Feminismus-Woche Gesellschaft

Von blassen Insta-Feministinnen und ihrer Doppelmoral

Auf der Social-Media-Plattform Instagram verkaufen Blogger und Bloggerinnen ihre Persönlichkeiten oft unter Deckmänteln

Von blassen Insta-Feministinnen und ihrer Doppelmoral 9. März 2018Leave a comment
Anlässlich des Weltfrauentages am 8. März findet auf kultort.at die Frauen- und Feminismus-Woche statt. Eine Hommage an die Gleichberechtigung von Mann und Frau und ein Statement zu den immer noch vorherrschenden rechtlichen Unterschieden beider Geschlechter.

­“Ein schwieriger Titel, das kann ja nur in die Hose gehen.” Das habe ich mir auch gedacht, als ich diesen Artikel verfasst habe. Aber lasst es mich doch einfach versuchen — denn auch wenn ich im Grunde meines Herzens jeden zufrieden sehen will, so ist Meinung oftmals eine sehr einseitige Medaille. Lasst uns diesen Text einfach als persönlichen Kommentar lesen, der wenig Rücksicht auf den allgemeinen (Irr-)Glauben nimmt.

Eine Welt voller Persönlichkeiten

Was mir auf meinen Streifzügen durch die Social-Media-Plattform Instagram zuallererst ins Auge gestochen ist, ist ein bemerkenswertes Phänomen, das so ziemlich alle BloggerInnen teilen: Alle scheinen sie gleich zu sein und doch wollen sie sich voneinander unterscheiden. Nur die Discopumper und die von vornherein eher freizügigen Wannabe-Lifestyle-Models machen überhaupt keinen Hehl daraus, sich nicht von der Masse abzuheben. Die Pumper haben Muskeln und geben Ernährungstipps. Es gilt: Je mehr, desto besser. Die leicht bekleideten Girlies haben beinahe dasselbe Motto, nur dass bei ihnen weniger immer besser ist. Ganz genau, wie es ihnen ihre großen Idole so schön vormachen.

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ねえ

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Interessanterweise haben beide Typen von BloggerInnen nach wie vor Erfolg damit. Aber um diese sehr monotonen und monopolen Konstellationen geht es mir gar nicht. Viel mehr interessieren mich jene, die vorgeben, anders zu sein und Humanität und Rationalität in das Zentrum ihres Schaffens zu stellen. Was ich ihnen dabei jedoch nicht abkaufen möchte: Solche sensiblen Themen verkaufen zu wollen, dann aber jedes Mal ihre eigene Fresse in die Kamera zu halten.

Die verschleierten Eliten

Denn jeder von diesen Leuten, die ihr Leben als ausgeglichen und schlussendlich sogar als bescheiden bezeichnen, drängt sich mir plakativ vor die Optik.

Wenn es dich nicht interessiert, musst du ihr ja nicht folgen.

Dies ist eine relativ häufige Antwort von Fans, die den einseitigen Content ihres Idols kommentieren und sie dabei in Schutz nehmen. “Danke an alle, die mich unterstützen. Ich bleibe stark”, wird dann pauschal von BloggerInnen geantwortet.


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Irgendwie nicht glaubwürdig diese Toleranz, die man nur denen zeigt, die einer Meinung sind und eifrig den Herzerl-Knopf missbrauchen, um ihrem Idol nahe zu sein. Einseitige Toleranz auch deswegen, weil Eliten geschaffen werden, die sich mit Pseudo-Texten und Gedanken zu Nachhaltigkeit von den einfachen BloggerInnen abgrenzen wollen. Frei nach dem Motto: “Ja, alle gleich, aber wir trotzdem besser.” So wird der Discopumper und das beinahe Akt-Model von der literarischen sowie lebensbeschreibenden Elite bestimmt nur belächelt, auch wenn neidische Blicke auf ihre bemerkenswerte Anzahl an Follower und Likes geworfen werfen.

Halbnackt für den Feminismus

Und dann wird halt doch die gleiche Schiene gefahren. Nur unter versteckten Vorzeichen. Denn wenn ich eines von Instagram genauso gelernt habe, dann dass hier alles ein Maskenball ist. Wenn jetzt zum Beispiel Bloggerin @flirty_jasmine Fotos von sich im Solarium postet, wird ihr bestimmt vorgeworfen, damit falsche Signale zu senden. Einerseits weil sich die männlichen Followers nur an ihren Porträts aufgeilen, andererseits die Gleichstellung von Frauen untergraben wird, da man sich relativ billig verkauft. Das wird Jasmin aber relativ egal sein — denn selbst wenn sie genau das erreichen will — ihr Account bekommt weiterhin dieselbe Zustimmung.

Zustimmung, die sich jetzt @barbaralisebürger auch erarbeiten will. Wenn auch nicht auf diesem schmutzigen und relativ offensichtlichen Wege. Deshalb haben ihre halbnackten Fotos viel mehr Stil, leben von einem stimmigen Ambiente und schließlich von der Message: “Ich schäme mich nicht für das, was ich bin — eine Frau.”

#bodyshaming-Umkehrschluss — eine perfide Ablenkung auf feministische Inhalte unter dem Deckmantel des eigentlichen Interesses: Nämlich den eigenen Account weiter anzukurbeln. Und wenn dann das Argument kommt, dass die eigene Inszenierung doch weit hinter dem prekären Thema liegt, auf das man aufmerksam machen will, dann muss ich das als relativ naiv entlarven. Denn gerade ein/e BloggerIn weiß genau um die Wirkung von Fotos auf ihre Fangemeinde — und dann kann man eine Inszenierung niemals leugnen.

So funktioniert die Selbstinszenierung

Bei dieser Inszenierung ist es wieder jenes Phänomen, welches mir Fragezeichen vor das innere Auge projizierte und mich wie wild, wie ein Schimpanse eine Kokosnuss öffnet, den Kopf auf die Tischkante hämmern lässt. Nämlich, dass jedes Profil nur die Kopie eines anderen ist. Pastellfarben bei Herbstwetter, tropische Wasserfälle auf Urlaubsfotos, ein Second-Hand-Modestück, dass nur deswegen so einzigartig ist, weil es 1923 produziert wurde und nicht mehr von der Masse gekauft werden kann. Dazu die nötige Prise an passenden Zitaten und einer leicht überschwänglichen Poesie, die eine besondere Reife und Tiefe von Intelligenz vermuten lässt.


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Ein Konzept, das wirkt. Dem stimmt auch Kurier-Redakteurin Christina Michlits zu, die nicht nur den monotonen Kleidungsstil in den Mittelpunkt stellt. Auch die beinahe identen Interior-Wohnungen werden thematisiert. Doch eine Kopie zu sein, ist laut dem jetzt-Magazin ein Geschäftsmodell. Eines, für das man ordentlich an Arbeit investieren muss. Das entschärft aber meine Argumentation nicht. Im Gegenteil, der Gedanke, dass diese Branche zu einem ordentlichen Geschäft geworden ist, ist im Grunde nur gesellschaftstheoretisch bedenklich. Jede Kopie verkauft sich als Unikat.

Das einzig Bewundernswerte dabei ist jedoch nur, dass die Kopie noch einen kleinen Unterschied in sich trägt. Klar, sonst wäre es ja ein Plagiat. Insgesamt verachtenswert an diesem gesellschaftlichen Trend finde ich aber vor allem eines: Dass man sich seiner Maske bewusst ist, den eigenen Content aber als “pure self” verkauft und damit die eigene Persönlichkeit als Verkaufsmittel einsetzt. In vielen Fällen ist dieser Zug einfach nur unpassend und in gewisser Weise einfach nur peinlich.

Ein Blick durch Fiberglas

Das alles ist aber eine Entscheidung der Eigenvermarktung, die ich akzeptieren muss und kann. Dann sind auch die Kommentare jener gerechtfertigt, die ihre Vorkoster verteidigen. Es schmerzt nur, dass das eigentliche Aufmerksammachen auf prekäre gesellschaftliche Themen wie Feminismus dafür verbraucht wird und der Feminismus nicht nur seine Substanz, sondern dadurch auch seine Glaubwürdigkeit verliert.

Was ist jetzt die Moral von der Geschichte? Dass ich nichts von Instagram-Eliten halte? Ja, auch. Der Kern meiner niedergeschriebenen Gedanken liegt allerdings im bewusst werden des eigentlichen Problems: Das Loslösen von diesem ewig vorgekauten Content, der eigentlich keine Aussage enthält, sondern nur pseudophilosophische, verdoppelte Eigenvermarktung darstellt. Am schönsten ist doch die Absurdität des Moments seiner Entstehung. Man stellt sich doch bitte einmal vor, wie alle diese Fotos entstehen. Instagram Stories, bei denen Leute durch die Kamera ihres Handys davon erzählen, was sie gerade erleben. Ohne dabei das Erzählte zu erleben, weil sie in ihr Handy reden. Oder die unzähligen Aufnahmen in verschiedenen Posen, nur um dann den Hashtag #schnappschuss unter das veröffentlichte Bild zu klatschen. Durch all das entsteht eine Doppelmoral, die eigentlich nichts Anderes ist, als das traurige Betteln nach Aufmerksamkeit.

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

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