Musik Popkultur

Zwischen Genie und Wahnsinn: Die neuen Arctic Monkeys

Das neue Album der Arctic Monkeys spaltet die Gemüter

Zwischen Genie und Wahnsinn: Die neuen Arctic Monkeys 16. Mai 20182 Comments

Redakteur

“I just wanted to be one of the Strokes / now look …” — NEIN, STOP!!! Von allen Reviews, Besprechungen, Interviews, Liebesbekundungen und Hasstiraden haben 90 Prozent exakt mit diesem Satz begonnen. Was auch immer dieser kleine Artikel wird — Hochlob in den Himmel oder Downfall in den Rachen des Satans — dieser Satz verdient es, nicht ausgeschrieben zu werden. Nichtmal annähernd sind es die besten Lyrics auf diesem Album. Es handelt sich hierbei lediglich um die ersten Zeilen, die Alex Turner, Frontman der britischen Band Arctic Monkeys, auf dem neuen Album Tranquility Base Hotel + Casino singt. Und dass eben dieser schon immer einer von den Strokes sein wollte, war der Menschheit vor der pathetischen Aussprache bewusst.

Aber von vorne: Meine sehr innige Beziehung zu der wohl erfolgreichsten Indie-Band der Welt begann im Jahr 2007. Irgendwie gab es in meinem Leben eine Zeit, in der mich mein jugendliches Hirn nicht schlafen lassen wollte — egal, wie ich es auch probierte. Mein Ausweg aus diesen gefühlsleeren Nächten, an denen man einfach nur an die Decke starrte, war recht schnell die Musik. Eine Band war aber ganz besonders wichtig für den Prozess, nicht verrückt zu werden: Die Arctic Monkeys, eine Vierer-Combo aus Sheffield.

Favourite Worst Nightmare war damals das aktuelle Gustostück der Gruppe, zwei Jahre nach dem Release ihres Debüt-Albums Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not. Ersteres ist bis heute noch eines meiner liebsten Alben überhaupt. Die musikalische Reise der vier Briten wurde immer bis zu einem gewissen Grad von Frontman Alex Turner bestimmt. Nach Favourite Worst Nightmare gab es Humbug — kein Scherz. Zunächst von vielen Kritikern unterschätzt und von vielen Fans als das Album betitelt, das “diese Band ganz sicher umbringt”, wurde es über die Zeit auch ein Liebling von eben jenen.

Suck It and See ist bis heute ein geheimer Favorit vieler. Mit AM passierte den Vier wohl der Geniestreich ihrer bisherigen Karriere. Eine wahnsinnige Rockplatte, die nur so vor Übermut und Selbstdarstellung strotzt, aber nie zu dick aufträgt oder altbacken wirkt. Mit Tranquility Base Hotel + Casino ist ein neuer Meilenstein der Bandgeschichte geschaffen worden. Aber wie genau denn jetzt eigentlich?

Neu. Aber auch gut?

Im Internet gehen die Meinungen über das neue Album sehr weit auseinander. Zwischen absoluter Ungunst, feuchten Höschen (Männer sowie Frauen!) und allem, was zwischen Himmel und Hölle noch verfügbar ist. Einer genauen Beschreibung ist aber fast niemand mächtig. Für viele ist es ein Schritt zurück, für manche ein gewaltiger Schritt nach vorne. Betitelt wurde der neue Longplayer der Band als Lounge-Pop-Album, dass einem David Bowie würdig wäre. Wenn man rockige Gitarren finden will, sucht man vergebens.


MEHR: “Baby, We’re Nothing But Violence” — die Editors sind zurück


Man könnte meinen, Alex Turner hätte gerne eine Soloplatte aufgenommen. So wurde das Album auch geschrieben: Er alleine auf einem riesigen Flügel, den er von seinem Manager geschenkt bekommen hat. Der Rest der Band durfte dann über diese Demos entscheiden — wird es ein Arctic Monkeys-Album oder eine Soloplatte aus der Feder von Turner? Das wurde aber entschieden abgelehnt. Im Aufnahmeprozess wurden dann die Demospuren aufgearbeitet und Teile der Band kamen immer wieder nach Los Angeles, um ihren Part zu erfüllen. Drummer Matt Heiders sagte über die Recordings, dass er bewusst auf viele Drum-Parts verzichtete, da er dieses Mal nur sehr songdienlich spielen wollte. Damit verlor das Album leider auch ein bisschen an Lebhaftigkeit, was aber im Kontext nicht unbedingt schlimm ist.

Die persönliche Auseinandersetzung mit Tranquility Base Hotel + Casino

Lyrisch dürfte Tranquility Base Hotel + Casino wohl das Beste der sechs Studioalben sein. Zwischen Sci-Fi, Smartphones, Liebe und Hass bedient sich Alex Turner immer wieder sehr lustiger Analogien. Ein Track auf dem Album trägt den Namen “The World’s First Ever Monster Truck Front Flip” — hier diente ein News-Artikel als Muse. Es ist unglaublich, wie sehr sich Turner lyrisch aus dem Fenster lehnen kann, ohne dass man sich im kompletten Dadaismus wiederfindet. Der Grad ist oft schmal und doch schmunzelt man immer wieder bei so manchen Zeilen.

Produktionstechnisch ist das Album leider etwas diffus. Hin und wieder sind die Songs einfach überladen. Hier ein Klavier, dort ein E-Piano, Synths, Gitarren und irgendwo dahinter ein sehr minimalistisch aufgenommenes Schlagzeug. Turners Stimme ist oft sehr präsent, dann wieder eher klein gemischt. Trotz allem lässt sich ein roter Faden leicht finden, selbst wenn er oft stark verknotet ist. Liebhaber etwas psychedelischer Musik à la Pink Floyd finden in Tranquility Base Hotel + Casino sicher ein gemachtes Bett. Für Fans der rockigeren Arctic Monkeys wird der Umstieg wahrscheinlich eher schwer. Fun Fact: Die Wikipedia-Page der Band las sich vorübergehend eher lustig:

Future unknown

Ein Ausblick auf die Zukunft der Band ist schwer zu geben. Es ist gut, dass man auch mit Major-Deals 2018 noch Musik machen darf, auf die man selbst am meisten Lust hat. Es ist auch erfrischend zu sehen, dass es immer noch eine Band gibt, die sich nicht von Fans oder der Industrie gemüßigt fühlt, nur Gitarrenrock zu schreiben. Ob das nächste Album wieder ein Space-Pop, Lounge-Pop oder Rock-Album wird, ist zum Glück nicht sicher. Das war schon nach dem zweiten Album so und damit ebneten sich die Arctic Monkeys einen Weg, den Musiker nur selten überleben.

Die Suche nach einem eigenen Stil, die Suche nach einem eigenen Sound, ohne sich selbst zu verraten. Bei diesen vier Engländern ist das aber das genaue Gegenteil. Sie dürfen sich neu erfinden, sich neu ausdenken. Alex Turner war bei AM ein amerikanischer Cowboy und die Band klang demnach auch rough und rockig. Davor waren Alex und seine Posse die Jungs von nebenan. Jetzt ist er der sinnierende Rotweintrinker mit Hang zur Übertreibung — und es funktioniert. Der Überraschungseffekt der Arctic Monkeys und ihrer Kunst ist somit ein Fixpunkt am Musikhimmel der Neuzeit. Zum Glück gibt es dieser Tage noch Überraschungen.

Dominik auf Twitter: @dominikwendl

[Foto: Promo/Illustration von James P. Platzer]

Redakteur

2 comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.