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“Baby, We’re Nothing But Violence” — die Editors sind zurück

Das insgesamt sechste Studioalbum der Briten schlägt einen energischen Ton an

“Baby, We’re Nothing But Violence” — die Editors sind zurück 15. März 20183 Comments

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Sobald die britische Band Editors ein neues Album ankündigen, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie ihr neues Projekt an das vorherige anschließen soll. Bis jetzt konnten die fünf Briten jedes Mal mit etwas Neuem aufkommen, ohne jedoch ihre persönliche Note zu verlieren. Nun ist es schon fast so, als müsste man darauf warten, auch einmal enttäuscht zu werden.


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Das Warten auf die neue Platte hat nun ein Ende — die Enttäuschung bleibt indes aus: Violence ist einzigartig, gewohnt übertrieben und so kraftvoll, wie es seine Vorboten “Magazine” und “Hallelujah (So Low)” versprochen hatten.

Die Editors und ihr Spiel mit der Dunkelheit

Frontman Tom Smith hatte schon immer eine Vorliebe für düstere Texte, denen er durch seinen Bariton noch zusätzlichen Nachdruck verleiht. Musikalisch haben sich die Editors 2015 mit ihrem letzten Album In Dream dann offiziell der Dunkelheit verschworen. Diese ist in Violence ebenso präsent, auch wenn sie diesmal nicht ganz so grollend über einen hineinbricht. Im Vordergrund stehen düstere und trotzdem tanzbare Synth-Pop-Elemente, die den perfekten Soundtrack für die nächste Goth-Party liefern. Vom ursprünglichen Indie-Rock, wie er auf ihrem im Jahr 2005 erschienenen Debüt The Back Room zu hören ist, ist kaum etwas übriggeblieben.

Dieses Mal wurde mit den beiden Produzenten John Power und vor allem Leo Abrahams getüftelt, der schon mit Imogen Heap, Pulp und Brian Eno zusammengearbeitet hat. Sein Einfluss hat die Band dazu gebracht, mehr Balance in ihre Nummern zu bringen. Im Gegensatz dazu wurde das vorherige Album In Dream ausschließlich von ihnen selbst produziert. Für das Album-Cover der Neuerscheinung, die Videos und die allgemeine Ästhetik war — wie zuvor — der niederländische Künstler Rahi Rezvani zuständig.

Ein Tanz mit den Vampiren

Nicht alle der neun Lieder stammen aus jüngster Vergangenheit: “No Sound But the Wind” wurde bereits 2009 auf The Twilight Saga: New Moon veröffentlicht. Der Band zufolge hat es das Lied auf das Album geschafft, da es nie anständig präsentiert worden war. Zu Recht, denn “Help me to carry the fire to keep it alight together” wird somit zur wahrscheinlich gefühlvollsten Zeile der gesamten Platte. Inhaltlich geht es um die Bindung zwischen Vater und Sohn, da Smith selbst Vater wurde, als er den Song schrieb. Obwohl die Version auf jener basiert, die man schon von Konzerten kennt, kann die herzreißende Darbietung am Festival Rock Werchter im Jahr 2010 nicht überboten werden. Kein Wunder, denn die Verbindung, die durch genau dieses Lied zum Publikum aufgebaut wird, kann man in keinem Studio reproduzieren. Somit erscheint die veröffentlichte Version noch etwas mehr zurückgenommen.

Auch “Magazine” gibt es eigentlich schon fast sieben Jahre, entstanden zu einer Zeit, in der sich die Band fast getrennt hätte. Durch das Abschließen und Veröffentlichen der Nummer soll dieses Kapitel in ihrer Vergangenheit endgültig begraben werden. Die zweite bis jetzt veröffentlichte Single “Hallelujah (So Low)” wurde inspiriert von den Eindrücken auf einem Flüchtlingscamp in Griechenland, auch wenn Smith aussagt, der Song handle nicht direkt davon.

Unerwartetes und die musikalische Entwicklung bis hin zu Violence

Aufregend arrangiert sind der Album-betitelnde Song “Violence” sowie “Counting Spooks”, bei welchem der theatralische, vom Synth getragene Sound plötzlich in einen Disco-Beat umschlägt. Laut eigenen Angaben wurde versucht, bei beiden Songs anfänglich minimalistisch vorzugehen. Dennoch wird man auch nach unzähligem Anhören noch irgendeinen Aspekt finden, den man zuvor vielleicht nicht wahrgenommen hat. Außerdem wird einem hier bewusst, was genau mit der Balance gemeint wird, die der Produzent geschaffen haben soll. Das Gesamtbild ist stimmig, trotz der aufregenden Stilbrüche.


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Wider Erwarten ist “The Pulse” nicht auf der LP, obwohl es ab 2016 regelmäßig auf Festivals gespielt wurde. Angeblich habe der Song im Studio nicht so überzeugt wie live. Letztendlich gab es gleich zwei sich von der gewohnten Version unterscheidende Varianten — der Wille war also da.

Da das 2013 erschienene The Weight of Your Love das erste Album in aktueller Besetzung war, wird es von der Band heute als musikalische Wiedergeburt betrachtet. In Dream wird folglich als Weiterentwicklung und Lernprozess wahrgenommen. Synthlastig war davor nur In This Light And On This Evening, das Album, auf welchem auch “Papillon” zu hören ist. Die Anwendung dessen, was sie durch diese Weiterentwicklung mitgenommen haben, kann man nun auf Violence hören. Dies kann und sollte man am 18. April übrigens live im Gasometer.

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[Foto: Thesupermat/Wikimedia/CC BY-SA 4.0]

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