Fußball Sport

Rassismus im Fußballstadion ist auch 2018 noch ein großes Problem

Wöchentlich kommen im Fußball neue Rassismusaffären ans Tageslicht — bei Vereinen und Verbänden besteht Handlungsbedarf

Rassismus im Fußballstadion ist auch 2018 noch ein großes Problem 14. März 20181 Comment

Kaum eine Lebenssituation spiegelt die Gesellschaft so treffend wider, wie ein Fußballspiel. Am Match-Tag begegnen sich Frau und Mann, Alt und Jung, Arm und Reich in den Rängen des Stadions und vereinen sich zu einer Gemeinschaft mit derselben Liebe zum Spiel und ihrem Verein.

Die bedingungslose Unterstützung ihrer Mannschaft bleibt allerdings nicht die einzige im Schutze der Masse geäußerte Positionierung. Wenngleich das Artikulieren eindeutiger politischer Meinungen weitgehend von den Tribünen ferngehalten wird, so werden Fußballspiele weiterhin als Plattform für das Ausleben rechtsradikaler Gesinnungen genutzt. Der Fußball hat im Jahr 2018 noch immer ein gewaltiges Rassismusproblem.

Bananen, Beschimpfungen und Affengeräusche

“Heute wurde ich während des Spiels Opfer von Rassismus. Aufgrund von Schwäche, von Hass und dem Willen, mich einzuschüchtern. Ich hasse nicht. Die Leute, die so ein Verhalten an den Tag legen, können mir nur leidtun.”
— Blaise Matuidi

Im Spiel gegen Cagliari Calcio Anfang des Jahres musste der französische Nationalspieler Blaise Matuidi rassistische Hasstiraden der gegnerischen Fans über sich ergehen lassen. Geahndet wurden diese nicht, weil der Schiedsrichter sie nicht mitbekommen hat. Nur eine Woche zuvor war Matuidis Torjubel gegen Hellas Verona ebenfalls von diskriminierenden Sprechchören begleitet worden. Eine symbolische Strafe von 20.000 Euro sowie eine ausgesprochene Warnung vor gröberen Konsequenzen bei abermaligen Fehltritten der Hellas-Fans waren die überaus nachsichtigen Folgen für den Verein.

Innerhalb von nur einer Woche wurde ein und derselbe Spieler aufgrund seiner Hautfarbe in zwei verschiedenen Stadien beschimpft und diskriminiert. Die Resonanz der Öffentlichkeit? Anteilnahmslosigeit, bedingtes Interesse und Verharmlosung. Natürlich gab es die eine oder andere Solidaritätsnachricht und Stellungnahme, wirkliche Aufregung erzeugte der Fall aber nicht. Warum? Weil Rassismus in Fußballstadien zum traurigen Alltag geworden ist. Jede Woche erreichen uns Nachrichten von ähnlichen Vorfällen, wir sind desensibilisiert, wir gewöhnen uns daran.

Affengeräusche in Richtung des Trios von Borussia Dortmund Batshuayi-Isak-Zagadou, der Transferdirektor von West Ham United, der keine afrikanischen Spieler mehr verpflichten will und rechte Sprechchöre der Fans von Energie Cottbus — all diese Meldungen gehen im täglichen Nachrichtenmeer unter. Doch trotz ihrer steigenden Häufigkeit (oder gerade deswegen) sollte jede einzelne dieser Meldungen als das wahrgenommen werden, was sie sind: handfeste Skandale und Armutszeugnisse für die Welt des Fußballs.

Das Stadion als Plattform für rechtes Gedankengut

Rassismus im Fußball ist eine traurige Tatsache. Doch was macht das Stadion so anziehend für Diskriminierung?

Ein Fansektor lässt sich mit jeder Art Meinungsgruppe vergleichen. Der Einzelne rückt in den Hintergrund. Es entsteht eine Gruppendynamik, in der die Ansichten einiger weniger Meinungsführer auf alle anderen übertragen werden können. Individuell fühlt man sich als Teil einer großen Gruppe integriert und bestätigt.

Die Grundstrukturen von Fangemeinschaften weisen dabei durchaus Parallelen zum Rechtspopulismus auf. Einander zu einem großen Teil unbekannte Menschen stehen gemeinsam für eine Sache (den Verein), gleichzeitig bilden sich kollektive Feindbilder (z. B. rivalisierende Klubs, oder der Schiedsrichter).

Ein grundlegender Unterschied ist allerdings, dass die gesellschaftliche Akzeptanz in der Fußballarena völlig andere Maßstäbe erreicht. Ansichten, die in der Gesellschaft sonst nicht akzeptiert sind, werden hier nicht nur toleriert, sondern öffentlich zelebriert.


MEHR: Warum der Fußball noch immer ein Sexismusproblem hat


Dass Rassisten Fußballstadien als Plattform nutzen, um ihr Gedankengut zu verbreiten, ist daher nicht wirklich verwunderlich. Fußball ist der populärste Sport in weiten Teilen der Welt, Ultra-Gruppierungen gehören in Europa zu den größten Jugendbewegungen. Für Rechtsextreme bietet sich hier eine strategisch optimale Möglichkeit, um jugendliche Fußballfans unter dem Deckmantel der Vereinsliebe zu rekrutieren.

Verfeindete Fangruppen

Die allgemeine Zuordnung der Ultras ins rechte politische Lager ist eine grobe Fehleinschätzung, sind es doch oft ebendiese Fangemeinschaften, die Initiativen gegen Rassismus und für Solidarität ergreifen.

Vereinsintern entstehen daher oft Konflikte zwischen rechten Fangruppen und anti-rassistischen Ultras, die meist in Pöbeleien ihren Ursprung haben, jedoch schnell zu hangreiflichen Konfrontationen und Gewalt führen. Die politischen Meinungsverschiedenheiten gewinnen Oberhand über die gemeinsamen Vereinsfarben. Der Fußball rückt in den Hintergrund.

Die Handlungen und Entscheidungen der Klubs widersprechen meist den öffentlich deklarierten Grundprinzipien zur Toleranz und sind oft Ultrà-feindlich. Die Gründe dafür sind einerseits wirtschaftlicher Natur, so fürchtet man sich vor Verlust großer Teile der Anhängerschaft, andererseits hat man Angst vor Beschmutzung des Images. Aus Furcht davor, als rechtsextremer Verein abgestempelt zu werden, wenn man öffentlich gegen interne Rassismusprobleme vorgeht und dadurch mediales Interesse erzeugt, werden radikale Fangruppen weitestgehend toleriert.

Negativbeispiel Braunschweig

So etwa bei der Eintracht Braunschweig, deren Fanentwicklung als Sinnbild für viele europäische Vereine dient. In Braunschweig etablierte sich eine linke Ultra-Szene, die mit Botschaften gegen Diskriminierung jeglicher Form in und außerhalb der Stadien auffielen. Nachdem die Gruppierung Bedrohungen und Angriffen rechter Hooligans der eigenen Mannschaft ausgesetzt war, suchten sie Schutz und Hilfestellungen beim Verein.

Die Eintracht leugnete daraufhin nicht nur öffentlich den Rechtsextremismus bei den eigenen Fans, sie sorgte mit Stadionverboten und Sonderregelungen sogar für das gänzliche Verschwinden der linken Ultras 01 aus dem Stadion. Um Konflikten und Polemiken in und um den Verein aus dem Weg zu gehen, hat sich Eintracht Braunschweig gegen weltoffenen Aktivismus und für Toleranz von Rechtsradikalismus im Fußball entschieden.

Fehlende Konsequenz von Verbänden und Ligen

Nicht nur viele Vereine, sondern auch internationale und nationale Verbände haben es bisher verabsäumt, mit echten Maßnahmen gegen Rassismus und jede andere Form von Diskriminierung vorzugehen.

Große Institutionen, wie die Union of European Football Associations (UEFA), sind zurückhaltend mit strikten Maßnahmen oder verteilten Strafen. Das Problem wird nur auf indirektem Wege angesprochen, ohne ausreichend auf konkrete Tatbestände einzugehen.

Zwar positioniert sich die UEFA klar intolerant gegenüber rassischer Diskriminierung und trägt diese Message in Videos, auf Plakaten und durch prominente Botschafter in die Welt, wirklich verändert hat sich aber nichts. Die gesetzten Zeichen dienen der Aufklärung, in der Hoffnung, die Situation bessere sich von selbst. Die Wurzeln des Problems werden nicht behandelt, zu tief sind diese mittlerweile in der Kultur des Sports verankert.

Initiativen wie jene der Deutschen Bundesliga, die in dieser Woche den 27. Spieltag dem Thema Diskriminierung widmet, tragen zweifellos positiv zu einer Bewusstseinsbildung gegen Ausgrenzung jeglicher Art bei. Doch dem eigentlichen Ziel, Fremdenfeindlichkeit gänzlich aus den Stadien zu entfernen, rückt man damit nicht wirklich näher.

Um eine langfristige Veränderung zu erzeugen, müssen kurzfristige Imageschäden akzeptiert werden. Die Aufgabe der Verbände und Vereine ist es, ihre Null-Toleranz-Politik gegenüber Rassismus auch wirklich umzusetzen. Täter müssen identifiziert, Missstände offengelegt, lebenslange Stadionsperren verhängt und Geldstrafen drastisch erhöht werden.

Zeichen sind gut, Maßnahmen sind besser!

Mit Rassismus konfrontierte Spieler gehen unterschiedlich mit Anfeindungen um. Manch einer lässt Beleidigungen nicht an sich heran oder antwortet mit Humor. So etwa Dani Alves, der sich im Nachhinein sogar beim Übeltäter für die Stärkung bedankte.

Für andere ist das Zeichensetzen aber nicht mehr genug. Immer lauter werden die Forderungen von Spielern wie Kevin-Prince Boateng oder Mario Balotelli, beide schon mehrmals mit Diskriminierung auf dem Spielfeld konfrontiert, man müsse bei rassistischen Übergriffen strikter vorgehen. Der Deutsch-Ghanaer schlug zuletzt etwa vor, man solle die oft kritisierte neue Videotechnologie als Schiedsrichterhilfe doch auch als Mittel zur Identifizierung rassistischer Fans einsetzen.

Verantwortung übernehmen

Wenngleich Boatengs Vorschlag wohl nicht umsetzbar ist, stimmt die Marschroute. Rassismus hat im Fußballstadion nichts verloren, dementsprechend muss das Problem auch behandelt werden. Man muss ihm die Stirn bieten, es zurückdrängen und ihm keinen Platz im Sport gewähren. Vereine, Ligen, Verbände und Politiker müssen allesamt Verantwortung übernehmen, sodass Fußball wieder zu einem Sport wird, der verbindet, nicht spaltet.

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

[Foto: Screenshot via YouTube: “Balotelli: Racism makes me feel alone” von CNN]

One comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.