mit sensiblen Thematiken, der dem Film eine enorme Stärke verleiht. Egal, ob letztlich die Krebserkrankung von Willoughby oder die Ermordung und Vergewaltigung von Angela Hayes — die Situation, der Umgang der Charaktere mit ihren Schicksalen verleiht dem Gesamten eine unglaubliche Originalität. Diese ist natürlich auch den hervorragenden schauspielerischen Leistungen der gesamten Besetzung zu verdanken.


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Nicht umsonst ist Frances McDormand bei den Oscars als beste Hauptdarstellerin nominiert. Woody Harrelson darf ebenso wie Sam Rockwell, der den stumpfsinnigen Officer Jason Dixon unnachahmlich mimt, auf den Erhalt des Oscars für den besten Nebendarsteller hoffen. Auch wenn Harrelson in der ersten Hälfte des Filmes brilliert, ist es Rockwell, dessen Charakter sich über den Film am meisten entwickelt.

Als Muttersöhnchen, ausgeprägt mit einer starken Abneigung gegen Schwarze und Homosexuelle, symbolisiert er das negative Klischee eines Mittelstaaten-Cops. Sheriff Willoughby sieht pragmatisch allerdings keinen Grund zu handeln: “Würde man alle Cops rausschmeißen, die ansatzweise rassistische Tendenzen haben, hätte man nur noch drei Cops — und die wären dann alle Schwulenhasser.” Neben dieses bisher genannte herausragende Trio gesellen sich Peter Dinklage (Game of Thrones), Caleb Landry Jones (Get Out) sowie weitere wirklich fantastische Nebendarsteller, die durch ihre Performance ein dichtes Ensemble bilden, das den Film als Ganzes so auszeichnet.

Der Drahtseilakt zwischen Ernst und Humor

All diese Charaktere teilen nämlich eines: Ihre treffende Dialog-Rhetorik. Egal, ob es die hammerharte Mildred ist oder der patzige Officer Dixon: Die verbalen Ergüsse sämtlicher Persona bleiben trotz anderer starken Elemente die Highlights des Streifens. Es hat sich nämlich vor allem als schwieriger Akt erwiesen, die Balance zu halten. Einerseits haben wir da eine Omnipräsenz von vulgärer Sprache und obszönem Humor, andererseits immer noch Thematiken wie Rassismus, Mord und Krankheit.

Dinge, die zwar stark ironisiert werden, aber immer noch in ihrer Seriosität wirken. Schlussendlich treffen das Publikum die dramatischen Ereignisse des Films, trotz oder gerade wegen den satirischen Kommentaren der Protagonisten mit einer realitätsnahen Wucht, sodass es einem tatsächlich Tränen in die Augen treibt. Wie gesagt, ein zweischneidiges Schwert. Das breite Spektrum der Emotionen wird voll ausgekostet.

Emotionen, die auch durch die visuelle und auditive Inszenierung zur Geltung kommen. Three Billboards punktet mit einer ästhetischen Szenerie, die das triste Missouri samt kleiner Innenstadt perfekt einfängt. Die Abgeschiedenheit und Exklusion von politischer Relevanz spiegelt sich jedoch nicht nur in der satten Landschaft, sondern auch in den verrauchten Bars, den dunklen Ecken und den kantigen Mimiken der Hauptprotagonisten wieder.

Sieben Oscar-Nominierungen, auch als “Bester Film”

Schlussendlich bleibt ein herausragendes Gesamtwerk, eine schwarze Komödie, wie man sie selten gesehen hat. Mit einer Charaktertiefe, die das gesamte Ensemble betrifft. Ebenso gesellt sich nahtlos dazu ein treffend abgestimmter Soundtrack, der von einer tragischen Nüchternheit geleitet ist, jedoch manchmal an dramatischem Volumen gewinnt. Nicht umsonst ist Three Billboards für die beste Filmmusik nominiert, Martin McDonagh darf sich auch für eine Nominierung in der Kategorie “Beste Regie” freuen, die für den Laien jedoch schwer zu kategorisieren ist. Dies gilt gleichfalls für die Nominierung für das beste Drehbuch (Martin McDonagh).


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Was bleibt, ist die Kategorie der Könige: Die Auszeichnung zum besten Film. Und die sollte an Three Billboards gehen. Denn neben all den bereits genannten perfekt abgestimmten Elementen wirkt final das gesamte Narrativ. Eine Story mit Extremen, die alles auskostet. Szenen, in denen Blut spritzt und alles lichterloh brennt. Plot Twists, die so unerwartet kommen, dass einem der Popcorn-Kübel aus den schwitzigen Händen gleitet und schlussendlich dieser bissige schwarze Humor, der den Film in den Mantel einer traurigen Komik hüllt. Insgesamt bleibt eine emotionale Achterbahn, in der Tiefen wie Höhen gleichsam authentisch sind und den Film zu einem oscarwürdigen Unikat ausmachen.

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: Screenshot via YouTube: “THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI | Official Red Band Trailer | FOX Searchlight” von Fox Searchlight]

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