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Rapid und Austria: Was ist nur los in der Hauptstadt?

Rapid und Austria hinken den Erwartungen seit Jahren hinterher. Was ist der Grund für die Erfolgslosigkeit der Wiener Großklubs?

Rapid und Austria: Was ist nur los in der Hauptstadt? 9. Mai 2018Leave a comment

Redakteur

Red Bull Salzburg spaziert nicht nur seit Jahren durch nationale Fußballbewerbe, seit neuestem sind sie selbst international höchst erfolgreich. In der Hauptstadt herrscht hingegen seit Jahren chronische Erfolgslosigkeit. Rekordmeister Rapid ist seit mittlerweile zehn (!) Jahren ohne Titel. Die Austria ist in den letzten sieben Jahren nur dreimal im Europacup vertreten gewesen — und das, obwohl sich dieses Jahr wieder einmal fünf Teams — und damit die halbe Liga — Tickets nach Europa sichern werden. Doch abgesehen von Meister Salzburg heißt der Gewinner dieser Saison wieder einmal Sturm Graz. Dazu spielt Aufsteiger LASK Linz nächste Saison europäisch und auch Admira Wacker ist der internationale Startplatz nur mehr theoretisch zu nehmen.

Die Wiener Klubs enttäuschten hingegen auf ganzer Linie. In Hütteldorf ist man bereits froh, dass die Qualifikation für den Europacup geglückt ist. Dass man wieder nur auf Rang drei liegt und auch im Cup-Halbfinale an Sturm Graz gescheitert ist, spielt schon fast keine Rolle. Die Austria wiederum müsste bei einer etwas ausgeglicheneren Liga, ebenso wie Rapid im letzten Jahr, mit ihrer Punkteausbeute eigentlich noch im Abstiegskampf stecken.

Ein Vergleich, den keiner will

Vergleicht man Violett mit Grün-Weiß finden sich erstaunlich viele Parallelen. Von fehlenden sportlichen Konzepten, über (Not-)Trainer und vermisste Nationalspieler bis hin zur Ausrede Nummer eins: Red Bull Salzburg.


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Bei Rapid soll Fans und Fußball-Konsumenten ballbesitzorientierter Offensivfußball geboten werden. Daran hat man sich in den letzten Jahren im Großen und Ganzen auch gehalten, nimmt man die Verpflichtung Damir Canadis aus. Mit dem Alleingang von Präsident Michael Krammer hat sich Rapid ein klassisches Eigentor geschossen und, so scheint es, noch immer nicht vollständig davon erholt. Immer wieder beteuern die Rapid-Verantwortlichen, allen voran Sportdirektor Fredy Bickel, dass “wir eine sehr schwierige letzte Saison hatten und froh sein müssen, wenn wir unter die ersten Drei kommen.”

Die Verpflichtung Canadis war das i-Tüpfelchen einer total verpatzten Saison in Wien-Hütteldorf. Das sportliche System wurde dadurch kurzfristig komplett über den Haufen geworfen. Mittlerweile setzt man mit Goran Djuricin wieder auf den gewohnten Offensivfußball im für Rapid fast schon typischen 4-2-3-1-System.

Bei der Austria ist schon länger nicht klar, welcher Fußball gespielt werden soll. Mit Thorsten Fink kehrte zumindest vorübergehend eine gewisse Kontinuität bei den Veilchen ein. Der größte Erfolg in seinen knapp drei Jahren sollte ein zweiter Platz mit 13 Niederlagen in der Saison 2016/17  bleiben. Die Verpflichtung von Feuerwehrmann Thomas Letsch in Bezug auf die grundsätzliche Spielidee am Verteilerkreis ist zumindest fragwürdig. Nimmt man Sportdirektor Franz Wohlfahrt beim Wort, macht dieser Trainerwechsel natürlich Sinn, hat er doch bereits vor über drei Jahren zu seinem Amtsantritt mit folgender Idee für Verwunderung gesorgt: “Meine Philosophie ist, dass ich keine fixe Philosophie habe.”

Grün-Weiß und Violett sind kein Teil mehr von Rot-Weiß-Rot

Seit Jahren stellen die Wiener Großvereine kaum bis gar keine Spieler für das österreichische Nationalteam ab. In der Ära Marcel Kollers hat man sich darauf ausgeredet, dass dieser Spieler aus den internationalen Ligen bevorzuge. Doch auch seit mit Franco Foda ein neuer Teamchef im Amt ist, hat sich an der tristen Situation der Wiener Großklubs nichts geändert.

Während im letzten Aufgebot (Anm.: Stefan Hierländer wurde nachnominiert) mit Lainer, Ulmer und Schlager, sowie Siebenhandl, Zulj und Hierländer je drei Spieler von Salzburg beziehungsweise Sturm Graz im Aufgebot standen, waren Rapid und Austria zusammen durch ebenso viele Spieler vertreten wie der SV Mattersburg, nämlich mit einem. Dieser heißt Louis Schaub und hält für Grün-Weiß schon seit einiger Zeit die Fahnen im österreichischen Nationalteam hoch.


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Einerseits kann von einer positiven Entwicklung gesprochen werden, wenn der Nationalteamtrainer immer mehr Möglichkeiten hat, Spieler aus den europäischen Top-Ligen einzuberufen. Andererseits muss es der Anspruch der Wiener Großklubs sein, regelmäßig österreichische Spitzenspieler auszubilden, die einen Weg in das A-Nationalteam finden.

Faule Ausreden decken die wahren Probleme nicht auf

Wenn die Rapid-Verantwortlichen davon sprechen, “dass Salzburg aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten in einer eigenen Liga spielt”, lassen sie dabei außer Acht, dass Rapid das im Vergleich zur restlichen Liga ebenfalls tut. Doch Rapid wird diesen Voraussetzungen nicht gerecht. Würden sie Jahr für Jahr Platz zwei in der Liga belegen, könnte von einer anderen Ausgangssituation gesprochen werden. Aktuell liegt mit Sturm Graz wieder einmal ein Team vor Rapid, dass nicht einmal halb so viel Budget wie die Grün-Weißen hat und dementsprechend in einer anderen Liga spielen sollte, nämlich weit unterhalb Rapids.

Sturm Graz schafft mit kolportierten 13 Millionen Euro Budget (via. 90minuten.at) dieses Jahr höchtwahrscheinlich das, was für Rapid und Austria im Zweikampf Jahr für Jahr das Mindestziel darstellen müsste — nämlich einen gesicherten zweiten Platz hinter den Mozartstädtern zu belegen. Doch Rapid mit rund 30 Millionen Euro Budget und die Austria mit etwa 25 Millionen Euro liegen aktuell auf Platz drei und sieben.

Die Titellosigkeit in Zahlen

Sieht man sich den Punkteschnitt in der österreichischen Bundesliga aus den letzten zehn Jahren (Anm.: 2007/08 bis 2016/17) an, kann beobachtet werden, dass sich Rapid und Austria sehr ähnlich sind. Bei Rapid sind es nach 36 Spieltagen durchschnittlich 62,4 Punkte, bei der Austria 61. Mit dieser Punkteausbeute hätte es auch in den zehn Jahren vor dem Einstieg Red Bulls nur einmal zu einer Meisterschaft gereicht.

Die Präsenz Red Bull Salzburgs scheint nur eine allseits beliebte Ausrede für selbstverschuldete Fehler zu sein. Denn Fakt ist: In einer Liga, bei der mit Ausnahme Salzburgs alle Mannschaften nur einen Bruchteil des Budgets der Wiener Großklubs zur Verfügung haben, sind knapp über 60 Punkte pro Saison einfach zu wenig. Damit hat man noch nie Titel holen können, kann es momentan nicht und wird es in Zukunft auch nicht können.

In den letzten 30 Saisons (diese Spielzeit miteingerechnet, da bereits feststeht, dass weder die Austria noch Rapid einen Titel holen werden) haben die Wiener Klubs nur 18 von 60 möglichen nationalen Titeln geholt. Dabei kommt die Austria deutlich besser weg, hat sie mit acht Cup-Titeln und sechs Meisterschaften immerhin 14 Titel erringen können und damit fast ein Viertel der Gesamtsumme. Rapid Wien, immerhin österreichischer Rekordmeister, hat es geschafft, nur vier (!) Titel in den letzten 30 Jahren zu holen. Eine Tatsache, die nicht zu leugnen ist und kaum einen Fan in Grün-Weiß kalt lässt.

Red Bull Salzburg als gutes Beispiel

Damit Rapid Rekordmeister bleibt und die Austria wieder Stammgast im Europacup werden kann, muss sich im Wiener Fußball grundlegend etwas ändern. Wie es gehen könnte, sieht man bei Red Bull Salzburg. Nach einigen Jahren der “Hire-and-fire-Politik” wurde ein deutlicher Schnitt gezogen und seitdem konsequent mit einem sportlichen Konzept gearbeitet, dem sämtliche Entscheidungen untergeordnet werden. Die Wiener Großklubs sollten zusehends schauen, dass sie der Realität in die Augen blicken und ihre chronische Titel- bzw. Konzeptlosigkeit nicht leugnen. Sonst sprechen wir in einigen Jahren möglicherweise nur mehr von den Wiener Klubs. Das “Groß” dürfte dann wohl endgültig der Vergangenheit angehören.

Matthias auf Twitter: @mwFuehrer

[Foto: Claus Rebler/Flickr/CC BY-SA 2.0]

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