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Walter White, Dexter & Co: Die Faszination des Bösen in TV-Serien

Kriminelle und bösartige Serien-Protagonisten ziehen die Zuseher in einen emotionalen Bann

Walter White, Dexter & Co: Die Faszination des Bösen in TV-Serien 3. Mai 2018Leave a comment

stv. Ressortleiter Popkultur

Es ist nichts, für das man sich schämen müsste. Millionen von Zusehern und Zuseherinnen verfolgen die Geschichten von unzähligen Seriencharakteren, die nicht ethisch korrekt handeln. Sei es Mord, Diebstahl oder Erpressung. Die Liste ist weitaus länger, schon klar, die Faszination der Verbrechen steigt dennoch weiter an. Denn Fakt ist: Je schlimmer oder ausgeklügelter das Verbrechen (man denke an die Heists der Ocean‘s-Reihe), desto mehr richten wir unsere Linsen auf das Fernsehgerät.


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Als einer der größten Drogenbosse dieses Planeten war Pablo Escobar für mehr als 5.000 Morde verantwortlich. Aber er tötete freilich nicht nur Handlanger konkurrierender Kartelle — nein, Escobar war auch schuld am Tod von unzähligen Polizisten und Zivilisten. Bombenanschläge in Medellin fetzten den Menschen die Haut von den Knochen. Seine Verbrechen waren bösartig, sein Vorgehen akribisch und gezielt. All seine Taten werden in mal mehr und mal weniger wahrheitsgetreuen Serien (Narcos) oder Filmen (Loving Pablo) aufgezeigt. Die Brutalitäten seiner Verbrechen sind dennoch immer nur Nachzeichnungen, können den Schrecken nicht widerspiegeln. Trotzdem finden alle Pablo geil. Jetzt wo er in Narcos Geschichte ist, interessieren die weiteren Staffeln beinahe keinen mehr.

Die Facetten des Bösen

Natürlich ist Pablo Escobar nicht der einzige Seriencharakter, der durch seine bösartigen Eigenschaften und blutrünstigen Taten begeistert. Es ist zu sagen, dass man hier differenzieren muss. Klarerweise wird Charakteren, die realen Bezug haben, mehr Respekt entgegengebracht. Viel öfters hört man: “Schon heftig, was der so gemacht macht”, um es ganz simpel auszudrücken. Während man die diabolische Gerissenheit anderer Protagonisten selbst an ihren Höhepunkten noch weiter herausfordern will.

Niemand konnte genug bekommen von den Machenschaften Walter Whites (Bryan Cranston) aus Breaking Bad. Noch teuflischer war etwa Hannibal (Mads Mikkelsen) in der gleichnamigen Serie.

Dennoch sind alle Charaktere, die jetzt nach dem kolumbianischen Drogenboss genannt wurden, fiktive Personalien. Deren Wirken so wahnhaft und gestört wie möglich darzustellen, ist reine Fiktion und Teil des Geschäftes. Aufpassen sollte man nur bei Charakteren, die in unserer tatsächlichen Welt Blut an den Händen haben. Natürlich wollen wir hier jetzt keine Moralapostel spielen, wir finden Narcos ebenso spannend. Wir sollten uns nur den (ehemaligen) Konsequenzen diverser Verbrechen bewusst sein — eigentlich eine Aufgabe, die Serien ohnehin übernehmen müssen.

Profit und Moral — ein zweischneidiges Schwert

Dass Serienproduzenten jetzt nicht unbedingt die Unschuld vom Lande symbolisieren, ist bekannt. Nicht umsonst lassen sich die Entwickler von Serien per Hinweis vor Beginn der Sendung gerade so viel Fiktion frei, um eine Dramaturgie zu schaffen. Schlussendlich nicht nur, um nicht als hochwertige Dokumentation abgestempelt zu werden, sondern um Höhepunkte zu kreieren und einen Handlungsbogen zu ermöglichen, der sonst weit weniger attraktiv erschienen wäre. Dieses Problem haben fiktive Serien nicht, sie haben die Möglichkeit, grausam zu sein. Ist ja alles frei erfunden.

Dass Serien so funktionieren, weiß mittlerweile jeder Laie. Vordergründig für die Motive einer solchen Entwicklung sind — logisch — Einschaltquoten. Die führen — noch logischer — zu Profit. Und dieses Wort wird immer, wenn man es zum Beispiel in einem Word-Dokument verwendet, dick geschrieben, unterstrichen und rot eingefärbt. Geld ist nun mal die konkrete Motivation eines jeden Entwicklers. Und Verbrechen in einer Serie = Geld.

Es stellt sich nur die Frage: Verzerrt dies unsere Wahrnehmung von den sozialen Werten, nach denen wir leben sollten? Sollten geschäftige Eltern bei der Schulversammlung aufzeigen und sich über gewaltsame Serien und die Darstellung von Verbrechen beschweren?

Die Sucht nach dem Bösem

Keine Sorge, das machen die nervigen Vormünder ohnehin von alleine. Im Grunde haben wir bereits die Lösung für dieses vermeintliche Spannungsfeld zwischen Moral und Profit. Schlussendlich liefern Serienmacher genau das, wonach ihr Publikum fordert. Es sollte nicht gefragt werden, was gezeigt werden darf, sondern viel mehr, warum wir das unbedingt sehen wollen. Suchen wir also die Schuld nicht bei denen, die uns liefern, was wir wollen. Das wäre genauso, als würde man den Zalando-Boten eine überbraten, weil er einem die bestellten Schuhe bringt. Ergo: Wir sind selber verantwortlich für moralische Abweichungen in Film, TV und Videospielen. Und genau das ist der Punkt.


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Moralische Abweichungen: Weil sie im eigenen Leben wenig vorkommen, scheinen sie eine enorme Attraktivität auszustrahlen. In der realen Sphäre begegnen wir ihnen meist nur in Nachrichtensendungen — und in vielen Fällen sind wir davon kaum mehr beeindruckt. Der Nachrichtenwert Valenz von Winfried Schulz beschreibt genau das: Die Anziehungskraft von schlechten Nachrichten. Der Negativismus beherrscht die Berichterstattungen. Klar, interessiert keinen, wenn Herr Müller einen Preis für den schönsten Garten bekommt. Viel spannender: Nachbar fackelt Müllers Garten ab.

Wir sind trotzdem gute Menschen

Ebenso interessieren uns Serien über Verbrecher, Mörder und korrupte Politiker. Niemand will die Teletubbies für Erwachsene. Nicht nur das dargestellte Böse bahnt uns an die Fernsehgeräte. Ebenso begeistern Fäkalsprache und Sexszenen. Hauptsache es passiert etwas, das man sich selbst nicht zutrauen würde. Denn in vielen von uns steckt auch ein klein wenig Dexter. Ebenso wahrscheinlich etwas von dem filigranen Hannibal, der seine Opfer künstlerisch verkocht. Oder wer hat sich nicht vorgestellt, wie Pablo der Boss eines ganzen Kartells zu sein?

Schließlich ist es aber nicht das Grausame, durch das wir uns mit diesen Seriencharakteren identifizieren. Es ist das Gute, das noch in ihnen steckt. Die Moralvorstellungen Dexters, die Liebe für die Familie von Walter White oder Tony Soprano. Auch Pablo Escobar hat hin und wieder einen Anflug von Sympathie.

Schließlich macht es die Mischung aus Charakterzügen aus, nach denen wir beurteilen, ob wir uns mit einem Protagonisten identifizieren wollen. Weil uns das personifizierte Böse abschreckt. Oder würdest du mit Ramsay Bolton gerne Kirschen essen? Eigentlich sind wir alle gute Menschen, die gute Menschen sehen wollen. Es interessiert uns nur, wie es wäre, böse zu sein.

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: © AMC/Frank Ockenfels]

stv. Ressortleiter Popkultur

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