Gesellschaft

Alkoholkonsum in Österreich: Rettungsanker oder Teufel?

In Österreich sterben jährlich 100 Menschen an einer akuten Alkoholvergiftung

Alkoholkonsum in Österreich: Rettungsanker oder Teufel? 18. Mai 2018Leave a comment

Redakteurin

Alkohol betrifft jeden in der Gesellschaft — direkt oder indirekt.

Diese Aussage wurde vom Psychiater Sergei Metcheriakov am 4. Mai bei einer Pressekonferenz und Buchvorstellung zum Thema Alkohol getätigt. Die meisten Österreicherinnen und Österreicher, die legal Alkohol trinken dürfen, tun dies auch oder haben es zumindest schon ausprobiert. Lediglich vier Prozent haben noch nie zu einem Glas Alkohol gegriffen. Gewisse Berührungspunkte mit alkoholischen Genussmitteln gibt es aber bei vielen Menschen. Auch wenn es nicht jeder am eigenen Leib erfährt, dann eben durch den Freundeskreis oder die Familie.

Alkohol hat einen hohen Stellenwert in Österreich. Nicht nur bei Erwachsenen, die gemütlich beim Abendessen ein Glas Wein oder ein Feierabendbier vor dem Fernseher trinken — sondern auch bei Minderjährigen oder jungen Erwachsenen, die ihre eigenen Grenzen noch nicht kennen. Es gibt viele Gründe, warum Menschen zu alkoholischen Genussmitteln greifen, wie gesellschaftliche Aspekte oder um Probleme zu vergessen.

Alkohol ist eine Selbstverständlichkeit in unserer Kultur

In unserer Gesellschaft wird es ohne großes Nachfragen akzeptiert, wenn man Drogen oder Zigaretten ablehnt, bei Alkohol sieht das Ganze schon wieder anders aus. Mit Sprüchen wie “Ein Glas geht schon noch” oder “Was, du trinkst heute nur Wasser?” wurde beinahe jeder schon einmal konfrontiert. Hierbei wird oft übersehen, welches Suchtpotenzial in alkoholischen Getränken steckt.

Natürlich muss jeder selber lernen, wie viel er unbedenklich zu sich nehmen kann, doch es gibt gesundheitliche Limits, die nicht überschritten werden sollten. Die Gefährdungsgrenze, die zur Alkoholabhängigkeit führen kann, liegt laut dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger bei 60 Gramm für Männer und 40 Gramm für Frauen pro Tag. Das wirkt auf den ersten Blick gar nicht so viel, aber drei Gläser Wein oder Bier sind an einem Abend schnell getrunken. 60 Gramm Reinalkohol sind in etwa 1,5 Liter Bier oder 0,75 Liter Wein. 40 Gramm entsprechen ungefähr einem Liter Bier oder einem halben Liter Wein.


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Menschen, die gemeinsam die ersten Alkoholerfahrungen gemacht haben, teilen oft ein ähnliches Trinkverhalten. Der Beginn des Alkoholkonsums ist meist gleich, die Jugendlichen gehen gemeinsam zu Festen und trinken ähnliche Getränke. Allerdings ist in vielen Fällen später eine Spaltung im Umgang mit den berauschenden Getränken bemerkbar. Manche lernen ihre Grenzen sehr schnell kennen und wissen, wann ein Schlussstrich gezogen werden soll. Manche eben nicht.

So kommt es, dass der eine in eine Alkoholabhängigkeit abrutscht und der andere ein völlig gesundes Verhältnis zu Alkohol entwickelt. In der Pressekonferenz wurde erwähnt, dass vor allem Frauen zu Alkohol greifen, um Probleme wegzutrinken, während Männer hingegen eher der Kultur halber trinken. Bedenklich wird es, wenn der Konsum nicht mehr kontrollierbar ist, der ständige Wunsch, alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, präsent ist und trotz schädlicher Folgen weitergetrunken wird.

Prävention

Das ist auch der Grund, weshalb der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger mit dem neuen Buch: Alkohol zwischen Genuss und Gefahr darauf abzielt, Menschen besser zu informieren. Nach Meinung der Leiterin des Instituts für Suchtprävention Wien, Lisa Brunner, ist die Vorbildwirkung im Umgang mit Alkohol sehr wichtig und entscheidend für die Zukunft der Jugendlichen.

Junge Erwachsene entwickeln Interesse daran, am Wochenende und bei Partys alkoholische Getränke zu konsumieren. Das kann ihnen ja auch schlecht verboten werden, sofern sie alt genug sind. Sollte es auch nicht — denn ein Verbot führt oftmals zu einer Trotzreaktion bei der Jugend.

Vor allem Kinder leiden darunter, wenn eine Alkoholabhängigkeit in der Familie vorkommt. Diese müssen sich um den Haushalt und Geschwister kümmern und ziehen sich oft zurück. Etwa zehn Prozent der Kinder unter 18 haben mindestens einen alkoholkranken Elternteil. Die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche aus alkoholabhängigen Familien selbst einmal in eine Sucht geraten, ist sechsmal so hoch wie bei anderen Kindern.

Laut Expertenmeinung wäre der erstrebenswerte Weg, mit Hilfe von Schulungen die Lehrerinnen und Lehrer über das Thema Alkohol genauer aufzuklären und weiterzubilden. Junge Erwachsene sollen sachlich darüber informiert werden, wie Substanzen psychisch und physisch wirken. Auch mit Rauschbrillen, die einen betrunkenen Zustand simulieren, soll gearbeitet werden. Außerdem werden Regeln etabliert und Anleitungen zu einem moderaten Umgang mit alkoholischen Getränken nähergebracht.

Die häufigste Suchtdiagnose

Laut Mechtcheriakov steckt jede/r fünfte ÖsterreicherIn in der Gefahrenzone eines kritischen Umgangs mit Alkohols. Etwa fünf Prozent sind tatsächlich abhängig. Diese Zahl wirkt nicht sehr groß, allerdings ist es die am öftesten vorkommende Diagnose bei Suchterkrankungen, wie von Brunner bestätigt. Bedenkt man aber, wie schwer es ist, von einer Abhängigkeit loszukommen und vor allem nicht wieder rückfällig zu werden, so ist die Zahl besorgniserregend.

Problematisch wird es, wenn die Konsumenten versuchen, dem Rausch hinterher zu trinken. Der sogenannte Gewöhnungseffekt — nämlich, dass man durch regelmäßigen Konsum immer resistenter wird — wirkt sich zwar insofern positiv aus, dass der bzw. die “Trinkende” wenig körperliche Beeinträchtigungen verspürt, nur benötigt die Person dann immer mehr Substanzen, um betrunken zu sein. Wenn der Konsum über mehrere Monate nicht verringert werden kann, ist es ein Zeichen dafür, die Notbremse zu ziehen.

Der Gesundheitspsychologe Alfred Uhl bestätigt, dass Österreich nach wie vor im Spitzenfeld des Alkoholkonsums in Europa liegt und das, obwohl sich dieser in den letzten Jahren um fast 20 Prozent verringert hat. Grund dafür ist, dass Länder wie Frankreich und Italien, die bislang an oberster Stelle lagen, ihren Alkoholkonsum noch drastischer reduziert haben. Seit den 1970er Jahren ist der Alkoholkonsum im Allgemeinen aber gesunken.

Katharina auf Twitter: @ina_stelzinger

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