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Die unangefochtene Nostalgie der Oasis-Fans

Trotz der Trennung von Oasis wünschen sich viele Fans bei den Gallagher-Konzerten die klassischen Lieder der aufgelösten britischen Band

Die unangefochtene Nostalgie der Oasis-Fans 8. Mai 2018Leave a comment

Redakteurin

Bei der Frage nach der Band, der wohl die meisten Britpop-Fans nachtrauern und die nicht The Beatles heißen, liegt die Antwort eigentlich auf der Hand. Als sich Oasis 2009 trennten, ging — zumindest theoretisch — die Ära einer der größten britischen Bands zu Ende. Theoretisch eben deshalb, weil die Sache irgendwie noch nicht vorbei ist. Die Band mag zwar Geschichte sein, aber die Gebrüder Gallagher lassen sie keinesfalls in Vergessenheit geraten.

Getrennte Wege, geteilter Stolz

Noel, der ältere der beiden, musiziert seit 2011 mit seinen Noel Gallagher’s High Flying Birds, mit denen er im Vorjahr das dritte Album veröffentlicht hat. Sein Bruder Liam führte bis 2014 mit den anderen ehemaligen Oasis-Mitgliedern die Band unter dem Namen Beady Eye fort. Ebenfalls im vergangenen Jahr brachte er seine erste Solo-Platte As You Were auf den Markt.

Obwohl sie also schon länger unabhängig voneinander auftreten, lassen es sich die Brüder natürlich nicht nehmen, auf Konzerten Lieder aus alten Tagen zu spielen. Während Noel bei seinen Gigs mit über 20 Liedern momentan sechs Oasis-Nummern im Repertoire hat, waren es bei Liams letzten Festival-Auftritten neun, bei 13 Liedern insgesamt. Dies als Vergleich anzusehen, wäre jedoch mit Rücksicht auf die Anzahl ihrer jeweils veröffentlichten Alben unfair.

Egal, Hauptsache “Wonderwall”

Zumal ist es ja kein Wettbewerb, wer es schafft, weniger Lieder aus gemeinsamer Zeit zu spielen. Für die meisten ihrer Fans ist es wohl das genaue Gegenteil — je mehr Oasis, desto besser. Verständlich, wenn man mit ihrer Musik aufgewachsen ist und der Gruppe tatsächlich nachtrauert. Dennoch kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass das Lieblingslied von Personen, die sich ein wenig eingehender mit Oasis beschäftigt haben, wahrscheinlich nicht “Wonderwall” ist. Trotzdem werden im Laufe eines Konzerts von Noel Gallagher’s High Flying Birds, als gerade nach einem Lied vorübergehende Dunkelheit herrscht, Hunderte von Handys ausgepackt.


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Erst da wird einem bewusst, wieviele Leute anscheinend im Vorhinein die Setlist studiert und seither genau diesem Moment entgegengefiebert haben. Aber eigentlich wusste man schon davor Bescheid, was jetzt gespielt werden würde, als man jemanden sagen hören konnte: “Jetzt kommt eh bald ‘Wonderwall’, dann haben wir’s hinter uns.” Kein Sarkasmus, leider. Vielleicht sind sie aber doch noch für “Don’t Look Back In Anger” geblieben, schließlich war das der letzte Song.

Früher war alles besser

Außer Frage steht, dass das unglaubliche Lieder sind, bei denen man — auch wenn man sie wortwörtlich unzählige Male gehört hat — live trotzdem gerne mitsingt. Mit Sicherheit kennt auch jeder die Konzert-Situation, dass bei Liedern, die die Leute schon länger kennen, mehr Stimmung aufkommt, als bei den Neuerscheinungen.


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In diesem Fall ist jedoch der Unterschied zumindest im deutschsprachigen Raum so gewaltig, dass man sich fast sicher sein muss, dass einige Leute das neue Album Who Built The Moon? vermutlich gar nicht angehört haben. Falls doch, dürften sie nicht sonderlich begeistert gewesen sein. Auch Nummern der zwei Vorgänger finden live deutlich weniger Anklang als Oasis-Songs, wenn auch etwas mehr als die ganz neuen. Allgemein war das auch der Hauptkritikpunkt an der neuen LP: Zu anders und vor allem zu wenig Oasis.

Ein bisschen Fremdschämen inklusive

Wahrscheinlich ist es der unvermeidbare Beigeschmack vom großen Erfolg in den 1990ern, dass es einfach unmöglich ist, ein ähnliches Maß an Anerkennung für neue und noch dazu stilistisch andere Musik zu bekommen. Es tut einem fast ein bisschen Leid, denn obwohl außer Noel selbst die ehemaligen Oasis-Mitglieder Drummer Chris Sharrok und Gitarrist Gem Archer dazugestoßen sind, handelt es sich bei den High Flying Birds trotzdem um eine komplett andere Band mit eigenem Flair. Besonders Charlotte Marionneau an der Schere ist ein Anblick, den man so schnell nicht vergisst.

Die Art, wie die Band ihre eigene Musik gepaart mit gut abgestimmten Visuals präsentiert, ist definitiv Grund genug, sich eine Karte zu kaufen. Bezüglich der Konzertgestaltung und des Spielens von Oasis-Nummern, meinte Noel unlängst in einem Interview mit Lars Ulrich: “Das Einzige, das ich beachte, weil besonders in England diese Lieder für manche Leute ein Teil ihres Lebens sind, ist, dass ich Charlotte nicht bei einem Oasis-Song die Schere spielen lasse […] Mir ist bewusst, was diese Lieder den Menschen bedeuten.”

Somit ist klar, dass der Musiker seine alten Lieder noch immer gerne zum Besten gibt. Dadurch werden sie immer einen Platz auf der Setlist haben und das ist auch gut so. Wundern muss man sich trotzdem, wenn man auf dem Weg zur U-Bahn noch Dinge wie “Ja, nach Oasis hätte er einfach aufhören sollen” oder “Mittlerweile ist er ja wahrscheinlich taub mitanhören muss. Immerhin geht man ja zu Konzerten und setzt voraus, dass den Leuten, die um einen herumstehen, die Musik auch gefällt.

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[Foto: Paul Torres Rey/Flickr/CC BY-NC-SA 2.0]

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